Sonntag, 20. September 2015

Angst – krankmachende Folge der Erkenntnisfähigkeit – Urvertrauen

Fortsetzung der Textreihe: Angst – krankmachende Folge der Erkenntnisfähigkeit 

Grundmodell der psychischen Beschwerden, der psychosomatischen Störungen und körperlicher Krankheiten und Leiden.



Urvertrauen – Gegenspieler der Angst

Vertrauen heißt nicht wirklich wissen aber an „Gutes“ glauben


Die Einleitung versuchte, in etwa nachvollziehbar zu machen, dass mit der Fähigkeit Vergangenes zu speichern und für das Handeln im (sehr kurzen) Jetzt für die Selbsterhaltung des lebenden Organismus (er will um jeden Preis am Leben bleiben) nutzbar zu machen, die Empfindung Furcht mit allen auch vegetativ auf Überlebensstrategien aktivierten Handlungsbereitschaften entstehen lies. Furcht: Das Erkennen einer jetzt bestehenden, realen Situation, aus welcher ähnlichen in der Vergangenheit besonderen Anstrengungen von lebenserhaltenden Maßnahmen erforderlich wurden. Nun kann zum einen darauf zurückgegriffen werden, auf die Kenntnisse (instinktiven Prägungen) von früher aufzubauen und eine gute Vorbereitung auf einen Reaktion darauf zu treffen (z.B. Angriffs - oder Abwehrbereitschaft mit allem, was körperlich dazu gehört – Adrenalin usw.): vegetativ. Zum anderen kann auch auf Handlungsmuster zurückgegriffen werden, die damals erfolgreich waren oder es können „Fehler“ von damals vermieden werden: psychologische Strategien.

Berufstätige, die immer wieder in gefährlichen („brenzligen“) Situationen arbeiten müssen – Feuerwehrmänner/-frauen – trainieren ihren Körper darauf und prägen sich Handlungsabläufe ein, um dann wenn die Situation auftritt, das wahrscheinlich effektivste und selbsterhaltende schon wie automatisch umsetzen zu können; in Situationen, die mit großer Sicherheit beruflich auftreten werden. Auch wenn sie jetzt nicht da sind, diese Situationen werden hochwahrscheinlich mal Realität.

Doch anders ist die Angst. Die Situation, die man „befürchtet“, auf die sich der Körper vegetativ (psychosomatische Erkrankungen als Folge) unnötig einstellt, ist gar nicht da. Und wird auch so nicht da sein. Sie ist „erdacht“.
Bei der Furcht ist die „Idee“: Diese Situation ist da oder wird sicher kommen und dann wird man mit den Möglichkeiten, die man dann haben wird (den Umständen entsprechend) schon handeln können. In der Situation sorgen dann schon Substanzen, die im Gehirn freigesetzt werden (z.B. Endorphine), dafür, dass man keine Hemmnisse sieht: Hunger und Durst stören nicht, auch Schmerzen werden unwichtig und vor allem, Ideen, dass der kleine David dem großen Goliath unterlegen sein könnte weichen einer Zuversicht ins eigene Tun.

Doch die Erkenntnisfähigkeit, die auch festgestellt hat, dass es „immer anders kommen kann, wie man denkt“, dass eben immer vorher Unwägbares, vielleicht noch gar nicht Bekanntes hinzukommen könnte, ist die „Mutter der Angst“.

Man kann sich noch so gut auf alles vorbereiten, Vorsorge für jeglichen Fall betreiben (Sorgen – ein mildes Wort für Ängste?) - doch was ist, wenn man an eine Kleinigkeit nicht gedacht hat und die eintritt? Man hat alles eingerichtet, jedes vermutete Hindernis beseitigt und dann kommen „Kapriolen“ der Natur hinzu: Der Wind tanzt im Kreise und wird zum wirbelnden Sturm – der „böse Nachbar“ hält sich nicht an Regeln und Gesetze und überfährt mich volltrunken in meinem Vorgarten. Er hat halt im Suff seine Garageneinfahrt verpasst.

Was dann? Das, was noch in der realen Situation der Furcht aktuell im meinem Gehirn gar nicht zum Zuge kam, die Fragen: was wäre wenn nun noch das (Unvorhersehbare) käme und kann ich mir und meinen Fähigkeiten trauen, prägen die Angst.

Kann ich Vertrauen, dass alles gut wird, falls mal eine Situation kommt, mit der ich Gefahren für das Überleben verknüpfe? Von der (zumindest etwas symbolisch ähnlichem) ich vielleicht in der Vergangenheit (zu oft) erlebte, dass ich nur mit Mühe knapp bestehen konnte? Was dadurch die Frage aufwarf, wird es das nächste mal noch überlebt? Reichen dann deine Fähigkeiten noch aus? Es kann ja dann gerade mal nicht reichen.

Und das Hirn versucht sich zu beschwichtigen: „es ist doch immer gut gegangen“. Es antwortet sich aber: „ja, da war es noch so und so, aber wenn jetzt das und das dazu kommt?“

Solche Gedankenketten sind fast unendlich fortzusetzen und gebären massenhaft (Selbst-) Zweifel. Endergebnis des „Vorausdenkens“, des sich „Vorabsorgenmachens“: Egal was sein wird, in der jeweiligen „vorausgeführchteten“ Situation wird man scheitern, ist das Leben zu Ende, und man kann nichts tun dagegen. Keine Handlung möglich, auch Training nutzlos!

Wie gut, wenn das Gehirn immer und jederzeit in der Lage ist, bei solchem Denken in nur (angstvoll) zukünftig gemutmaßten Furchtsituationen, immer ein wenig der Endorphine bereit zu halten. Das ist etwas, was der Mensch schon im Mutterleib lernt und in frühen Kindheitstagen vervollkommnet – oder auch nur beschränkt kann. Das ist ein körperliches Korrelat, eine körperliche Voraussetzung dafür, Urvertrauen fassen zu können.

Urvertrauen: die natürlicherweise (aus dem Selbsterhaltungswunsch zusammen mit der Erkenntnis der Unvorhersehbarkeit der Zukunft) entstehenden Angst vor dem „Nicht mehr einer Anforderung gewachsen sein“ nicht mehr erleben müssen. Urvertrauen ersetzt Selbstzweifel (macht diese stumm).

Diese – Endorphine zusammen mit anderen – Gehirnstoffe bzw. deren fehlerhafte Bildung stehen im Zentrum der medizinischen (Psychiatrie) Theorien zu den Erkrankungen des depressiven Formenkreises und der Angsterkrankungen. Körperlich greifbare Krankheits“ursachen“.

Das Lernen, diese Stoffe in Situationen überhaupt zu bilden (wenn keine Bildungsstörungen vorliegen), ist Gegenstand der „philosophischen“ Blicke auf Krankheiten der Psyche. In Pädagogik und Psychologie (Psychotherapie ohne Medikamente).

Hilfsmittel für diese beiden Bereiche können zum einen Drogen sein, die entsprechend auf die Bildung und Wirkung von Hirnstoffen (des Urvertrauens) einwirken sollen – auch Psychopharmaka und auch philosophische Einordnungen des Menschen in Denk- und Weltbilder (im weiten Sinne religiös) sowie „Methoden der Gehirnwäsche“, Umprogrammieren des verknüpfenden Denkens.

Bereiche, was körperlich geschieht mit welchen Folgen und was sich wie im „Kopf festsetzt“ und in Situationen, auch vorausgedachten wie verknüpft wird, mit welchen Folgen wird in späteren Kapiteln ausgeführt. Auch die krankmachenden und heilenden Einsatzmöglichkeiten.

Hier das Thema „Urvertrauen“.

Die Urangst wird bei manchen Psychoanalytikern verbunden mit der Geburt. Diese wird gesehen als erste große Traumaerfahrung.


Ich zitiere: Der Begriff Urangst wird von Psychoanalytikern unterschiedlich definiert:
  • Sigmund Freud bezeichnete 1926 die Urangst als Folge des Geburtsaktes („Urtrauma“) und damit sämtliche späteren Ängste als eine Art Reproduktion dieser Urangst.
  • Otto Rank baute das Konzept der Urangst weiter aus und postulierte, dass ausgehend von dem Urtrauma der Geburt der Mensch versucht, die Seligkeit des Lebens in der Gebärmutter zu suchen (z. B. durch Religion, Kunst oder Philosophie).
  • Karen Horney bezeichnete 1937 und 1945 als Urangst die Angst eines Kindes, von seinen Eltern alleine gelassen zu werden,[3] um dann selbst hilflos einer feindlichen Umwelt und damit dem Tod, der Natur und den Unvorhersehbarkeiten des Lebens gegenüberzustehen.

So unterschiedlich ist das im Grunde nicht. Es hat eine gemeinsame Wurzel („Urtrauma“). Ohne das Thema nun genauer zu bearbeiten, hier einfach und verkürzt dargestellt: In der Gebärmutter sind Signale des Körpers, die darauf hinweisen, dass etwas aus dem Gleichgewicht ist und daraus Funktionsverlust und letztlich der Tod folgen kann, nur beschränkt da. Sie entstehen dann oft in Abhängigkeit mit körperlichen und psychischen Funktionen/Situationen der Mutter, zusammen mit z.B. Hormonen, die die Mutter in Anpassung darauf bildete. Diese können über die Plazenta im Kind wirken. Wäre ein eigenes großes Thema wert, sprengt hier den Rahmen.

Solche „alarmierenden“ Signale sind schon deswegen so selten, weil viele vegetative Funktionen quasi von alleine funktionieren. Es bedarf keiner Lungen um im Austausch mit dem mütterlichen Blut immer hinreichend viel Sauerstoff zu bekommen und das gefährliche Kohlendioxid abgeben zu können. Nährstoffe werden mehr oder weniger kontinuierlich vom mütterlichen Blut übergeben und die „Schlackenstoffe“ von diesem übernommen. Die Haut ist kaum Angriffen ausgesetzt, die diese Hülle verletzen können. Die Temperatur der Umgebung ist nahezu konstant (hängt von Mutter ab), die Haut kann nicht austrocknen usw.

Mit der Geburt wird das Kind ganz rasch einer Fülle von Einwirkungen neu ausgesetzt. Während des Geburtsaktes kommen immer wieder mehr oder minder lange Situationen der Mangeldurchblutung der Plazenta vor (z.B. beim Pressen). Plötzliche Zustände, die im Gehirn des Geborenwerdenden in entsprechenden Zentren (Atem- und Kreislaufzentrum) vorher kaum jemals aufgetretene Signale von Kohlensäure/-dioxidstau im Blut bilden lassen sind verbunden mit Zellfunktionsstörungen auch im Hirn und der Information: ändere sofort was (aber was, wenn man erstmalig alleine in die Welt treten muss?). Dass dann die eigene Lungenatmung (irgendwann) beginnen kann, ist eine „Wohltat“.

Der ganze Körper wird gepresst, muss sich verformen, erlebt Einwirkungen auf seine „Identität“, die sein Bestehen gefährden könnten. Die Umgebungstemperatur sinkt, der Körper verliert rasch Wärme, die er mittels Stoffwechsel schnell wieder nachbilden muss. Der Verbrauch an Blutzucker steigt rasch an, aus den Reserven muss schnell nachgeliefert werden. U.v.m.

Dabei wird das allgemeine alle Funktionen anregende aktivierende „Hormon“ Adrenalin rasch ausgeschüttet. Andere, sogenannte Stresshormone folgen nach, so Cortisol. Der Körper wird auf Angriff oder Abwehr eingestellt, will irgendetwas tun. Aber was? Handlungsmuster, die in früheren Situation mal benutzt wurden, fehlen doch. Noradrenalin, das bei solchen Handlungsmustern im Gehirn aktiv wird, fehlt. Noradrenalin verstärkt und lenkt die Wirkung der Endorphine. Deren beruhigende Wirkung, deren Angstminderung in der Gefahr bleibt aus oder ist nur gering.

Auf so eine Situation konnte das Kind sich nicht einstellen, sie wird zum Urtrauma. Das nun geborene Kind ist auf sich alleine gestellt. Ist vom Funktionieren seiner inneren Anpassungssysteme abhängig. Muss sich einfach darauf verlassen, dass diese wirken und das Leben erhalten. Klar, dass ein (paradiesartiger) Zustand gesucht wird, wie in der Gebärmutter, wenn es um Lösung oder Verminderung von Angst geht. Wenn Angst erst gar nicht auftreten soll.

Und auch klar, dass dieses plötzliche auf sich Selbst-gestellt-werden und in seinen Fähigkeiten zur Selbsterhaltung vertrauen zu müssen, bei allem Unvorhersehbaren, auch symbolisch als Angst vor dem Verlassenwerden (durch die Eltern) interpretiert werden kann.

Doch wenn im späteren Leben die Erfahrung aus der Vergangenheit helfen kann, sich in Situationen zurecht zu finden und zumindest manches in der Zukunft „vorhersehbar“ zu machen, so fehlt diese ja bei der Geburt völlig (es gibt Instinkte). Da passiert etwas, was bisher nie gekannt war. Da werden plötzlich vegetative Funktion gestört, die nicht mal besonders aufgefallen waren. Außer dem von Körper-alarmiert-werden, ist nichts da – außer die (unkonkrete Empfindung) Lebensbedrohung.

Das Kind ist plötzlich ganz vielem (feindlichem) ausgesetzt, ohne dass es zumindest weglaufen könnte. Es kann ja noch nicht mal die Bedrohung konkretisieren. Hat keine Begriffe dafür, nichts, was es schon so kennt – deswegen auch nicht erkennen kann. Auch den Gebrauch seiner Sinne und seines Bewegungsapparates muss es erst lernen.

Es kann nur eines: ungezielte Bewegungen machen (als Zeichen, dass es etwas – aber was? - ändern muss). Und es kann auf sich aufmerksam machen, durch Laute, ungezielte.

Es ist – das weiß es aber nicht? – geschützt durch seine Körperproportionen, sein „Kindchenschema“, welches auf andere Menschen wirkt. Ihm wurde eine „Gabe“ mitgegeben – von wem auch immer, Gott? -, die Biologie hat es so eingerichtet, welche das Neugeborene vor „Feindseligkeit“ schützt, bei anderen Menschen (hier denen, bei denen es geboren wurde), „instinktiv“ den Wunsch erzeugt, es zu schützen, zu nähren, für sein Wohl zu sorgen. Ohne eigenes Zutun des Neugeborenen.

Warum auch immer – das Neugeborene hat keine „denkende“ Erklärung – es ist nicht wirklich der Vernichtung und dem Tode ausgesetzt. Egal wie „unangenehm“ sich gerade etwas anfühlt. Irgendwie wird es gut – oder doch nicht? Irgendwann, man muss nur durchhalten, wird es gut – oder auch doch nicht?

Mit zunehmendem Lernen des Gebrauches der Sinnesorgane und des Bewegungskörpers wird auch zunehmend im Gehirn Erlebtes (mit erst zunehmender Differenzierung und erst langsam entstehender Begrifflichkeit) gespeichert und mit Erlebtem verknüpft. So z.B. das Verschwinden des Bedrohungsgefühl, welches aus sinkendem Blutzuckerspiegel resultiert und dem Gefühl von Lippenberührung, Saugreflex und Erfüllung des Mundraumes mit irgendetwas irgendwie Schmeckendem. Und dann der dabei vorhandenen Berührung der Haut, Wärme, Bewegtwerden des Körpers, Vibrationen der Trommelfelle (Laute der Mutter z.B.) usw. Das vermag vielleicht an die Vibrationen erinnern, die in der Gebärmutter über das Fruchtwasser einwirkten in paradiesischen Zeiten, zusammen mit Wärme usw.

Ein Gesicht wird nach und nach über seine Muster beim Sehenlernen gespeichert. Das Gesicht, die Stimme, die Geräusche die diese machen, der Menschen, in deren Anwesenheitszusammenhang, die Lebensbedrohung sich minderte. Auch wenn nicht erklärt werden kann (von erst erklären lernenden Kind) warum diese da sind, warum sie so handeln, dass die Anwesenheit die „befreienden“ Handlungen auslösen kann, wird das immer deutlicher. Auch wird immer deutlicher, dass die zuvor ungezielten Bewegungen und ungezielten „Angstlaute“ etwas, irgendwann erkannt, Unterschiedliches bewirken. Das wird gespeichert und mehr und mehr gezielt eingesetzt.
Ein weiteres, für die Zukunft Wichtiges, kann gelernt werden: Auch wenn im Moment der Körper beunruhigende Alarmsignale sendet, meldet, dass etwas geändert werden muss, meldet, dass der Körper an etwas Bedarf hat, Bedürfnisse, kann diese Befriedigung der Bedürfnisse vielleicht etwas warten – ohne dass der Tod eintritt. Es wird gelernt, dass Bedürfnisse nicht immer (gleich) erfüllt werden müssen, die Frustrationstoleranz wird erlernt, das Wartenkönnen – gar Verzichtenkönnen.

Zunächst dann am besten, wenn die „Bezugsperson“, die, von der man erfahren hat, dass mit ihr „Angstminderung“ verknüpft ist, zu sehen, oder zumindest in der Nähe ist. Schon weiter fortgeschrittene Erfahrung: dass erfahren wurde, dass diese wieder kommt (warum auch immer), auch wenn sie mal verschwunden war, dann wiederkommt, wenn es noch zum „Lebenretten“ reicht.

Das Kind hat erfahren/gelernt, dass es trotz bedrohlich erscheinender Situation aus sich so lange überleben kann, bis – warum auch immer – Hilfe kommt. Wenn die Entwicklung in den ersten 10 bis 12 Monaten (so lange dauert diese „Orale Phase“) gut verlief, dann steht am Ende das Urvertrauen in das Leben und die eigene Überlebensfähigkeit, egal was sein wird. Urangst wird durch Urvertrauen „abgelöst“.

Die vielen Faktoren - darunter auch die, die zu den neurotische Störungen führen können, die Karen Horney (s.o) daraus ableitete - die diese Entwicklung stören können, wären in einem eigenen Thema zu betrachten. Wäre ein späterer Text.

Urvertrauen, darinnen die Frustrationstoleranz, das Wissen (im Grunde nur eine Hoffnung bei allen Unwägbarkeiten), dass „nichts so heiß gegessen, wie gekocht wird“, alles gut werden kann und die Erfahrung, dass die Selbsterhaltungsfähigkeit allen (so hofft man) Belastungen trotzen kann und Lösungen finden wird, macht Leben ohne Angst möglich. Jedoch, die Klammereinschübe zeigen es, man muss bereit sein, das Unvorhersehbare hinzunehmen. Urvertrauen ohne Hoffnung, dass es schon „gut“ gehen kann, gibt es nicht. Doch wo Hoffnung, da gibt es Zweifel und für den einen oder anderen damit Nährboden für Angst/Ängste.


Wird fortgesetzt

Copyright K-U. Pagel 09.2015







Montag, 31. August 2015

Angst – krankmachende Folge der Erkenntnisfähigkeit - Einleitung

Angst – krankmachende Folge der Erkenntnisfähigkeit

Grundmodell der psychischen Beschwerden, der psychosomatischen Störungen und körperlicher Krankheiten und Leiden.

Einleitung

Mit dem Leben, eines jeden Organismus ob einzellige Bakterie, ob Pflanze ob Tier (Mensch), ist grundsätzlich verbunden, dass es sich erhalten will. Leben will leben und das ist sein Grundmerkmal.

Dazu ist jedes lebende System mit einem mehr oder minder guten Selbsterhaltungssystem ausgestattet (in der Homöopathie nach seinem Begründer S. Hahnemann „Lebenskraft“ benannt). Dazu gehört, dass es die grundsätzliche Notwendigkeit gibt, das Leben (als Prinzip) fortwähren zu lassen. Deswegen ist es unerlässlich, dass ein lebendiges System versuchen muss, sich fortzupflanzen, zu vermehren und so einem Stillstand, der Gegner des dynamischen Lebensmotors, zu entgehen.

In der Biologie gehört es zu den Eigenschaften des Lebens (des lebenden Organismus),

- dass es eine Abgrenzung gegen die Umgebung gibt. So wird der Organismus zum eindeutigen, individuellen ICH. So ist es überhaupt erst möglich, einen Organismus als solche Einheit zu identifizieren. Geht die Abgrenzung (Hülle) verloren, löst sich der Organismus auf und lebt nicht mehr als solcher. Es muss also die Selbsterhaltung dafür sorgen, dass diese Abgrenzung – auch gegenüber anderen Lebewesen – erhalten bleibt. Auch wenn von außen immer wieder „daran gekratzt“ wird oder von innen vieles „hinausdrängt“. Jedem Lebewesen ist durch seine Hülle (Abgrenzung) dieses ICH, SELBST, gegeben. Unabhängig davon, ob ein irgendwie geartetes intellektuelles (Selbst-)Bewusstsein bereits entwickelt wurde. Ich bin, weil ich bin und ich bin, weil ich bin (lebe), solange ich bin (lebe). Selbst wenn ich darüber nicht nachdenke, mich nicht in irgendein System (spekulierend denkend) einordne. Es ist nicht zu verwechseln mit dem bewertenden (Erkenntnisfähigkeit) SelbstWERTgefühl.

- dass, der Organismus für seinen Aufbau, seine Strukturen notwendiges stoffliches Material erhält. Welches zum Selbsterhalt, so auch der Hülle, immer wieder eingesetzt werden muss, um dynamiktypischen Verschleiß zu ersetzen, neues aufzubauen usw. Dazu kommt, dass die notwendigen Energieträger aufgenommen werden müssen, aus denen dann die Kräfte für chemische Vorgänge und physikalische Phänomene freigesetzt werden können.
Man nennt diese Vorgänge Stoffwechsel.

- dass sich ein Organismus fortpflanzen kann (Zellteilung oder wie auch immer) und so die „Lebensidee“ sich erhalten kann, auch über den Zerfall eines derzeit bestehenden lebendigen Organismus hinaus. Niedergeschrieben ist die Lebensidee in den Genen, die (auch fortentwickelt) weitergegeben werden.

Nur, wenn diese drei Elemente gegeben sind, spricht die Biologie von einem Lebewesen.

Der Tod gehört zur Lebensidee dazu. Dem Tod kann das Leben nur entgehen, wenn es sich vermehrt, in einem aus Vermehrung entstehenden Lebewesen (Tochterzellen bei Teilung, Kinder) neue Gestalt annimmt. Die Nachkommen stellen sicher, dass das Leben in dieser Linie fortbesteht. Leben als Grundprinzip, Leben als Idee.

Das ist schon uraltes Wissen (nachdem Lernen mit dem „Gehirnausbau“ evolutionsbedingt entwickelt wurde), auch wenn die heutigen wissenschaftlichen Kenntnisse fehlten. Scon in de Bibel ist zu lesen: Sei es bei der Aufforderung (galt schon im „Garten Eden“) des Fruchtbarseins und des Vermehrens. Sei es im 4. Gebot: Ehre Deine Eltern, als Aufforderung nicht zum Gehorchen gegenüber konkreten Personen (allein) sondern auch als Grundsatz, dass man das Leben der Vorfahren und das, was sie geschaffen und hinterlassen haben, annimmt und im Sinne des Lebenserhaltes fortsetzt und an neue Bedingungen anpasst. Eine Aufforderung an den „denkenden“ Menschen, sich der Regel des Lebens bewusst (Wissen) zu bleiben, „setzte fort, was war und bewahre so das Leben“. Auch wenn mit den „Denken“ die Möglichkeit geschaffen wurde, gegen automatische, instinktive (paradiesisch vorgegebene) Regeln zu verstoßen. Der Mensch ist in gewisser Weise frei geworden, hat Verantwortung übernommen („macht Euch die Erde untertan“) und tragt die Folgen seinen Handelns.

Im Paradies lief das Leben ab, mit Werden und Vergehen aber mit ständigem Weitergeben der Grundidee „Leben“ an aus Lebewesen entstehenden Lebewesen. Und die Voraussetzungen dazu mussten auch im Paradies gegeben sein: Abgrenzung, Stoffwechsel und Fortpflanzung. Folgt man der Schöpfungsgeschichte der Bibel, gab es da jedoch eines nicht: Die Lebewesen hatten keine Erkenntnisfähigkeit (Denken, Bewerten von Gut und Böse). Und sie hatten kein ewiges Leben. Ewiges Leben wäre im Sinne der Lebensidee (ohne Werden und Vergehen dabei) STILLSTAND.

Erst der „Sündenfall“ (Sünde setzt Bewertung von Tun voraus, also Erkenntnis) brachte die Erkenntnisfähigkeit, damit die Möglichkeit zu sündigen (ohne Erkenntnis von Schuld keine Sünde). Der Mensch aß vom Baum der Erkenntnis – vom Gegenspieler Gottes (Gott ist Leben, Schöpfung, dynamischen Werden), dem Teufel (Zerstörung der Lebensidee hin zum Stillstand) dazu bewegt. Der Mensch hat auf Propaganda, gelenkte Information gehört. Auch heute ist der Mensch so leicht zu beeinflussen in seinen Tun und seinem Selbstbild. Doch blieb der Baum des ewigen Lebens mit seinen Früchten unangetastet.

Ohne Erkenntnisfähigkeit, ohne Bewerten und daraus in die Zukunft spekulieren können, gibt es nur das aktuelle reale Leben im (extrem kurzen) Jetzt. Das ist jetzt schon wieder vorbei und ein neues hat begonnen. Prinzip des Leben, Dynamik. Auch eine Vergangenheit gibt es nicht in der Realität, im Jetzt. Den das Wort sagt es schon, es ist vergangen. Jedoch sind die Folgen dessen, was soeben war, oft noch im Jetzt zu tragen.

Der paradiesische Zustand ist dadurch gekennzeichnet: es gibt nur das Jetzt, alles andere existiert nicht für das Lebewesen. Und das immer jetzt geltende Lebensgebot: bleibe abgegrenzt, damit als Selbst erhalten. (Selbsterhaltungssysteme). Dazu nutze den Stoffwechsel und nimm alles, was gerade da ist dafür. Und sorge jederzeit wenn es möglich ist, dafür, dass aus Dir neues Leben entsteht, sich das Lebensprinzip, die Lebensidee so fortsetzt.

Reagiere so immer auf das, was gerade im Jetzt mit Dir, um Dich ist. Das Leben will sich so aus sich selbst erhalten, ohne „Bedenken und Erkenntnis“. Es läuft eben paradiesisch (nur nach den Regeln Gottes) ungestört ab.

Man kann sagen: „Unter Selbsterhaltung versteht man ein biologisches (Lehre vom Leben) Prinzip, das es Lebewesen aufgrund angeborener Verhaltensweisen ermöglicht, sich am Leben zu erhalten, das Leben zu erhalten. Im Jetzt.

Doch es zeigte sich, dass die Lebenserhaltungsfähigkeit sich steigern ließ, wenn auch Vorgänge der Vergangenheit (Regel von Aktio und Reaktio) für Verhaltensweisen genutzt werden konnten. Mit der fortschreitenden (fortschreiten ist ein Prinzip des Lebens) Entwicklung eines „Denkorgans“ kam das Lernen aus Vergangenem hinzu. Dazu musste auch „gespeichert“ werden können, was wie und warum geschah. Ohne Gedächtnis (Vergangenheit) kein Lernen (Kennen und wieder Erkennen) für das Jetzt möglich. Und es musste die Möglichkeit entstehen, Regeln, Wiederholbares, aus Abläufen der Vergangenheit zu erkennen, und auf die Handlung jetzt zu übertragen.

Mit dieser Fähigkeit, Regeln zu sehen und diese zu ERKENNEN (Wissen) und der Erkenntnis (Erinnerung daran) entsteht dass Wissen, dass dem Jetzt ein Morgen folgen wird (Zukunft) welches wieder erfordern WIRD, sich an dann bestehende Bedingungen anzupassen, um irgendwie weiter leben zu können. Aus dem Leben wird wieder Leben, das ist nun ERKANNT worden. Und es wird wieder Mühe geben - Anforderungen ans Selbsterhaltungssystem -, sich dann zu behaupten, zu überleben.

Das Wissen aus der Vergangenheit macht es mit der Schaffung der Verknüpfungsmöglichkeit der Erfahrungen, Erlebnisse zu einem vorausschauenden Denken möglich, dafür Sorge zu tragen, dass auch morgen vielleicht alle belastenden, Selbsterhalt gefährdenden Einflüsse und Bedingungen vermieden werden können. Das Leben fordert nun entsprechenden Einsatz auch für Morgen. „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen“. Und diese Erkenntnisse brachten, dieses Wissen brachte mehr: Das Bewusstsein (wissen), dass es den Tod für das Einzelindividuum zwingend geben wird. Denn das hat man in der Vergangenheit immer wieder beobachtet: Jeder Organismus ist einmal gestorben, vor allem, wenn die Bedingungen drum herum die Erhaltung der Lebensvoraussetzungen: Abgrenzung, Stoffwechsel als Grundbedingung der Fortpflanzung, schlecht wurden, starb er recht bald.

Störungen dieser Lebensvoraussetzungen hat das (paradiesische, automatische) Selbsterhaltungssystem zu korrigieren versucht, benötigte dafür aber entsprechende Informationen aus dem inneren: Gestörte Abläufe ließen Stoffe entstehen, die diese Störung zeigten. Aktivierten, nach automatischen Gegenmaßnahmen oder/und Kompensationen zu suchen. Aus der Palette der (vorgegebenen, Gene) Reaktionsmöglichkeiten.

Mit der sich entwickelnden Erkenntnisfähigkeit ergab sich, dass solche Informationen verknüpft wurden mit dem prospektiven Vermuten, dass daraus letztlich der Tod folgen könnte. So wurden - paradiesisch zunächst neutrale - Signale (Empfindungen) wie Hunger, Schmerz, Verlassenheit zu Leiden (Pathos, pathologisch) machenden Empfindungen.

Es ist die Fähigkeit zum Denken, zum Speichern von Erfahrungen aus dem Gestern und zum Schlussfolgern auf das Morgen, unter der Fähigkeit, zu bewerten, dass Leben gut und Tod schlecht – auf jeden Fall zu vermeiden – ist, zum „Bewusstsein“ der Sterblichkeit geworden. In der Vergangenheit galten Regeln. Es gab immer wieder vorher Einflüsse, die das Leben bedrohen konnten. Daraus ergab sich für das Jetzt, dass solche Einflüsse, Bedingungen „alarmierend“ wirkten, besondere Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft forderten. So der Löwe, der mir gegenüber tritt, oder das Gewitter, dessen Blitz mich treffen kann. Eine solche reale (nicht für die Zukunft vermutete) Situation erzeugt die Aktivierung (Stress), den man Furcht nennt. Und die helfen soll, in dieser Situation (mit den Kenntnissen aus der Vergangenheit, den entwickelten Fähigkeiten) die Situation lebend zu überstehen. Es ist dann (hoffentlich) ein Handlungsablauf vorgesehen (erlernt, Instinkt), der z.B. über Angriff oder Flucht eine Überleben ermöglicht. Weglaufen vor dem Löwen (oder ihn mit anderen zusammen erlegen), Schutz suchen vor dem Blitz.

Die Furcht soll vorhandene Handlungsmöglichkeiten, Lösungen für das akut bedrohende „Problem“ abrufbar machen. Und sie sorgt dafür, dass gelernt wird, Situationen, in denen solche Bedrohungen auftreten können – nebst dem Erfolg oder Misserfolg der Handlung – frühzeitig zu erkennen und vielleicht zu vermeiden.

Das Erkennen, dass es einen Winter geben wird und dann Nahrung knapp werden kann, hat, schon instinktiv, dazu geführt, dass Lebewesen, wenn sie den kommenden Winter erkennen, Vorräte anlegen und so vermeiden, das bedrohliche, pathische Empfinden des Hungers (vor dem man sich fürchtet, weil er „Todesgefahr“ anzeigt) gar nicht erst erfahren zu müssen.

Furcht ist hilfreich. Man kann ja etwas tun.

Doch eine Erkenntnis hat sich aus der Vergangenheit ergeben: Nichts ist wirklich sicher voraussehbar, jede Regel kann durch sich (auch plötzlich) ändernde Bedingungen aufgehoben werden. Egal wie wir planen, egal was wir vorbereiten: „Es kann immer anders kommen als man denkt“.

Das ist eine Regel des Lebens: Entwicklung, Änderung, unvorhersehbares Neues (die unberechenbare Allmacht Gottes). Und dann? Kann ich dann Lösungen (neu) finden? Kann ich darauf vertrauen, dass Bewährtes, meine Fähigkeiten, noch ausreichen? Hier setzt das Selbstbewusstsein ein: Wissen um die Fähigkeiten des Ich, sich selbst zu erhalten. Und das Selbstwertgefühl (Selbstbewertung!) ein mit den Fragen: Bin ich in der Lage, auf diese meine Fähigkeiten zurück zu greifen? Werde ich leistungsfähig genug sein, den Neuen zu trotzen, zu überleben?

Dann kann dazu kommen, wenn man daran zweifelt, sich als weniger „selbsterhaltungsfähig“, als andere zu fühlen (geringer wertig, unterlegen gegen die Einflüsse der Umwelt), dass man besonders intensiv daran denkt (dahin plant), auf das Morgen vorbereitet zu sein. Sich dann Situationen vorstellt, in denen Bedrohungen bestehen könnten; sich Situationen ausdenkt, in denen man vielleicht reagieren müsste – und „befürchtet“ nicht regieren zu können.

Aus der realen Furcht vor dem tatsächlich lokal vorhandenem Löwen kann so die irreale ANGST vor Löwen überhaupt kommen, wenn die (selbstbewertende) Erwartung besteht, man könnte in so einer Situation nichts tun, dieser ausgeliefert zu sein, ohne Überlebensaussicht.

Die Erfahrung der Vergangenheit, das man immer mit seinen Fähigkeiten eine Lösung gefunden hat, kann Zuversicht geben, dass das auch zukünftig so sein wird (Urvertrauen), doch der Zweifel an diesen Fähigkeiten (Selbstzweifel, geringes Selbstwertgefühl) macht ANGST.

Urvertrauen (das Leben ist so eingerichtet, dass ich überleben kann) gegen Angst (ich kann dem Leben nicht gewachsen sein). Urvertrauen, dass, auch wenn ich unausweichlich sterbe, das Leben aber nicht zu Ende ist, gegen die Angst, das mit meinem Sterben das Leben (insgesamt) zu Ende sein muss.

Wenn man – der Organismus bereitet sich auf Handeln vor – in einer Furchtsituation (mit Vertrauen darauf, diese überstehen zu können) im Grund nicht hilflos ist, sich nicht so empfindet, ist das in der Angstsituation anders. Man hat sozusagen Furcht ohne Grund. Man kann deswegen nicht handeln. Alles, was der Organismus vorbereitend aufs Handeln macht, was vegetativ geschieht (Stress), ist völlig unsinnig.

So wird die Angst (psychisch wie körperlich) zum Faktor, der die innere Regulation, die Selbsterhaltung, unsinnig macht. Alles ist aktuell falsch, denn das, worauf sich der Organismus einstellt ist nicht da. „Erdacht“. Existiert nur im Kopf, nicht im realen Jetzt.

Wird fortgesetzt




Copyright K.-U.Pagel 08.2015

Mittwoch, 19. August 2015

Demnächst hier: Thema Angst und Krankheit

Vorankündigung

Als nächste Textreihe ist das Thema "Angst" vorgesehen, abgeleitet auch aus der Selbstregulationskraft/Selbsterhaltungskraft, die Hahnemann in seiner Lehre herausgearbeitet hat (siehe frühere Texte hier). Als etwas, was mit dem Leben verbunden ist und erst durch "Erkenntnisfähigkeit" seine krankmachenden Folgen entwickeln kann.

Es ist auch ein Einstieg in die Psychosomatik und greift die verschiedenen Formen der "Angstbewältigung" auf, Verdrängungen, Religionen, Kulturen usw.

Das Thema ist vielschichtig und fasst viele Bereiche zusammen: Philosophie, alte Geheimwissenschaften, Psychologie, Biologie und Medizin sowie Religionen.

So kann es kommen, dass manches zunächst schwer verständlich erscheint - man kann nicht überall das nötige Vorwissen haben, vielleicht den Denkansatz nicht sofort verstehen und nachvollziehen kann. Vielleicht muss man sich erst von Kapitel zu Kapitel arbeiten um manches dann "plötzlich" doch zu erkennen.

Es kann sein, dass von manchem, wie es geschrieben wird, eine Resonanz im Leser erzeugt wird: Vorurteile und Ablehnung aktivieren, die schon da sind, das Weltbild scheinbar ankratzen aber auch im Kopf viele Beispiele erscheinen lassen, in denen man das Gelesene wiederzufinden meint.

Es lohnt, zu hinterfragen, warum das Gelesene irgendetwas im Leser angesprochen hat, warum er mit Emotionen in positive oder negative Resonanz tritt. Denn: Die Angst steckt in jedem und ist mehr oder minder gut unterdrückt oder ins Leben (positiv) eingebaut.

Sonntag, 12. Juli 2015

Homöopathie nach Hahnemann – Übertragen auf heute



Homöopathie nach Hahnemann – (meine persönliche) heutige“ Sicht von Gesundheit und Krankheit – Lebenskraftprinzip
Samuel Hahnemann hat mit seiner Lehre von Gesundheit und Krankheit als Grundidee der Homöopathie den Gedanken neu in die Medizin eingebracht, dass das, was man als Körperzeichen sieht (Symptome), der Ausdruck der Inneren Regulation/Selbsterhaltung auf Einflüsse von Außen und auf „Messwerte“ betreffend der inneren Vorgänge ist. Er nannte dieses Prinzip, ein dynamisches Prinzip, die Lebenskraft. Dabei bezog er sich bei dem Wort Kraft auf das, was aus der wissenschaftlichen Physik seiner Zeit als Kräfte bekannt war. Kräfte bewirken mit ihrer Einwirkung alle feststellbaren Veränderungen. Jedoch kann man die Kraft selbst nicht sehen. Sie ist wie ein Geist/Gespenst unsichtbar. Was man an Veränderungen (Dynamik) beobachtet geschieht „wie von Geisterhand bewegt“.

Wie sich ein lebender Organismus auf jeweilige innere oder äußere Bedingungen (Veränderungen der Bedingungen) anpasst, ist verschieden. Zum einen spielt die Art des Organismus eine Rolle: Tiere, Pflanzen, Menschen – ja auch Mineralien mit den ihnen innewohnenden Strukturgebungskräften. Zum anderen können beim Menschen ganz individuell unterschiedliche (aber zur Lebenskraft Mensch gehörende) Variationen der Anpassung gefunden werden.

Beim Menschen sind diese Regelprinzipien grundsätzlich darauf ausgerichtet, den Organismus immer am Leben zu halten (solange ihm Leben vorgesehen ist), auch bei allen Widrigkeiten von Außen (Hunger, Durst, Jahreszeiten usw.). So ist die Symptomatik bei Infektionen (die Zeichen der Selbsterhaltungsbemühungen) keine Krankheit, sondern Zeichen des (gesunden) Selbsterhaltungsversuchs und der Gegenwehr (Gegenreaktion) gegen schädliche Einflüsse (Erreger).

Hahnemann hat eine physiologische Medizin beschrieben, bei der der Körper mit seinen gegebenen Möglichkeiten eine Antwort/Gegenwirkung gegen Einflüsse von Außen gibt, um sich im überlebensfähigen Gleichgewicht zu halten – sich dahin zurück zu bringen.

Krankheit bedeutet danach, dass dieses Regelprinzip, die vorgegebenen Anpassungsstrategien irgendwie gestört wurden. Falsche Programme, unangemessene Programme laufen. In dieser Situation kann der Organismus den (krankmachenden) Einfluss nicht ausgleichen. Er macht statt dessen – auch das ist zur Lebenserhaltung nötig – Kompromisse. Wenn z.B. durch eine Störung ein Organ nicht hinreichend durchblutbar ist, erhöht er den Blutdruck (und alles ist gut). Auch wenn dieser Ausgleichsversuch auf Dauer gehalten werden muss und dann seinerseits zu „Schäden“ führen kann. Lieber eine Kompensation durch weniger Schädliches als am „Grundschaden“ in kurzer Zeit versterben.

Während die gesunde Lebenskraft= die Selbsterhaltungskräfte= innere Regulation immer dafür sorgt, dass früher oder später wieder der (durchschnittliche) gesunde Zustand erreicht wird, geht das bei gestörter Lebenskraft= inneren Regulation eben nicht mehr. Ein „Innerer Arzt“ eine Selbstheilungskraft ist dann nicht gegeben. Bei dieser Störung, dann Krankheit, ist Hilfe von außen (Heilkundler) notwendig mit Arznei oder anderen angemessenen Mitteln.


Die physiologischen „Anpassungsmuster“ sind zum einen über die Gene abgesteckt. Was der Organismus tun kann, ist abhängig davon, dass solche Gene überhaupt vorhanden sind. Wer keine Gene hat zur Entwicklung von Beinen, hat keine solchen Beine.

Hat er aber Gene für Beine und entsprechende Beine entwickelt, so bestimmen wiederum Gene wie die Beine benutzt werden. Dabei ist nicht nur ein Gen aktiv. Eine Zahl verschiedener Gene wirkt zusammen. Fehlt eines davon, dann sind die möglichen Reaktionen beschränkt. Fehlt ein Gen oder ist es falsch „geschrieben“ und durch Vererbung weiter gegeben („Miasmen“ im Sinne von Hahnemann), so ist die jeweilige Krankheit (Anpassungsstörung) genetisch bedingt.

Zum anderen können Einwirkungen diese Genprogramme („erworben“) verändern. Gifte können es bewirken, dass notwendige Stoffe nicht mehr gebildet werden können (Enzyme dauerhaft gestört) oder diese Stoffe falsch und wirkverändert entstehen. Gene können durch Einwirkungen (hier auf Zellen in bestimmten Organen oder Körperteilen) verändert werden. Physikalisch z.B. durch Strahlung oder chemisch durch „Toxine“. Beispiel hier unter anderem die Krebsentstehung.

Auch bereits während der Entwicklung des Organismus aus der befruchteten Eizelle können Teilungsfehler zu Chromosomen-, damit zu Genveränderungen führen, die sich dann auf den ganzen Organismus zeitlebens auswirken. In bestimmten Organentwicklungsphasen, können Einwirkungen, vom Alkohol über Medikamente bis zu Zellgiften, das jeweilige System schädigen und bestimmte Anpassungsmöglichkeiten verändern oder unmöglich machen.

Sogar anhaltende innere „Regulationsstörungen“ der werdenden Mutter können Einfluss darauf nehmen, welche Anpassungsmöglichkeiten beim Kind später bevorzugt oder nicht benutzt werden. Das geht z.B. über (Stress-) Hormone, die die Mutter wieder und wieder ausschüttet (Lebensumstände). Aber auch dadurch, auf welche Umweltbedingungen sich die Mutter einstellen musste. So können die Monate der Austragungszeit einen (kleinen) Beitrag dazu leisten, auf welche Lebensbedingungen das in einem bestimmten Monat geborene Kind eher eingestellt ist.

Da wären wir bei der Paragenetik.

Doch wann sind welche Symptome Zeichen einer angemessenen Anpassungsreaktion oder einer Anpassungsstörung (Krankheit)? Das ist individuell verschieden. Wird jemand in einer bestimmten genetisch festgelegten „Gestalt“ geboren, so ist das die Grenze, innerhalb der überhaupt seine Selbsterhaltung gestalten kann. Siehe Beispiel Beine oben.

Dem Lebewesen ist es z.B. nicht möglich, auf übliche Weise Nahrung zu bekommen. Weder das Sammeln gehen noch das Jagen ist dann in typischer Weise möglich. Es müssen andere Strategien gefunden werden. Fortbewegung durch Kriechen z.B. und es muss Nahrung gewählt werden, die nicht so leicht entkommen kann. Die Möhren würden sich hier anbieten, aber nicht der Hase. Das Fortbewegen durch Kriechen aber auch die vorwiegende Art der Ernährung führen dazu, dass aus den genetisch gegebenen Möglichkeiten ein individuell optimal lebenserhaltendes Verhalten entsteht. Der Gebrauch des Körpers und seiner Muskeln passt sich ebenso an wie die Funktionen des Verdauungssystems. Entsprechend arrangiert sich der Darm auch mit den dadurch begünstigten Bakterien. Und das alles innerhalb der Variationsmöglichkeiten, die über Gene vorgegeben sind. Entsprechend passt sich auch die Paragenetik an. Bestimmte Funktionen werden zu den bevorzugten (gelernt), andere fallen weg.

Das wäre dann jedoch keine Krankheit. Auch wenn die Beine fehlen, kann der Betroffene von der inneren Anpassung, der Selbsterhaltungsreaktion, der Lebenskraft her gesund sein. Er hat nur stärkere Armmuskeln bekommen und sein Darm hat sich auf entsprechende Kost eingestellt (und kann andere nun weniger gut vertragen). Solches (präferierte Reaktionsweisen) kann in gewissem Umfang auf Nachkommen weiter gegeben werden, ohne dass jedoch der genetische Text geändert wird.

Eine bevorzugte Nutzung von Genen ist keine genetische Änderung. So kennt man Erbkrankheiten, die dominant vererbt werden (das kranke Gen wird immer wirksam) oder rezessiv (das kranke Gen wird durch das gesunde verdrängt). Es ist zum Teil noch unklar, warum im einen Fall das kranke Gen bevorzugt und im anderen das gesunde an Stelle des kranken tritt.

Diese Paragenetik ist ein biologisches Prinzip. Es ist biologisch sinnvoll, dass das Kind bereits von den Eltern auf wahrscheinliche Umweltbedingungen/Anpassungsnotwendigkeiten vorbereitet ist. Vielleicht sind so die Instinkte „programmiert“ worden? Das ist eine Art von „Lernen“, von Wissensweitergabe. Jedoch – nicht vergessen – geht das nur innerhalb der Grenzen, die durch existierende Gene gesteckt werden.

Verändern sich Gene selbst (Mutationen) führt das meist zu einem Lebewesen, welches selbst bei bestem Bemühen nicht überlebensfähig (und fortpflanzungsfähig) ist.

Es ist Aufgabe des Arztes, des Heilpraktikers, festzustellen, wann Anpassungszeichen (Symptome) nicht zu den angeborenen Notwendigkeiten passen. Die Selbstregulation nicht zum möglichst langen Leben führt. Das ist im individuellen Fall festzustellen. Er muss unterscheiden können, ob die Lebenskraft, Selbsterhaltung, gestört ist oder vielleicht wegen unpassender Lebensweise/Umstände oder durch anhaltende Belastung von außen eine ständige (auffällige, auf Dauer vielleicht krankmachende) Regulationsstrategie verwendet werden muss.

Achtung! Es geht darum, dem individuellen Einzelnen gemäß seiner besonderen „Fähigkeiten“ und „Schwächen“ zu helfen, diesen „Mangel“ zu erkennen und zu beheben – wenn möglich. Manches ist einfach gegeben, wie die Region, in der man leben muss (Sibirien, Wüste Gobi usw.). Und so können „auffällige“ Anpassungsreaktionen wie bevorzugen oder ablehnen von bestimmten Speisen – vielleicht weil sich der Körper darauf (paragenetisch oder durch genetische „Selektion“) eingestellt hat – für den Betreffenden gesund sein. Wenn jemand bestimmte Nahrungsbestandteile schlechter „verdaut“ als ein anderer, muss das noch lange keine behandlungsbedürftige Krankheit sein. Er muss gemäß seinen Möglichkeiten leben und etwas lassen oder bevorzugen.

Achtung! Hier ist zu unterscheiden von pauschalen Lebens-, Ernährungs- und Gesundheitstipps. Diese haben mit Heilkunde nichts zu tun. Mögen aber ein lohnendes Geschäftsfeld sein.

So wie zu Hahenmanns Zeiten die Kenntnis der Grundlagen in Anatomie (statisch), vor allem Physiologie (dynamisch) notwendig war, so sind es die heutigen Kenntnisse auch, aber das Grundprinzip von Gesundheit und Krankheit ist gleich. Auch wenn Kenntnisse gewachsen sind.

Naturwissenschaft war Hahnemanns Grundlage, nicht eine „Lebensphilosophie“, die als „Gedankenwelt“ entstanden ist. Und so ist es heute in der Heilkunde geblieben.

Selbst in der Psychologie, von manchen „Seelen(heil)kunde“ genannt. So wie Hahnemann die Psyche nicht von den Regelkreisen des Organismus, von der Lebenskraft, abgetrennt hat und nicht als eigenständige „geistige im philosophischen Sinne“, Struktur, die aus eigener „Sicht“ auf den Organismus einwirkt, sieht, so wäre die Psyche in diesem Sinne als ein dynamisches Selbsterhaltungselement des Organismus zu sehen. Auch heute noch.

In der Evolution hat sich ein Gehirn entwickelt, das beim Menschen seine Reaktionen auf Einflüsse auch in die Zukunft gerichtet lenkt. Es hat sich ein Zeitgefühl entwickelt. Dieses unterscheidet zwischen „(gerade) vorbei“ und aktuellen „Realitäten“ (die Gegenwart ist schon vorbei, wenn wir sie spüren). Es hat erkannt, dass auf das extrem kurze Jetzt ein Danach, ein Morgen, folgen wird. In dem wiederum Anpassungen nötig sind, die das Überleben ermöglichen sollen.

Sind wir froh, dass es bis eben gelungen ist, den Einflüssen von Außen, die wir nicht wirklich bestimmen können, überlebend zu widerstehen, so stellt sich die Frage, ob das nachher (morgen) wieder möglich sein wird. Erkennen der Zeit bedeutet auch, erkennen, dass das Morgen wieder die Bedrohung des Weiterlebens sein (bringen) kann. Wir haben erkannt, dass wir nicht einmal Einfluss darauf haben, was der Nachbar machen wird, was er in seinem Interesse gegen uns im Schilde führt. Noch weniger können wir – trotz der modernen Meteorologie – absehen, ob ein Wirbelsturm sich im Gewitter entwickelt oder eine Überschwemmung die Ernten vernichten wird.

Wir haben vielleicht aus dem Gestern gelernt, was, welche Einflüsse, so etwas damals bewirkt haben könnte und können nun vielleicht vermeiden, solche Bedingungen wieder zu schaffen. Aber: zu viele weitere Parameter, die wir vielleicht noch nicht kennen oder/und nicht beeinflussen können, können morgen dazu eintreten.

Aus dem inneren Selbsterhaltungssystem, welches das Überleben irgendwie sichern soll, resultiert auch das Wissen, dass es Umstände geben kann, die solches erschweren oder unmöglich machen. Dem Leben ist der Wunsch zu Leben immanent. Sterben (der Tod) ist deswegen bedrohlich. Verlustangst: Angst vor dem Verlust des Lebens ist die Urangst des Lebenden.

Und es ist vielen Religionen gleich, dass sie dazu helfen sollen, vor dem Tod keine Angst mehr zu haben. Sei es wegen der Idee eines ewigen Lebens, in das man durch den Tod gelangt. Einer Idee eines ewigen Friedens und ewigen Glückseligkeit durch den Tod, oder was auch immer an Vorausschau auf das Morgen.

Solche Vorausschau hat das Gehirn entwickelt. Zum einen, um besser auf das Morgen vorbereitet zu sein, aus dem Erlebten und den Lösungen damals zu lernen und Handlungsmuster für morgen zu haben. Zum anderen aber als Quelle der Urangst: Was ist, wenn die Bedingungen so sind, dass ich mich nicht mehr anpassen kann?

Und die Bedingungen können vieles bedeuten: Menschen können fehlen, die mir helfen, Missernten können eintreten, man kann einen Unfall haben … Immer ist es die Angst vor dem Verlust, hier konkreterer Dinge als nur allgemein des Lebens. Aber Dinge, die das Leben ermöglichen.

Und es (das Gehirn) fängt schon vor dem Morgen an zu überlegen, was notwendig sein könnte, was man es behalten müsste oder bekommen müsste, um morgen noch zu überleben. Man hat aus der Vergangenheit gelernt, was das Überleben sicherte. Entsprechend wird man Wert darauf legen, das wieder zu haben (es können auch Menschen sein, Bezugspersonen).

Dazu kommt „Virtuelles“. Jemand anderes, eine Gesellschaft kann – im Regelfall aus dem Wunsch, sich dadurch eigene Vorteile für morgen zu verschaffen – einem Menschen „einreden“, was er für wichtig halten müsse. Wonach er streben müsse, um morgen nicht sterben zu müssen. Das können Waren sein, aber auch Weltanschauungen. Aber immer mit dem Hintergedanken, dadurch Vorteile (z.B. Geld genug oder Macht) zu bekommen. Indem man den, dem man „Angst“ gemacht hat (weil er etwas angeblich nötige nicht hat) zum zahlenden Kunden macht.

Konsum wird hier zum angstlösenden Faktor, wie es auch der Hirnforscher Gerald Hüther gesagt haben soll. Sich jetzt etwas schaffen, was vielleicht für das Morgen mehr Überlebenschancen zu geben in der Lage wäre.

Und dieses „Steuerelement“ Psyche hat schon immer, seit es sich mit zunehmenden Fähigkeiten bis zum jetzigen Gehirn entwickelte eine Rolle gespielt. Für die Entwicklung von Religionen wie für Kultur und Wirtschaft. Doch das Denken ist gebunden an das leibliche Sein und die dazu gehörenden (vielleicht auch erdachten) Überlebensnotwendigkeiten.

Selbst die abgehobensten Ideen, die „überirdisches“ Sein aus einer „göttlichen“ Welt propagieren, sprechen nur mit den Worten und Bildern des biologischen Seins und geben nur wider, was materiell ist: Man soll etwas Lernen, ein höheres Selbst erlangen, sich transformieren usw. Warum? Eben um in eine Form zu kommen, in der der Tod keine Bedrohung mehr ist.

Auch die Psyche, auch das Denken ist so den Prinzipien, Genen und Epigenetik der Lebenskraft, der Selbsterhaltungskräfte, zugehörig. Sie sind aufs Jetzt und Hier – damit ein Morgen noch sein soll (Überlebenswillen) - zugeschnitten. Und sie sollen helfen, die Urangst, Verlust des Lebens, zu besänftigen.


Der Urangst steht an sich entgegen, dass man einfach nur sich selbst vertrauen können soll, dass die eigenen Selbsterhaltungskräfte es schon richten werden, egal was kommt. Dass der „Schöpfer“ des Lebens, es eben so eingerichtet hat, dass es sich selbst erhalten kann. Ohne alles mögliche erwerben zu müssen. Wenn man sich nur den (individuellen) Notwendigkeiten nach verhält. So wie es ist, ist es an sich gut (auch wenn mancher von Menschen geschaffene Wertmaßstab anderes sagen will).

Und man sollte vertrauen, dass einige Menschen aus dem Leben (auch dem Wissen der Vergangenheit) soviel Kenntnisse gewonnen haben, im Falle der Krankheit als Heilkundige individuelle Hilfe geben zu können. (Ohne sich selbst als Zentrum zu sehen, eigene Gewinne im Vordergrund zu sehen, sich selbst verwirklichen zu wollen oder um das eigene Seelenheil zu retten). Die Heilkundigen erkennen, wo diese Hilfe Grenzen hat und akzeptieren auch, - ohne Angst –, dass es den Tod geben muss und dass das Sterben, der Weg in den Tod, erträglich gestaltet werden kann. (Paliativmedizin).

Copyright K.-U.Pagel 07.2015

Sonntag, 10. Mai 2015

Homöopathie nach Hahnemann - Der Potenzierer wirkt auf Arznei ein?

Homöopathie nach Hahnemann – Einwirkungen auf Arzneien/Wirkveränderungen durch Schütteln


Betreffend Hahnemanns späte Lebensjahre schrieb ich im vorangegangenen Teil, mit Blick auf die sehr viel jüngere (den greisen Berühmten dominierende) Ehefrau: Dazu übernahm sie viele Aufgaben in der Aufzeichnung der Fälle und wirkte auch an den Änderungen in der 6. Auflage des Organon mit (fertig 1943, Todesjahr von Hahnemann). In der dann der Bruch mit der bisher logisch- wissenschaftlich- physiologischen Medizinidee in Form der LM (Q) Potenzen aufgenommen wurden. Die Auflage 5, fertig 1833, kannte diese noch nicht. Die 6. Auflage erschien wegen des Widerstandes klassischer Homöopathen, die eben solche Veränderungen sahen, die sie Hahnemann nicht zuordnen konnten, erst 1921.

Da hatte ich den Focus unter anderem auf seine „Spätentwicklung“ Q- oder LM-Potenzen gerichtet und auf seine „aus seiner logischen Bahn geratenen“ Erklärungsversuche zur „Dynamisierung“ von Arzneien. Hier ein Blick auf seine Ideen (waren es wirklich seine und auf Grund welcher tatsächlichen Erfahrungen entwickelt), wie vor jeder neuen Gabe die Arznei „verändert“ werden müsse.

In der 5. Auflage (1833) taucht so etwas nicht auf. Dort heißt es in den Paragraphen

246
Langsam hingegen fortschreitende Besserung auf eine Gabe von treffend homöopathischer Wahl vollendet zwar auch, wenn sie recht fein ist, zuweilen in ihrer ohne Anstoss fortgehenden Wirkungsdauer die Hülfe, die dieses Mittel überhaupt in diesem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in Zeiträumen von 40, 50, 100 Tagen. Aber theils ist diess selten der Fall, theils muss dem Arzte, so wie dem  Kranken viel daran liegen, dass, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt, und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte. Und diess lässt sich auch, wie neuere, vielfach wiederholte Erfahrungen gelehrt haben, recht glücklich ausführen unter drei Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie in der feinsten, die Lebenskraft am wenigsten empörenden und sie dennoch gehörig umstimmenden Gabe gereicht, und, drittens, wenn eine solche feinste, kräftige Gabe der best gewählten Arznei in angemessenen Zeiträume wiederholt127] wird, die von der Erfahrung als die schicklichsten ausgesprochen werden zur möglichsten Beschleunigung der Cur, doch ohne dass die zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebenskraft zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne.

247
Unter diesen Bedingungen können die feinsten Gaben der best gewählten homöopathischen Arznei mit dem besten, oft unglaublichen Erfolge in Zeiträumen von 14, 12, 10, 8, 7 Tagen wiederholt werden, und, wo Eile nöthig ist, in chronischen, den acutensich nähernden Krankheits-Fällen, in noch kürzern Zeiträumen, bei acuten Krankheiten aber in noch weit kürzerer Zeit, – nach 24, 12, 8, 4 Stunden, in den acutesten, sogar nach 1 Stunde, bis zu jeder fünften Minute – alles, nach Massgabe des mehr oder weniger schnellen Verlaufs der Krankheit und des angewendeten Arzneimittels, wie in der Anmerkung bestimmter erklärt wird.


und 248
Die Gabe derselben Arznei wird einige Mal, nach den Umständen, doch nur so lange wiederholt, bis entweder Genesung erfolgt, oder bis dasselbe Mittel aufhört, Besserung zu bringen und der Rest der Krankheit, in einer abgeänderten Symptomen-Gruppe, eine andre homöopathische Arznei erheischt.

Die Arznei wird also einfach so fortgegeben, ohne erneut darauf einwirken zu müssen. Das war das Resultat vieler Jahre Arbeit damit. Nun, in seiner Pariser Zeit, als „alter Mann einer jungen Frau, die es genoss, im Rufe ihres Mannes zu agieren, schreibt er (alles selbst?) in der 6. Auflage des Organon:

 § 246 Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. … Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraume von 40, 50, 60, 100 Tagen. Aber theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte, so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.
Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war - zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten, ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt, stets geschieht *).
Die wesentliche Abweichung habe ich unterstrichen.
 § 247 Ganz dieselbe, unabgeänderte  Gabe Arznei, selbst nur einmal, geschweige viele Male nach einander (und, wenn die Cur nicht verzögert werden soll, in kurzen Zeiträumen) zu wiederholen, bleibt ein unausführbares Vorhaben. Das Lebensprincip nimmt solche ganz gleiche Gaben nicht ohne Widerstreben an, das ist, nicht ohne andere Symptome der Arznei laut werden zu lassen als die, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, weil die vorige Gabe schon die von ihr zu erwartende Umstimmung des Lebensprinzips vollführt hatte, eine zweite, an Dynamisation ganz gleiche, unveränderte Gabe derselben Arznei daher ganz dasselbe auf das Lebensprinzip nicht mehr auszuführen vorfindet. Nun kann der Kranke durch eine solche unabgeänderte Gabe nur noch anders krank, im Grunde nur kränker werden als er schon war, indem jetzt nur diejenigen Symptome derselben Arznei zur Wirkung übrig bleiben, welche für die ursprüngliche Krankheit nicht homöopathisch sind, also kann auch kein Schritt vorwärts zur Heilung, sondern nur wahre Verschlimmerung des Kranken erfolgen. Sobald man aber die folgende Gabe jedesmal in ihrer Potenz um etwas abändert, das ist, etwas höher dynamisirt, (§. 269., 270.) so läßt das Kranke Lebensprinzip sich unbeschwert ferner durch dieselbe Arznei umstimmen (sein Gefühl von der natürlichen Krankheit ferner vermindern) und so der Heilung näher bringen.

Nun macht er was ganz anderes daraus. Er verlangt, dass jedesmal vor Gabenwiederholung die Arznei in der Potenz etwas „verändert“ wird. Eine Arznei, die unverändert wiederholt wird, soll danach sogar dem Patient „ nicht wieder wohl getan“ haben.

Im § 248 führt er dann aus:

Zu dieser Absicht wird die Arznei-Auflösung 1)vor jedem Male Einnehmen (mit etwa 8, 10, 12 Schüttel-Schlägen der Flasche) von Neuem potenzirt, wovon man den Kranken Einen, oder (steigend) mehrere Kaffee- oder Thee-Löffelchen einnehmen läßt, in langwierigen Krankheiten täglich, oder jeden zweiten Tag, in acuten aber, alle 6, 4, 3, 2 Stunden, in den dringendsten Fällen, alle Stunden und öfter. So kann in chronischen Krankheiten, jede richtig homöopathisch gewählte Arznei, selbst die, an sich von langer Wirkungs-Dauer, in täglicher Wiederholung Monate lang eingenommen werden, mit steigendem Erfolge. Ist aber die Auflösung (in 7, 8, oder in 14, 15 Tagen) verbraucht, so muß zu der folgenden Auflösung derselben Arznei - wenn ihr Gebrauch noch angezeigt ist - ein, oder (obwohl selten) mehre Kügelchen von einem andern (höhern) Potenz-Grade genommen werden, womit man so lange fortfährt, als der Kranke noch immer mehr Besserung davon spürt, ohne eine oder die andre, nie im Leben gehabte bedeutende Beschwerde davon zu erleiden. …

Glaubt man seinen Ideen, dann würde eine Arznei (hier in flüssiger Form, Auflösung) neue Wirkungen zeigen. Das Schütteln der Flasche würde einen neue Potenzierung bedeuten. Das widerspricht seiner bisherigen Logik. Potenzieren ist nicht schütteln allein. Zumindest was das angebliche Auslösen von Erstreaktionen, Erstverschlimmerungen der unveränderten Arzneiwiederholung betrifft, würde man dieses vermeiden können Hat er das die ganzen Jahre vorher tatsächlich so beobachtet? Welche Patienten konnte ein Arzt damals wirklich über viele Wochen beobachten?

Ich habe so etwas in den über 30 Jahren homöopathischer Arbeit nicht beobachten können: Später auftretende Erstverschlimmerungen wegen nicht jedesmal neu verschüttelter Arznei. Wäre auch nicht praktisch verwertbar. Sofern jedesmal, wenn Arzneien unter „Stöße“ geraten, sich darinnen etwas an Wirkstärke ändern würde, wäre es ja unmöglich, eine reproduzierbare oder vorhersehbare Arzneiwirkung zu haben. Schon wenn man die Wege vom Hersteller zur Patientenwohnung betrachte mit all den Transport bedingten Vibrationen und mechanischen Einwirkungen (Fahren über holprige Straße z.B.). Mit Verwunderung musste ich mal in einem „Fachbeitrag“ lesen, dass eine mit homöopatischen Arzneien Therapierende einer Patientin, die angeblich erhebliche Verschlimmerungen während der Therapie erlitt, erklärt haben solle, dass das daran läge, dass sie die Arzneien auf einer Wanderung in ihrem Rucksack getragen und dort Schüttelschlägen ausgesetzt habe. Und das sollte dem Leser beweisen, wie Homöopathika wirken.

Spielt hier der für die Homöopathie immer wieder angeführte Placeboeffekt auch bei Verordnern eine Rolle?


Kann die Stimmung dessen, der die Substanzen potenziert gar eine Rolle spielen für die Heilwirkung? Wenn er lustlos schüttelt haben dann die gleichen Arzneien einen andere Wirkung, als wenn er fröhlich dabei singt. Können die durch einen Lügner und Betrüger potenzierten Arzneien vielleicht den Patienten schädigen? Kann der Potenzierende selbst spüren, welche Wirkungen von der Arznei ausgehen können und ist das – unabhängig von den Arzneiprüfungen am Gesunden – ein vernünftiger Maßstab für die Verabreichung an Patienten?

Wenn die Person des Potenzierenden einen Rolle spielt, wenn dessen Empfindungen beim Potenzieren eine Aussage zur Wirkung machen kann, dann wären homöopathische Arzneien hoch gefährlich. Der Potenzierende könnte ja persönlich auf den Patienten einwirken, quasi bösen Fluch auf den übertragen, fast wie beim Voodoo. Solche Ideen lagen Hahnemann bei seiner Heilweise völlig fern. Er hätte sonst immer wieder ganz deutlich darauf hingewiesen. Auch seine Erklärungen zum Mesmerismus – eine ganz andere Heilweise -, in der der wohlmeinende Behandler eine Rolle spielt, sind nicht auf seine Lehre übertragbar. Auch damals galt der Mesmerismus bereits als eine Art hypnotisches, suggestives Verfahren, welches viel durch den Mesmerisierer bewirkte.


Wird fortgesetzt.

Copyright K.-U.Pagel