Sonntag, 8. Februar 2015

Geistes-und Gemütskrankheiten aus Sicht der Hahnemann'schen Homöopathie

Geistes-und Gemütskrankheiten als Folge/Vikariation von „Körperkrankheiten“


Samuel Hahnemann hat in seinen, in verschiedenen Niederlassungsorten ausgeübten, Nebentätigkeiten als „Stadtarzt“ - (heute eine Art Amtsarzt) auch die Inspektion von Krankenhäusern, Gefängnissen und „Irrenanstalten“ zur Aufgabe gehabt. Er konnte ganz nah erleben, dass die Geistes-und Gemütskranken oft viel erbärmlicher „gehalten“ wurden als Straftäter, jedoch ohne Erbarmen.

Da konnte es nicht ausbleiben, dass eine wesentliche Forderung von ihm war, solche Kranken als würdige Menschen zu behandeln. In einer Fußnote zum § 228 Organon klagt er an:

Man muß über die Hartherzigkeit und Unbesonnenheit der Aerzte in mehren Krankenanstalten dieser Art erstaunen; ohne die wahre Heilart solcher Krankheiten auf dem einzig hülfreichen, homöopathisch arzneilichen (antipsorischen) Wege zu suchen, begnügen sich diese Grausamen, jene bedauernswürdigsten aller Menschen durch die heftigsten Schläge und andre qualvolle Martern zu peinigen. Sie erniedrigen sich durch dieß gewissenslose und empörende Verfahren tief unter den Stand der Zuchtmeister in Strafanstalten, denn diese vollführen solche Züchtigungen nur nach Pflicht ihres Amtes und an Verbrechern, jene aber scheinen ihre Bosheit gegen die vorausgesetzte Unheilbarkeit der Geistes- und Gemüths-Krankheiten, im demüthigenden Gefühle ihrer ärztlichen Nichtigkeit, durch Härte an den bedauernswürdigen, schuldlosen Leidenden selbst auszulassen, da...

Eine Konsequenz war (und vielleicht auch der Versuch, sein karges Einkommen als Arzt aufzubessern), dass er versuchte, „Geisteskranke“ in (seinem) Familienverband aufzunehmen und zu betreuen. Weg aus den Anstalten, die er kennengelernt hatte. In seiner Zeit in Leipzig ist seine (eher positive) Erfahrung mit dem Geheimen Rat von Klockenbrink bekannt. Ein wohl (nicht gewalttätig) manisch-depressiv Erkrankter. In Hamburg machte er negative Erfahrungen mit einem wahrscheinlich Paranoiden und dessen Gewaltausbrüchen. Letzter hat im die Einsicht gebracht, dass es in manchen Fällen für eine Familie unmöglich ist, mit bestimmten Erkrankten zusammen zu leben. Dann, wenn nötig, fachgerechte Unterbringung zum Wohle des Kranken und unter Wahrung aller Würden!


Geistes-und Gemütskrankheiten meist Folge von Körperkrankheiten

Seine Beobachtungen ließen ihn (§215) schlussfolgern:

Fast alle sogenannten Geistes- und Gemüths-Krankheiten sind nichts anderes als Körper-Krankheiten, bei denen das, jeder eigenthümliche Symptom der Geistes- und Gemüths-Verstimmung, sich unter Verminderung der Körper-Symptome (schneller oder langsamer) erhöhet und sich endlich bis zur auffallendsten Einseitigkeit, fast wie ein Local-Uebel in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemüths-Organe versetzt.

Fast alle Geistes- und Gemütskrankheiten zu seiner Zeit damals, als die Menschen vor allem Sorgen hatten, dass ihre Körper unbeschadet blieben: Infektionskrankheiten bedrohten, schlechte Hygiene, oft schlechte Wohnungsverhältnisse, unzureichendes Essen und allgemein Armut griffen die Menschen an. In der Zeit, in der Hahnemann vor allem auch in Hamburg, die Folgen der beginnende „Industriellen Revolution“ und des aufkeimenden Kapitalismus als Arzt ganz nah erleben musste, hatte die Durchschnittsbevölkerung kaum Zeit sich um psychische „Belange“ zu kümmern, „Neurosen zu züchten“. Es ging einfach ums körperliche Überleben und „Körperschäden“ mussten von der Lebenskraft kompensiert werden (Vikariation). S. Dazu



Es klingt schon fast wie die Flucht in den Wahnsinn – um unerträgliche Körperleiden zu überstehen, was er im § 216 schreibt:

Die Fälle sind nicht selten, wo eine den Tod drohende, sogenannte Körper-Krankheit - eine Lungenvereiterung, oder die Verderbniß irgend eines andern, edeln Eingeweides, oder eine andere hitzige (acute) Krankheit, z.B. im Kindbette u.s.w., durch schnelles Steigen des bisherigen Gemüths-Symptoms, in einen Wahnsinn, in eine Art Melancholie, oder in eine Raserei ausartet und dadurch alle Todesgefahr der Körper-Symptome verschwinden macht;

Geistes-und Gemütskrankheiten als Ausweg und Zeitgewinn bis vielleicht zu einer Heilung. Der Kranke trennt sich in seinem Erleben und Bewusst sein von seinem kranken Körper. Vereinfacht gesagt: „Ich bin das gar nicht, der so starke Schmerzen hat oder immer wieder zu ersticken droht.“

Heute kommt immer mal wieder, so im Blick auf Demente, im Volksmund die (tröstliche) Feststellung auf: „Es ist gut, das der Betroffene gar nicht merkt, was mit ihm los ist. Er vergisst einfach alles schnell wieder.“

Doch leiden die Betroffenen auch unter solchen Krankheitssymptomen des Geistes und Gemütes. Plagende Selbstzweifel, bedrohliches Verfolgtsein erleben u.a. Sie bedürfen der therapeutischen Hilfe.

In solchen Zuständen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass der Betroffene sich selbst nicht zutreffend erlebt und beschreiben kann, ist es oft nötig, mittels der auf diese Symptome zugeschnittenen Arzneien z.B. die Fehlwahrnehmung oder den Wahn aufzuheben. Dann ist der Weg frei, mittels einer (erneuten) genauen Fallaufnahme den körperlichen Symptomenhintergrund zu erforschen. Und entsprechend zu behandeln.

Es ist heute bekannt, welche Fülle von Körperkrankheiten zu Geistes- und Gemütssymptomen führen können: Bei den Demenzen organische Nervenveränderungen, Durchblutungsstörungen durch Gefäßerkrankungen und Herzfehlfunktionen usw. Bei Depressionen von der Blutarmut bis zur Schilddrüsenunterfunktion. Bei Wahnerkrankungen von Störungen der Hypophyse bis zu Stoffwechselerkrankungen in Hirnzellen. Und Vieles mehr.

Aufgrund der Lebensbedingungen zu Hahnemann's Zeiten waren solche körperlichen Störungen, von der medizinischen Diagnostik noch nicht erfassbar, zum Teil als Krankheiten noch gar nicht bekannt, weit verbreitet.

Von daher ist die Beobachtung nicht falsch, dass die meisten Geistes-und Gemütskrankheiten auf (nicht erkannter) körperlicher Ursache beruhten. Auch Nervenzellen und ihr Stoffwechsel sind körperlich.


Scheinbare Geistes-und Gemütskrankheiten, aufgrund von abweichendem Verhalten

Eine andere Beobachtung ist bemerkenswert. Sie ist aus dem § 224 herauszulesen:

Ist die Geistes-Krankheit noch nicht völlig ausgebildet und es wäre noch einiger Zweifel vorhanden, ob sie wirklich aus Körper-Leiden entstanden sei, oder vielmehr von Erziehungsfehlern, schlimmer Angewöhnung, verderbter Moralität, Vernachlässigung des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit herrühre;

Hier werden „Normen“ der jeweiligen Gesellschaft zugrunde gelegt. Regeln, wozu eine Erziehung führen sollte, nicht erwünschtes Verhalten (Angewohnheiten), abweichende Moralvorstellungen, mangelnde Einsichtfähigkeit wegen Bildungsmangel usw.

Das sind keine Krankheiten. Diese in einer bestimmten Gesellschaft unerwünschten „Lebensweisen“ wären durch Umlernen, durch Pädagogik anzupassen. Aus Sicht der Gesellschaft. Diese „krankt“ am Betreffenden. Nun kann jemand, der aus einer ganz anderen Kultur stammt, in der seine Lebensweise völlig gewünscht und damit normal ist, in einer andern Kultur auffallen, gar als „verrückt“ empfunden werden. Er ist es aber nicht, ist nicht krank. Nur „anders“ als die jeweils gültige Norm es wünscht.

Man kann diesem Menschen helfen, durch Verständnis und „Lernhilfen“ heute würde man es „Integrationshilfen“ nennen, sich in diese Gesellschaft einzufinden. Heute wird zu Recht darauf hingewiesen, ich glaube, dass auch Hahnemann das so gesehen hätte, dass dabei aber keine Aufgabe der individuellen Identität gefordert werden darf. Dann wäre ja tatsächlich die „Selbsterhaltung“ gestört.

Die Gesellschaft muss auch das Anderssein ertragen können.


Gering gewordenen körperliche Sorgen lassen psychische Entstehen

Je mehr Menschen sich um körperliche Wohlergehen wenig Sorgen machen müssen, seit Hahnemann's Zeiten hat sich viel getan, umso mehr können sie sich auf geistig-psychische Ebene „Wehleidigkeiten“ suchen.

§ 225

Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüths-Krankheiten, welche nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüthe aus, Anfang und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Aergerniß, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck. Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand, in hohem Grade.

Er sah, dass es eben nur einige wenige waren. Heute nehmen solche einen großen Raum ein. Es geht uns eben körperlich gut. Genug zu essen, das WC in der Wohnung, die im Winter gut beheizt ist usw. Nun haben wir begonnen, immer mehr Immaterielles, Geistiges, in den Vordergrund zu stellen: Mögen uns andere? Welche Bedeutung haben wir? Können wir Erfolg (was immer das ist) haben? Uns besser darstellen. Als andere? Über andere herausheben? Und es haben sich ganze Wirtschaftszweige entwickelt, die damit Geschäfte machen.

Die Werbung suggeriert, dass wir uns nur wohl fühlen können, wenn wir bestimmte Produkte kaufen. Die uns sexuell begehrenswert machen und eben im Werben um die Gunst der Mitmenschen (des anderen Geschlechts) bevorteilen. Siehe sexualisierte Werbung oder auch den Werbespott für Kapitalanhäufung „Mein Haus, mein Boot, mein Auto, meine Frau meine Kinder“.

Eine neue Einkommensquelle ist das Coaching geworden. Es lebt von Menschen, die sich – aufgrund der Suggestionen der umsatz- und kapitalregierten Wirtschaft (Gesellschaft) in das Gefühl des Unzureichenden versetzt sehen – erfolgreicher machen lassen wollen. Weil sie das Gefühl der (depressiven) Unzulänglichkeit (bekommen) haben, selbst und aus sich selbst heraus ungenügend, minderwertig, zu sein.

Nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was uns psychisch „Mangel“ und „Minderwertigkeit“ vorzuspielen versucht. Körperlichen Mangel gilt es eben nicht mehr zu beheben.

Der entsteht aber dann, wenn das Gehirn versucht, die Psyche, den Körper, seine Regelkreise auf scheinbare „Störungen“, die nur „geistig“ gemutmaßt wurden, einzustellen. Ängste, die sonst keinen Hintergrund hätte, werden geschürt. Ängste, die umso bedrohlicher sind, je weniger real ihre „Gründe“ wären. Hahnemann hat gut die Psychosomatik beschrieben: Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand, in hohem Grade.


Hahnemann begründet eine Psychotherapie

Hier bei den „Neurosen“:

(§226) Bloß diese, durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen Gemüths-Krankheiten, lassen sich, so lange sie noch neu sind und den Körper-Zustand noch nicht allzusehr zerrüttet haben, durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gütliches Zureden, Vernunftgründe, oft aber auch durch eine wohlverdeckte Täuschung, schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener Lebensordnung, auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln.

Zu den „Psychosen“ bemerkt Hahnemann (§228).

Bei den durch Körper-Krankheit entstandenen Geistes- und Gemüths-Krankheiten, welche einzig durch homöopathische, gegen das innere Miasm gerichtete Arznei, nächst sorgfältig angemessener Lebensordnung zu heilen sind, muß allerdings auch, als beihülfliche Seelen-Diät, ein passendes, psychisches Verhalten von Seiten der Angehörigen und des Arztes gegen den Kranken sorgfältig beobachtet werden.

Damals eine Revolution in der damaligen „Psychiatrie“. Heute eine Selbstverständlichkeit. Es ist bekannt, dass „soziale“ Reintegrationshilfen, eine Umstellung des Lebens, eine Hilfe zum Wieder-Fuß-Fassen in der „normalen“ Welt hohen therapeutischen Wert haben. Vor Rückfällen schützen können.


Hahnemann war, zumindest was seine Beobachtungen und daraus gewonnene Erkenntnisse betrifft, mit ein Wegbereiter zu einer modernen Psychiatrie. Besser, er könnte es gewesen sein, wenn seine Lehren mehr Beachtung gefunden hätten und nicht wegen „Fehlinterpretationen“ oder bewussten „Adaptationen in andere Lehren“ in falsches Licht geraten wären.


Wird fortgesetzt mit dem Thema Homöopathie und Ernährung


Copyright K.-U.Pagel 02.2015



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