Sonntag, 11. Januar 2015

Psyche in der Homöopathie

Die Psyche in der Homöopathie – Bestandteil des Organismus

Fortsetzung der Reihe über die Grundlagen der Homöopathie nach Hahnemann


Die „alte“ Heilkunde (humorale Pathologie, Säftelehre) trennte die Psyche (Geist, Gemüt, Temperament) nicht vom Organismus ab. Stellte sie nicht neben den Körper. Es gehörte alles zusammen, die (körperliche) Säftezusammensetzung und das „Temperament“ des jeweiligen Menschen. Stammend aus der 4- (5) Elementenlehre. Das Verhalten des Menschen, sein Empfinden, sein Temperament war wie körperliche Besonderheiten Ausdruck des Mischungsverhältnisses der 4 Säfte Blut (Sanguis – Saguiniker), Schleim (Phlegma – Phlegmatiker), gelbe Galle (Chol – Choleriker) und schwarze Galle (melanos = schwarz, - Melancholiker). Das Vorherrschen eines der Säfte bestimmte seine körperlichen Symptome, so bei zuviel gelber Galle (gelbliche Haut, Gallenkrankheit z.B.) oder „psychischen“ Symptome bei zuviel Schleim (Beharrlichkeit, Trägheit, Unentschlossenheit z.B.).


Dazu ein Link zu einer der vielen Seiten, die zu den psychologischen Aspekten einen Überblick geben: Hilmar Benecke: Psychologie und Persönlichkeit http://www.mensch-und-psyche.de/typenmodelle/temperamentenlehre/

Ein Link zu einer der vielen Seiten, die die humorale Pathologie umreißen, hier zugeordnet zur „Hildegardmedizin“: http://www.cam-tm.com/de/heilmethoden/hildegardmedizin.htm

Die Heilkunde, auch zu Hahnemanns Zeiten trennte nicht voneinander ab. Körper – Geist – Gemüt -Temperament gehörten zusammen, waren Bestandteile des Organismus Mensch. Auf philosophischer Seite begann (I. Kant) etwa zu der Zeit, als Hahnemann in der Medizin neue Wege aufzeigte – immer noch mit einer Einheit aus Körper und „Psyche“ - ein isolierterer Blick auf Verhalten, Denken und Empfinden des Menschen zu werfen. Daraus entstand die Pädagogik und etwa ab 1880 das universitäre Fachgebiet der Psychologie.

Das waren Gebiete, außerhalb der Medizin, Heilkunde.

Hahnemann kehrte der Säftelehre, Humoralpathologe als Lehrmeinung in der Medizin den Rücken und stellte dieser eine physiologisch – funktionelle Idee entgegen. Die Säfte kamen von Außen in den Menschen, woher auch immer – aus Erde, Kosmos. Der Mensch war hier eine Art Spielball irgendwelcher „Mächte“. Hahnemann sah die Krankheiten aus einer dem Menschen zugehörigen inneren Regulation, einem (auch) ererbtem Steuerprogramm (Lebenskraft genannt) entstehen. Nicht nur Krankheiten, alle Lebensfunktionen und Lebensäußerungen (auch Temperamente, Verhalten usw.) entstammten deren Tätigkeit. Diese Lebenskraft ist im Menschen und solange existent, wie es einen funktionsfähigen Organismus gab. Ist dieser tot, wirkt auch seine Lebenskraft nicht. Eben abgeleitet aus der Newtonschen Physik: Es muss, wenn Kräfte wirken sollen, irgendeinen „Träger“, Ausgangspunkt der Kraftwirkung geben.

War in der Humorallehre der Mensch eben den Folgen der von außen bewirkten Säfteungleichgewichtigkeit ausgesetzt, so gab Hahnemann dem Menschen im Grunde seine Autonomie, seine Selbstbestimmung, indem eine diesem im inneren zugehörige (individuelle) Lebenskraft ihn steuerte (erahnte er die Existenz von Genen?). Interessant ist, dass eben in der Philosophie etwa parallel mit der „Selbststeuerungsidee“ des Menschen in der Heilkunde auch eine geistige Autonomie gesehen wurde.

Die alte Medizin, Säftelehre, sorgte dafür, dass der Überschuss an hineingekommenen Säften wieder entzogen wurde (Ausleitung) oder eine Verteilungsungleichgewicht im Körper durch Umverteilung (Ableitung) behoben wurde – Schröpfen, Aderlass, Abführen usw. Dadurch wurde auch versucht, auf die Temperamente einzuwirken und den Aufbrausenden ruhiger, den Trägen aktiver zu machen.

Hahnemann sah z.B. Gelbfärbung der Haut, oder depressives Gemüt als Zeichen einer „Fehlfunktion“ (Verstimmung, nannte er das) der Lebenskraft (Dynamik der inneren Steuerung) an. Waren Säfte verändert, das Blut z.B. besonders dunkel, schwarze Galle vermehrt – nach alter Ansicht (Melancholie) - so hat das der Organismus selbst gemacht. Ist das aus seiner inneren Regulation entstanden.

Hahnemanns Medizin (Homöopathie) leitete nicht aus. Sie zog keine krankmachenden Säfte heraus. Denn es war ja nicht hinweg zu nehmen, was krank macht, sondern nur die gestörte Regulation (Lebenskraft) zu korrigieren.

Aber Achtung. Natürlich, und darauf wies er in seinem Regelwerk, dem Organon der Heilkunst im § 7 klar hin (ich habe im Beitrag über die akuten Krankheiten auf die scheinbar chronischen und die chirurgischen hingewiesen), sah er offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursachen, die hinweg zu nehmen, zu beheben sind. So z.B. den Stachel im Fleisch, die blutende Arterie, die unterbunden werden muss, auch die stark duftende, Ohnmacht erzeugende Blume im Zimmer, die raus muss. Auch Umstände im Lebensverhalten, Bewegungsmangel an frischer Luft, falsche (einseitige) Ernährung, die zu beheben sei. In einem seiner Zeitschriftenbeiträge machte er das am Beispiel einer Heimarbeiterfamilie in Hamburg plastisch deutlich. (Eine Sammlung der kleinen Schriften Hahnemanns ist im Haug-Verlag erschienen, z.B. über Amazon zu beziehen: http://www.amazon.de/hahnemann-samuel-gesammelte-kleine-schriften-Ratgeber/s?ie=UTF8&page=1&rh=n%3A536302%2Ck%3Ahahnemann%20samuel%20gesammelte%20kleine%20schriften )

Die Regel, die er aufstellte für die Erfassung des jeweiligen Krankheitsfalles am individuellen Menschen macht deutlich, welche Bezüge er sah – die man heute noch immer sehen sollte. (Das wird ein weiteres Thema hier werden).

Hahnemann sah die Psyche: Geist, Gemüt (Temperamente) als Regelglieder, untrennbar mit Körperfunktionen, des Organismus an. Symptome dort, die Geistes- und Gemütskrankheiten, waren/sind Vikariationen (Stellvertretersymptone) für „Verstimmungen der Lebenskraft“ mit denen schlimmere Folgen (mit dem Weiterleben nicht zu vereinbaren) kompensiert werden sollten. Diese Krankheiten, scheinbar einseitige, werden ein eigenes Thema sein.

Wie Hahnemann die Rolle der Psyche (mit ihren Elemente wie Empfindungen Antriebe etc.) sieht, wird im § 210 des Organon deutlich.

Zitat: die sogenannten Gemüths- und Geistes-Krankheiten. Sie machen jedoch keine von den übrigen scharf getrennte Classe von Krankheiten aus, indem auch in jeder der übrigen sogenannten Körperkrankheiten, die Gemüths- und Geistes-Verfassung allemal geändert ist.“

Hier wird deutlich: Jeder Körperfunktion, gesund wie krank, gehört die passende Gemüts- und Geistesverfassung zu. Geänderte Körperfunktionen bringen auch geänderte Stimmungen etc. mit sich. Jede bestehende Körperfunktion hat ihre eigenen Stimmungen etc. Eben passend zur „Selbstregulation“, zur „Wirkung der Lebenskraft“, gestört oder ungestört. (siehe auch mein Beitrag über Symptome in der Homöopathie).

Zitat: „Wie oft trifft man nicht, z. B. in den schmerzhaftesten, mehrjährigen Krankheiten, ein mildes, sanftes Gemüth an, so daß der Heilkünstler Achtung und Mitleid gegen den Kranken zu hegen sich gedrungen fühlt. Besiegt er aber die Krankheit und stellt den Kranken wieder her - wie nach homöopathischer Art nicht selten möglich ist - da erstaunt und erschrickt der Arzt oft über die schauderhafte Veränderung des Gemüths, da sieht er oft Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit und die, die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen ehemaligen gesunden Tagen eigen gewesen waren.“

Zur Psyche des Menschen – des Gesunden in seiner Individualität – gehören durchaus auch Eigenschaften, die manche als „unschön“ (vielleicht, weil er selbst damit nicht zurecht kommt) ansehen: „ … die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen ehemaligen GESUNDEN Tagen eigen gewesen waren.“

Körperliche und psychische Funktionen untrennbar in Gesundheit und Krankheit, aber individuell.

Man hört immer wieder, dass man mit Homöopathie die Psyche, Verhaltensweisen, Wesenszüge des Menschen verändern will. Die Psyche als Quelle (aller) Leiden. Manchmal will man den Menschen über „homöopathische Kügelchen“ gar in eine „andere geistige“ Welt bringen. Das war nie das Ziel
der Hahnemannchen Homöopathie. Dazu bieten die Arzneiprüfungen am Gesunden, auf denen die Arzneiwahl für den Kranken fußen soll, auch gar kein Material. Hier sind dann im Regelfalle rein philosophisch – geistige – manchmal scheinreligiöse Sichtweisen des Menschen der recht einseitige Hintergrund. Aus dieser Sicht erfolgte Uminterpretation von Arzneiprüfbildern oder gar freien „Erfindungen“, „Inspirationen“ betreffend Arzneistoffen verschiedener Herkunft.

Auch manches Ekel unter den Menschen kann, so wie er ist, gesund sein. Keiner Therapie bedürftig sein.

In der Homöopathie ist die Wirkung der Arzneien auf die Körper untrennbar mit der Wirkung auf die Psyche verbunden. Jedes Arzneiprüfbild schildert körperliche wie psychische Symptome. Wer homöopathische Arzneien wegen psychischer „Beschwerden“ einsetzt, der muss auch in der Lage sein, die entsprechenden Körperwirkungen zu erkennen und bei der Arzneiwahl einzubeziehen.

Psychosomatik – Somatopsychik – untrennbar.

Was Hahnemann aber streng trennte – und worauf er nicht einging, weil nicht Heilkundegegenstand – war Metaphysisches, Einwirken von Seele und einem höheren Weltensinn, Einwirken von einem „vernünftigen Geist, der – unabhängig von der Lebenskraft, er ist diese nicht! - in uns wohnt. Er geht darauf (§9 Organon) in einem Satz ein – dann ist Schluss mit diesem Thema.

Zitat: „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseins bedienen kann.

Der Mensch steht unter einer höheren Gewalt. Aber das ist nicht Gegenstand der Heilkunde. Hier sieht Hahnemann weder für sich – (noch für irgendeinen anderen!) Eingriffsrecht und -Möglichkeit. Der Homöopath hat zu erkennen, wenn und dann wie die Lebenskraft verstimmt ist, und damit vielleicht dem vernünftigen Geist nur „eingeschränkt“ zu Verfügung steht. Lebenskraft ist mit dem Tod des Organismus nicht mehr existent.

Weiter Zitat: Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig. Er ist todt und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandtheile aufgelöst.Nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen."

Noch einmal zum Verständnis: Hahnemann leitet diese Kraft nach dem Vorstellungen der Physik ab. Eine Kraft konnte niemand sehen, sie war eben immateriell. Jedoch war sie existent, beschriebbar und berechenbar über ihre Wirkungen. Kraft war Wirkung. So z.B. des materiellen Magneten auf Eisenteilchen. So die der Erde (Anziehungskraft) auf den Apfel am Baum, vom Baum fallend.


Jeder Kraft braucht von daher den MATERIELLEN Träger. Der Organismus ist der Träger der Lebenskraft. Eine Heilpflanze ist Träger der Arzneikraft. Und die Lebenskraft ist individuell zum Organismus gehörig. Ist dieser funktionsunfähig geworden, funktioniert die Lebenskraft nicht mehr. Sie hat keinen Träger mehr. Ohne Magneten keinen Magnetkraft. Dazu gehört auch: Ohne funktionsfähigen Organismus keine Psyche als Lebenskraftsymptom.

Prinzip: Die Lebenskraft kann nur mit den Teilen des Körpers „arbeiten“ die vorhanden und funktionstüchtig sind. Die Struktur bestimmt die Funktion. Anhaltende oder (zu) häufige Funktionsanforderungen einer Art führen zur Anpassung der Struktur. Das ist auch für die Psyche zu sagen. Schon Lernen durch Wiederholung verändert die Verhaltensweise, passt sie möglichen bestehenden Notwendigkeiten an. Doch dass das gehen kann, hat als Voraussetzung die ungestörte „Anpassungs-/Regulationsfähigkeit der Lebenskraft und entsprechende Programme dieser (Gene).


Es mag zum Problem geworden sein, dass seine zweite, viele Jahre jüngere Frau, die in Paris in den damals populären spiritistischen Zirkeln verkehrte, im Organon „Veränderungen“ einfließen lies. Welche zum einen verhinderten, dass die letzte „Version“ des Organons in den Druck kam. Zum anderen mögliche Quelle von Fehlinterpretationen wurde. Mehrere Jahrzehnte wurde von Homöopathen, so Konstantin Hering, gerade wegen dieser Interpretationsgefahr die Drucklegung verhindert.


Fazit: In der Homöopathie ist Körper und Psyche untrennbar verbunden. Die Psyche in diesem Verständnis hat nichts mit einer metaphysischen Seele zu tun, nichts mit einem individuellen Geist in Sinne einer Seele. Hahnemann hatte nie die Absicht, etwas außerhalb des (sterblichen) Organismus zum Gegenstand der Heilkunde zu machen.










Nachtrag 14.01.2015:
Dénizard-Hippolyte-Léon Rivail - Allan Kardec, so der "Künstlername" - war in Paris, noch zu Lebzeiten Hahnemanns als "Pädagoge" tätig (ab ca. 1828). Ein Schüler Pestalozzis. Er begann dort ein eigenes Bild des Menschen zu entwerfen, Spiritismus. 1857 erschien sein erstes "spiritistisches" Werk. Er hatte, zu seiner Medizinstudienzeit (abgebrochen) von den Ideen des  Franz Anton Mesmer zum "Animalischen Magnetismus" gehört. Auch die Ideen von Hahnemann, der in Paris lebte und wirkte zur Lebenskraft erreichten ihn. Seine Idee davon, wie der Mensch geschaffen sein soll, mag hier helfen, zu verstehen, auf welcher Ebene sich Hahnemanns Lebenskraft-Modell bewegte. In seinem "Buch der Geister" beschrieb er: 

Zitat:
"Der Mensch besteht aus drei Dingen:
1. dem Körper oder dem materiellen Wesen, analog zu den Tieren, und wird durch dasselbe
Lebensprinzip belebt;
2. der Seele oder dem immateriellen Wesen, dem im Körper inkarnierten Geist;
3. dem Band, das Seele und Körper vereint, dem zwischen Materie und Geist vermittelnden
Prinzip.
Folglich hat der Mensch zwei Naturen: durch seinen Körper trägt er Merkmale der Natur der Tiere,
deren Instinkte er besitzt; durch seine Seele trägt er Merkmale der Natur der Geistwesen
."


Die Lebenskraft mit dem "Regelbereich" Psyche ist in diesem Modell dem Punkt 1. zuzuordnen. Sie ist quasi das dort genannte Lebensprinzip. Hahnemann beschäftigte sich in seiner Heilkunde nicht mit den Bereichen 2 und 3. Das gehört zu ganz anderen Bereichen der Philosophie des Menschen. Siehe Zitat oben: Der vernunftige Geiste bedient sich der Lebenskraft. Er ist diese aber nicht.

Wenn Steiner u.a. Hahnemanns Idee über das "materielle Wesen" hinaus in ein philosophisches "Gesamtkonzept" gestellt hat, wenn man mit Homöopathie heute Aspekte des Geistes, höheren Lebens- und Weltsinns verbinden möchte, dann war das nicht Sinn der Homöopathie und basiert auch nicht auf deren Grundlagen.



Copyright K.-U-Pagel 01.2015


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