Samstag, 24. Januar 2015

Die Homöopathie sieht (chronische) Krankheiten im Zusammenhang - Fallaufnahme 2

Die Fallaufnahme in der Homöopathie – Teil 2

Grundlage der Anamnese (Fallaufnahme), die immer durch alle notwendigen Untersuchungen mit allen sinnvollen Hilfsmitteln vervollständigt werden muss, ist, dass zunächst der Patient frei und ungelenkt, auch nicht von Zeitdruck gehetzt oder gar von Vorstellungen und Ideen des Heilkundlers in irgend eine Form gepresst, alles schildern darf/soll, was von ihm aus als nötig angesehen wird. Auch wenn sich hinterher (vorher weiß man es nicht) etwas als nicht relevant herausstellen sollte. Nicht Gesagtes ist nicht bekannt und kann deswegen zu Fehlern führen. Ein Fazit aus dem ersten Teil. http://pagelsheilkundetexte.blogspot.de/2015/01/die-homoopathie-individualisiert.html


Zu dem Gesagten und möglichst im Sprachgebrauch des Patienten Notierten muss dann weiter nachgefragt werden. Natürlich darf und muss bereits während des Vortrags des Patienten gefragt werden, wenn etwas nicht verstanden (von Wort oder Ausdruck) wurde. Aber nicht bereits zu einzelnen Punkten inhaltlich nachfragen. Denn das kann den Gedankenfluss des Patienten abreißen lassen und/oder in falsche Richtungen lenken.

Nachfragen zum Inhalt nach dem abgeschlossenen Spontanbericht. Das ist etwas, was mir immer wieder auffällt und aufgefallen ist, was häufig fehlt, diese Reihenfolge so einzuhalten, wenn Patienten bei Heilkundlern Rat suchen. Als ob diese schon alles vorab wüssten. Vielleicht sogar besser als der Patient. Das war Hahnemann völlig klar und als Fehlerquelle für eine richtige Behandlung offenkundig.

Zu den einzelnen beklagten Beschwerden ist dann genau festzustellen, was alles damit zu tun haben könnte und wie. Er gibt in seinem Organon auf vielen Seiten Beispiele für solche Fragen. Hier nur ein paar Zitate:

eher allgemein zu allen Beschwerden passend

Wie oft kommt diese, wie oft jene Beschwerde; auf welche jedesmalige Veranlassung kommt sie? im Sitzen, im Liegen, im Stehen oder bei der Bewegung? bloß nüchtern, oder doch früh, oder bloß Abends, oder bloß nach der Mahlzeit, oder wann sonst gewöhnlich?

oder z.B. im Zusammenhang mit Schlafstörungen

Wie gebehrdet oder äußert der Kranke sich im Schlafe? wimmert, stöhnt, redet oder schreiet er im Schlafe ? erschrickt er im Schlafe? schnarcht er beim Einathmen, oder beim Ausathmen? Liegt er einzig auf dem Rücken, oder auf welcher Seite? Deckt er sich selbst fest zu, oder leidet er das Zudecken nicht? Wacht er leicht auf, oder schläft er allzu fest? Wie befindet er sich gleich nach dem Erwachen aus dem Schlafe ?

Was, wann, wie, wo, wodurch, wie lange, seit wann, entstanden – gebessert – verschlechtert – usw. So das genaue Nachfragen gestalten.

Er erklärt, warum so penibel vorgegangen werden muss – bei chronischen Krankheiten –, welche ja heute noch immer die scheinbar kaum Heilbaren sind. Warum sonst so langwierige Arzneigaben mit nicht selten immer mehr Arzneien dazu? Jahre lang, das Leben lang.

§95 Die Erforschung der obgedachten und aller übrigen Krankheitszeichen, muß deßhalb bei chronischen Krankheiten so sorgfältig und umständlich als möglich geschehen und bis in die kleinsten Einzelheiten gehen, theils weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten sind, denen in den schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten gleichen, und bei der Heilung, wenn sie gelingen soll, nicht genau genug genommen werden können; theils weil die Kranken der langen Leiden so gewohnt werden, daß sie auf die kleinern, oft sehr bezeichnungsvollen (charakteristischen), bei Aufsuchung des Heilmittels viel entscheidenden Nebenzufälle wenig oder gar nicht mehr achten und sie fast für einen Theil ihres natürlichen Zustandes, fast für Gesundheit ansehen, deren wahres Gefühl sie bei der, oft fünfzehn-, zwanzigjährigen Dauer ihrer Leiden ziemlich vergessen haben, es ihnen auch kaum einfällt, zu glauben, daß diese Nebensymptome, diese übrigen, kleinern oder größern Abweichungen vom gesunden Zustande, mit ihrem Hauptübel im Zusammenhange stehen könnten.

Er hat recht, gar manches, was von Bedeutung sein könnte, ist für den Patient vielleicht schon so „normal“ geworden, dass er ohne intensives Nachfragen das kaum benennt. Schlimmer noch erscheint mir, dazu habe ich oft Erfahrungen machen müssen, dass Patienten, wenn sie zuvor bei einem anderen Behandler waren, oft nur schildern, was diesem wichtig erschienen war, oder wonach dieser nur gefragt hatte. Für viele Patienten ist es ungewöhnlich, dass sie einfach mal frei erzählen dürfen und dass man ihnen zu hört.

Auch hier erfolgt immer wieder die unüberlegte Kritik an der Homöopathie, dass solche „Zuwendung“ das Placeboprinzip der Homöopathie belegen könnte. Fachlich völlig daneben. Es geht nicht um die umstrittenen Arzneianwendung (worauf sich die Kritik eher beziehen könnte). Es geht um etwas, was jeder Heilkundler anwenden sollte. Etwas, das eben nichts mit „Kügelchen“ zu tun hat.

Welcher Heilkundler will heute noch ernsthaft bestreiten, dass eine gute Fallaufnahme, die dem Patienten zeigt, dass auch seine Person wichtig ist – und die ihm hilft, von sich aus manches zu erkennen – einen wesentlichen Anteil am Behandlungserfolg hat?

Ist solchen Kritikern nicht bewusst, dass immer wieder bewiesen wird, welchen wichtigen Teil eben solche Heilwirkung des Gespräches und der inneren Haltung des Patienten zur Maßnahme hat? Bei jedem klinischen Arzneiversuch (zur Zulasssung z.B.) finden sich, je nach Beschwerden bis zu 60 % Besserungen bei wirkstoffreien Vergleichsarzneien. Und das sogar, ohne dass man Wirkungen des Gesprächs, der Fallaufnahme, einfließen lassen will. Bei Probanden, die wissen, dass sie „Versuchskaninchen“ sind. Wenn man dann die vermuteten Wirkungen des „echten“ Arznei statistisch auflistet, vergisst man immer wieder, die nachgewiesene „Placebowirkung“ abzuziehen. Haben 50 % der „Placebopatienten“ Wirkungen gezeigt und bei der „Verumgruppe“ 70 %, so darf man im Grunde nur 25 % der Wirkung der Arznei zumessen. Bei eben der Hälfte hätte es auch ohne den Wirkstoff Wirkungen gegeben!

Heilkunde, gerade bei chronischen Erkrankungen, beginnt eben schon, wenn der Patient das erste Wort sagt.

Wie modern Hahnemann, nur aus seinen Beobachtungen und seinen Erfahrungen als praktizierender Heilkundler war, zeigt sich in den Vorschriften zur Fallaufnahme.

Ohne Gene zu kennen, war ihm klar, dass Eltern, Vorfahren und deren Erkrankungen wichtig sein können. Danach wird natürlich gefragt. Familienanamnese ist in der Homöopathie eine Selbstverständlichkeit. Und wichtig ist auch, das Befinden des Patienten, bevor seine Beschwerden sichtbar wurden. Es wird selbstverständlich gefragt, wie früher die jetzt auffälligen Funktionen und/oder Körperteile waren.

Dann natürlich besondere Bedingungen in der Vorgeschichte. Hier soll ein Zitat aus einer Anmerkung zu § 93 genügen:

Den etwanigen entehrenden Veranlassungen, welche der Kranke oder die Angehörigen nicht gern, wenigstens nicht von freien Stücken gestehen, muß der Arzt durch klügliche Wendungen der Fragen oder durch andere Privat-Erkundigungen auf die Spur zu kommen suchen. Dahin gehören: Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen gewöhnlicher oder unnatürlicher Wohllust, Schwelgerei in Wein, Liqueuren, Punsch und andern hitzigen Getränken, Thee, oder Kaffee,- Schwelgen in Essen überhaupt oder in besonders schädlichen Speisen, - venerische oder Krätz-Ansteckung, unglückliche Liebe, Eifersucht, häußlicher Unfriede, Aergerniß, Gram über ein Familien-Unglück, erlittene Mißhandlungen, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung der Vermögensumstände, - abergläubige Furcht, - Hunger- oder etwa ein Körpergebrechen an den Schamtheilen, ein Bruch, ein Vorfall u.s.w.

Problematisch ist Hahnemanns Vorschlag, bei solchen „Veranlassungen“ welcher der Kranke eher verschweigen würde, heimlich Angehörige zu befragen. Heimliches Handel ist heute ein Verstoß gegen die freie Selbstbestimmung. Außer vielleicht bei psychischen Erkrankungen, bei denen der Patient nicht frei entscheiden kann, eben wegen der Krankheit. Das ist ein neues Thema.

Doch, wenn der Patient Vertrauen fassen kann, vielleicht auch, weil er sich angenommen fühlt, er darf ja sprechen, muss ja nicht mit moralischer Verurteilung oder ähnlichen rechnen. Der Heilkundler hat ja neutral zu sein und den Patienten so nehmen wie er ist. Es geht nicht um Vorurteile, religiöse, ethische, politische oder sonstige Eigenheiten des Behandlers. Damit wäre er im Beruf dann falsch.

Nicht zu übersehen ist in dem Zitat, dass auch soziale Umstände und psychische „Belastungen“ ebensolche Rolle spielen können wie falsche/unangemessene Ernährung oder ungünstiges Verhalten (Bewegungsmangel, übertriebener Sport z.B.).

Doch es ist ein Trost, dass nicht immer die Fallaufnahme so aufwendig und langwierig sein muss. Er unterscheidet von den chronischen Krankheiten die akuten Krankheiten und erst vor Kurzem entstandenen Krankheiten:

§ 99 Im Ganzen wird dem Arzte die Erkundigung acuter, oder sonst seit Kurzem entstandener Krankheiten leichter, weil dem Kranken und den Angehörigen alle Zufälle und Abweichungen von der, nur unlängst erst verlorenen Gesundheit, noch in frischem Gedächtnisse, noch neu und auffallend geblieben sind. Der Arzt muß zwar auch hier alles wissen; er braucht aber weit weniger zu erforschen; man sagt ihm alles größtentheils von selbst.


Hahnemann kannte keine Krankheitserreger, die Ansteckungen und entsprechende Infektionskrankheiten machen. Diese Infektionskrankheiten sind nach seiner Einordnung Akutkrankheiten, keine chronischen. Mit äußerer Verursachung, denn Bakterien und Viren kommen ja tatsächlich von Außen. http://pagelsheilkundetexte.blogspot.de/2015/01/akutkrankheiten-in-der-homoopathie.html


Es mag zwar sein, dass mit heutigem Wissen, bestimmte Erreger eine Infektionskrankheit verursachen. Doch Hahnemann erkannte, dass die scheinbar gleiche Verursachung längst nicht den gleichen Krankheitsverlauf erzeugen muss. Wir wissen, dass keine jährlich wieder auftretende Grippe der anderen gleicht. Heute wissen wir, dass und wie sich die Erreger verändern.

Deswegen ist sein Forderung immer noch aktuell:

§ 100  Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs der epidemischen Seuchen und sporadischen Krankheiten, ist es sehr gleichgültig, ob schon ehedem etwas Aehnliches unter diesem oder jenem Namen in der Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solchen Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung, noch Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es von Grunde aus für sich erforschen muß, wenn er ein ächter, gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermuthung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen, ihm zur Behandlung aufgetragenen Krankheitsfall weder ganz, noch zum Theile für bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Aeußerungen auszuspähen;

Wie wahr! Und bei manchen Infektionskrankheiten, insbesondere wieder die Grippe (Influenza), zeigt sich die Neuheit schon darin, dass die Impfung des Vorjahres heute kaum noch etwas bringen könnte.

Nicht nur das Zuhören und Aufnehmen der Worte des Patienten ist Gegenstand der Fallaufnahme. Der Heilkundler bringt sich und seine Wahrnehmungen als Diagnostikinstrument mit ein. Dazu der § 90 des Organon:


Ist der Arzt mit Niederschreibung dieser Aussagen fertig, so merkt er sich an, was er selbst an dem Kranken wahrnimmt  Z. B. Wie sich der Kranke bei dem Besuche gebehrdet hat, ob er verdrießlich, zänkisch, hastig, weinerlich, ängstlich, verzweifelt oder traurig, oder getrost, gelassen, u.s.w.; ob er schlaftrunken oder überhaupt unbesinnlich war? ob er heisch, sehr leise, oder ob er unpassend, oder wie anders er redete? wie die Farbe des Gesichts und der Augen, und die Farbe der Haut überhaupt, wie die Lebhaftigkeit und Kraft der Mienen und Augen, wie die Zunge, der Athem, der Geruch aus dem Munde, oder das Gehör beschaffen ist? wie sehr die Pupillen erweitert, oder verengert sind? wie schnell, wie weit sie sich im Dunkeln und Hellen verändern? wie der Puls? wie der Unterleib? wie feucht oder trocken, wie kalt oder heiß die Haut an diesen oder jenen Theilen oder überhaupt anzufühlen ist? ob er mit zurückgebogenem Kopfe, mit halb oder ganz offenem Munde, mit über den Kopf gelegten Armen, ob er auf dem Rücken, oder in welcher andern Stellung er liegt? mit welcher Anstrengung er sich aufrichtet, und was von dem Arzte sonst auffallend Bemerkbares an ihm wahrgenommen werden konnte.


und erkundigt sich, was demselben hievon in gesunden Tagen eigen gewesen.



Wenn die Fallaufnahme, nebst allen Untersuchungen, Laboranalysen usw. fertig ist, dann beginnt die Arbeit des Sichtens, Sortierens, Gewichtens und das Erarbeiten der angemessensten Arznei bzw. anderer Therapie. Dann ist zu überlegen, ob und wie Heilungshindernisse beseitigt werden können. Neben denen, die der Patient für sich selbst schon erkannt haben könnte – gerade durch die intensive Fallaufnahme.

Dazu ist immer zu berücksichtigen, ob und welche Arzneien und Therapien bereits erfolgten/ noch laufen. Denn das kann das Befinden aus diesen Therapien heraus verändern, gar eigene Symptome machen (siehe Abschnitt „iatrogne Krankheiten“ im Beitrag zu Akuten Krankheiten in der Homöopathie http://pagelsheilkundetexte.blogspot.no/2015/01/akutkrankheiten-in-der-homoopathie.html)

Jede Fallaufnahme birgt die Gefahr in sich, durch subjektive, eingeschränkte Wahrnehmung zu übersehen, misszudeuten, etwas hineinzudenken und so den Patienten nicht wirklich zu erkennen. Sie ist stark auch davon abhängig, was der Patient wie sagt. Auch die heutige Vorgehensweise, kurz und knapp nach (einzelnen) Symptomen zu suchen, mit vorgegebenen Fragen des Heilkundler, mit sehr wenig Zeit und Bereitschaft, erst einmal alles berichten zu lassen und danach nach möglichem Wichtigen zu sehen, ist nichts anderes als subjektiv und bietet noch größere Fehlermöglichkeiten. Was der Vorgehensweise nach Hahnemann jedoch größere Objektivitätschancen bietet, ist auch das Wissen des Heilkundlers um die Fehlerquellen und das von ihm erwartete Bemühen, diese auszuschließen. Ähnlich wie C. Rogers für seine personenzentrierte Gesprächstherapie fordert, muss auch der Homöopath immer schon im Gespräch auf sich achten, ob er "direktiv" wird und vielleicht eigene Ideen einwebt. Regelmäßige Supervisionen können dabei helfen.

Copyright Klaus-Uwe Pagel 01.2015


Nächstes Thema: Einseitige Krankheiten und lokale Übel











Sonntag, 18. Januar 2015

Die Homöopathie individualisiert - Fallaufnahme 1

Die Fallaufnahme in der Homöopathie – Teil 1


In den vorherigen Blogbeiträgen habe ich dargestellt, wie die Homöopathie die Symptome betrachtet: Als Zeichen dessen, wie die innere Selbstregulation die Funktionen (Strukturen) des Organismus an innere und äußere Anforderungen anpasst. Krankheitssymptome werden gesehen als Versuche, einen gestörte Regulation über Kompensationsmechanismen so weit wie möglich auszugleichen, zu ersetzen.

Es wurde in einem anderen Beitrag der Unterschied verschiedener „Krankheitsarten“ am Beispiel der Akutkrankheiten zu zeigen versucht. Es wurde auch hervorgehoben, dass selbstverständlich zu suchen ist, ob etwas besteht, das die Krankheitssymptome erforderlich macht, auslöst. Das ist, schon weil es die Heilung behindern kann, selbstverständlich zu entfernen. - Wenn das geht -

Hier geht es um die chronischen Krankheiten und den Weg die dazu gehörenden Symptome zu erkennen und dann später daraus einen passende Arznei zu finden. Dass dabei, durch die Fallaufnahme, überhaupt erst möglich wird, zu erkennen, was denn zu heilen ist, auch ob akute und chronische, scheinbar chronische oder iatrogene Krankheit vorliegt und ob es Heilungshindernisse gibt, ist Voraussetzung für jede Therapiewahl.

In seinem § 6 des Organon (z.B. http://www.homeoint.org/books4/organon/org000.htm) schreibt Hahnemann:

Zitat:

Der vorurtheillose Beobachter, - die Nichtigkeit übersinnlicher Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen, - nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit.

Hier soll auf zwei Aussagen hingewiesen werden. Zum Einen, dass der Beobachter, Heilkundler, vorurteilsfrei an die Fallaufnahme gehen soll und dass es Hahnemann zum Anderen eben nicht darum geht, „Übersinnliches“, höhere „geistige“ Bereiche, einen, über das Greifbare, Biologische hinausgehenden Sinn zu suchen, zu „Ergrübeln“. Das ist der Boden, auf dem die Homöopathie steht.


Fallaufnahme erfordert Objektivität

Fast hundert Jahre, nachdem Hahnemann in seinem Organon beschrieben hat, wie der individuelle Krankheitsfall „aufgenommen“ werden soll, welche (auch im Heilkundler liegenden) Fehler vermieden werden müssen, wurde Carl Rogers (http://www.carlrogers.de/sites/rogers-weg-zur-psychologie.html) geboren, der die „personenzentrierte Gesprächstherapie“ entwickelte. Man findet bereits bei Hahnemann vieles von dem, was Rogers vom Therapeuten verlangt.

Ab dem § 83 des Organon, 6. Auflage, wird das vorgehen beschrieben. Kernsatz:

Diese individualisirende Untersuchung ... verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit.

Unbefangenheit bedeutet, dass der Heilkundler keinerlei vorgefasste Meinung haben soll. Sich davon frei machen muss, irgendwelchen Vorlieben, Theorien zu folgen. Auch darf er nicht auf irgendwelche Erfahrungen mit anderen Patienten/ Personen zurückgreifen, von denen er vermutet, dass sie ähnliches oder das gleiche gehabt haben könnten.

So bestehen „Vorurteile“, die - Hahnemann hat recht gut verstanden, wie Kommunikation abläuft -, bestimmen können, was der „Zuhörer“ tatsächlich zu hören „wähnt“. Aufmerksamkeit wird so gelenkt, Worte in ihrem Verständnis geändert (passend zur „Erwartung“), manches wird so gar überhört. Der Heilkundler wird so in die Gefahr kommen, gelenkt/lenkend nachzufragen, entsprechend seiner Voreingenommenheit.

So kann am Ende der Patient die Krankheit, die Ursachen dafür usw. angedichtet bekommen, die dem Sinne des Heilkundlers entsprechen. Aus dessen „Weltverständnis“ werden „Auffälligkeiten“ beim Patienten gesehen und ggf. durch Nachfragen besonders herausgearbeitet. Sucht er die Ursachen für die Krankheit in einer „geistigen“ Welt, wird er sie dort finden können, sieht er „unlösbare innere Konflikte“ als Grund, so „hört und sieht“ er alles, was dazu passen könnte, und so wie es dann passt. Wenn in „früheren Leben“ oder bei „verstorbenen“, „gekränkten“ Familienmitgliedern der Auslöser gesehen wird, so engt dieses „Fernglas“ den Blick ein.

Das sind die großen Gefahren vor denen Rogers seine „Therapeuten“ warnte.

Es ist für einen Heilkundler sehr schwer, insbesondere, wenn er selbst bestimmten Interessen anhängt (seine Welt auf seinen Patienten übertragen möchte – auch unbewusst) sich selbst immer wieder von solchen „Lenkungen, Vorurteilen“ zurückzuziehen und entsprechend wieder „unvoreingenommen“ zu machen.

Es war in den vielen Jahren, in denen ich Homöopathie unterrichtete, für die Teilnehmer immer wieder überraschend, wie schnell ins „Falschwahrnehmen“, Überstülpen von fremden Beobachtungen oder Einfließen lassen eigener Ideen abgeglitten werden konnte. Die praktische Fallaufnahme war wichtiger Kursbestandteil. Insbesondere in der Gruppe, die gemeinsam einen Fall aufgenommen hatte, wurde bei der Nachbesprechung sichtbar, wie oft Aussagen des Patienten völlig unterschiedlich gehört und verstanden wurden, wie oft eigene Erfahrungen („meine Tante hatte das auch“) das Verstehen und Nachfragen lenkten und wie oft die Idee „aus Sicht der ...“ eine irreleitende Rolle spielte.

Es ging auch, Hahnemann lehrt das, darum, schon durch die Einwirkung des Heilkundlers verursachte Lenkungen des Patienten zu erkennen und zu vermeiden. So wie Carl Rogers solches zu vermeiden trachtet. So gehörte – ohne es so zu nennen – eine „Ausbildung“ in der Roger'schen Technik zum praktischen Kurs.

Dazu gehört das, was man heute in der Heilkunde, zumindest als Kassenpatient, kaum noch findet. Man kann einfach mal alles ansprechen, muss sich nicht kurz fassen und möglich gleich nur die Fakten nennen, die der Behandler hören will, weil der so besonders rasch zum Ziele kommen will.

Man kann nicht „lösungszentriert“ auf eine Ziel zugehen, wenn man die Zusammenhänge und möglichen Ursachen gar nicht kennt. Die kennt man aber erst, nachdem man alles gehört hat. Erst danach kann man erkennen, was miteinander zu tun haben könnte und in diesem individuellen Falle letztlich von Bedeutung ist. Erst, wenn man alles kennt, was zu erfahren ist, erst dann ist das Wichtige zu erkennen. Heilkundler sind keine Hellseher und wer vorher schon meint, zu wissen, was wichtig sein könnte ist eben durch Vorurteile blind.

Lernen wir von Hahnemann:

§84: Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich läßt er sie stillschweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung 

Ausreden lassen. Der Patient erzählt, wenn nötig und möglich Angehörige anhören, die vielleicht etwas, was der Patient nicht bemerkt, erleben. Dann alles, was er Heilkundler durch die übrigen Sinne – dazu gehören allen mögliche Diagnoseverfahren, auch die die Hahnemann noch gar nicht kannte – ebenfalls berücksichtigen.

Und wichtig, nicht unterbrechen (ob etwas nebensächlich ist, ergibt sich vielleicht erst, wenn man es kennt!), denn Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden und es fällt ihnen hinterdrein nicht alles genau so wieder ein, wie sie es Anfangs sagen wollten.

Und ganz wichtig: Es ist so zu notieren, wie es der Patient gesagt hat, mit dessen Worten. Der Heilkundler soll die Ausdrucksweise, die Sprache, des Patienten lernen. Nicht umgekehrt. Das ist das Manko eines jeden Fragebogens. Der Heilkundler hat mit seinen Worten etwas vorformuliert, was der Patient dann vielleicht ganz anders versteht, als gemeint. Fragebögen für Patienten wären nicht in Hahnemanns Sinne

Dann erst, wenn der ungelenkte (!) Vortrag es Patienten tatsächlich beendet ist, wird ergänzend zu den einzelnen vorgetragenen Punkten nachgefragt.

Und das ohne, dem Patienten etwas in den Mund zu legen (suggestive Fragen). Fragen, die nur einfach mit ja und nein zu beantworten wären, sind nicht gewünscht. Denn aus der Antwort, im zusammenhängenden Text, die der Patient gibt, können nicht selten zusätzliche Informationen gewonnen werden. Über den präzisen Text der Frage hinaus. Hier wieder die Empfehlungen von Rogers: Halbe Sätze, die der Patient nach seinem Verständnis, gemäß dem, was er damit assoziiert, beantworten kann.

Hahnemann formuliert das so:

Ist nun bei diesen freiwilligen Angaben von mehren Theilen oder Functionen des Körpers oder von seiner Gemüths-Stimmung nichts erwähnt worden, so fragt der Arzt, was in Rücksicht dieser Theile und dieser Functionen, so wie wegen des Geistes oder Gemüths-Zustandes des Kranken noch zu erinnern sei, aber in allgemeinen Ausdrücken, damit der Berichtgeber genöthigt werde sich speciell darüber zu äußern.

Und

Hat nun der Kranke - denn diesem ist in Absicht seiner Empfindungen (außer in verstellten Krankheiten) der meiste Glaube beizumessen - auch durch diese freiwilligen und bloß veranlaßten Aeußerungen dem Arzte gehörige Auskunft gegeben und das Bild der Krankheit ziemlich vervollständigt, so ist es diesem erlaubt, ja nöthig (wenn er fühlt, daß er noch nicht gehörig unterrichtet sei), nähere, speciellere Fragen zu thun

Wichtig, Hahnemann weist darauf hin, ist es, dass die Lebensumstände des Kranken zu betrachten sind (auch wegen Heilungshindernissen):

Bei Erkundigung des Zustandes chronischer Krankheiten, müssen die besondern Verhältnisse des Kranken in Absicht seiner gewöhnlichen Beschäftigungen, seiner gewohnten Lebensordnung und Diät, seiner häuslichen Lage u.s.w. wohl erwogen und geprüft werden, was sich in ihnen Krankheit Erregendes oder Unterhaltendes befindet, um durch dessen Entfernung die Genesung befördern zu können 

Doch da lauern die nächsten Gefahren. Gerade darüber, wie ein Mensch sich verhalten soll, wie er sein tägliches Leben ausrichten soll, wie er sich ernähren sollte usw. gibt es ideologische Vorgaben, rein statistisch pauschale „Erkenntnisse“, die nichts mit dem individuellen Patienten zu tun haben. Gerade dieser Patient mit seinen Besonderheiten ist eben zum Vegetarier völlig ungeeignet. Er kommt am besten zurecht, wenn er sich Termine setzt, aber darunter keinen zur meditativen Einkehr.

Wie schnell ist man mit Empfehlungen dabei: Man sollte...., man müsste..., es wäre gut …? Es geht nicht um „man“, um statistische Aussagen, um Weltanschauung. Es geht um diesen einem Menschen. Und es ist egal, welche der Heilkundler hat und für sich am Besten findet. Er soll doch nicht sich heilen.

Diese Haltung kann sehr schwer sein. Wie oft kann es vorkommen, dass ein Patient etwas zum Ausdruck bringt, was dem Heilkundigen total zuwider ist. Es geht aber nicht darum, den anderen so zu machen, wie es der Heilkundler wünscht. Er muss neutral bleiben und darf – siehe Rogers – mit keiner Wimper strafend oder lobend zucken.

Man kann das. Ein großen Hindernis dabei kann eben die eigene gemachte Erfahrung sein. Wer in die Heilkunde geht, weil er selbst bestimmte Krankheiten hatte, die er gemäß seinen ganz persönlichen Erfahrungen heilen will, läuft Gefahr, in einer Sackgasse zu landen. Wer in die Heilkunde geht, weil er bestimmte Ideen fördern will, sich gar berufen sieht, diese zu verbreiten, sollte sich der Verantwortung für das Individuum, das ihm vertraut, bewusst sein.

Auch der Autor hat sich in den über 30 Jahren Heilkundetätigkeit, auf der Basis der Ideen von Hahnemann, immer wieder gefragt, ob er nicht selbst lenkt. Ja er tut es, aber in die Richtung einer fast schon anarchisch individuellen Heilkunde, in der er immer wieder sich selbst hinterfragt. Ganz im Sinne von C. Rogers.

Die Therapie beginnt im Grunde bei und mit dieser Form der Fallaufnahme. Der Patient reflektiert viel über sich und sein Verhalten, erkennt vielleicht eine ganze Menge an Zusammenhängen betreffend seinen Beschwerden. Er wird damit vielleicht in die Lage versetzt, von sich aus entsprechende Schlüsse zu ziehen. Ein Patient (vor etwas 30 Jahren) sagte mir danach: "Ich weiß nun, was ich falsch mache, ich brauche keine Arznei." Wenn wir uns später begegneten, erinnerte er immer wieder an diese Worte und sagte, dass er, beim Wiederauftreten der damaligen Beschwerden, gleich wieder sein (Bewegungs-)Verhalten überprüft und. ggf. wieder ändert.

Ich empfinde es nicht als nachteilig, dass es so ist, dass die homöopathische Fallaufnahme bereits den Weg in die "Gesundung" zeigen kann. Doch als Plazebowirkung sehe ich das nicht. Der Patient "bildet sich nichts ein", er erkent und handelt aktiv. Homöopathische "Heilkunst" ist mehr als nur Kügelchen geben. Es wäre nachdenkenswert für andere Therapierichtungen, ob nicht auch deren Erfolge durch solche "Interaktion" mit dem Patienten vermehrt werden könnten.

Mit diesem Zitat möchte ich diese grundsätzlichen Ausführungen zur Fallaufnahme schließen:
§98
So gewiß man nun auch, vorzüglich den Kranken selbst über seine Beschwerden und Empfindungen zu hören und besonders den eignen Ausdrücken, mit denen er seine Leiden zu verstehen geben kann, Glauben beizumessen hat, - weil sie im Munde der Angehörigen und Krankenwärter verändert und verfälscht zu werden pflegen, - so gewiß erfordert doch auf der andern Seite, bei allen Krankheiten, vorzüglich aber bei den langwierigen, die Erforschung des wahren, vollständigen Bildes derselben und seiner Einzelheiten besondere Umsicht, Bedenklichkeit, Menschenkenntniß, Behutsamkeit im Erkundigen und Geduld, in hohem Grade

In der Fortsetzung gehe ich auf die Vorgehensweise und Hintergründe dazu bei der Fallaufnahme ein. Auch im Blick auf die Erstellung von Arzneiwirkbildern am Gesunden. Aus denen man dann die passende Arznei wählt, mit Hilfe von Symptomenverzeichnissen (Repertorien).

Copyright Klaus-Uwe Pagel 01.2015

Sonntag, 11. Januar 2015

Psyche in der Homöopathie

Die Psyche in der Homöopathie – Bestandteil des Organismus

Fortsetzung der Reihe über die Grundlagen der Homöopathie nach Hahnemann


Die „alte“ Heilkunde (humorale Pathologie, Säftelehre) trennte die Psyche (Geist, Gemüt, Temperament) nicht vom Organismus ab. Stellte sie nicht neben den Körper. Es gehörte alles zusammen, die (körperliche) Säftezusammensetzung und das „Temperament“ des jeweiligen Menschen. Stammend aus der 4- (5) Elementenlehre. Das Verhalten des Menschen, sein Empfinden, sein Temperament war wie körperliche Besonderheiten Ausdruck des Mischungsverhältnisses der 4 Säfte Blut (Sanguis – Saguiniker), Schleim (Phlegma – Phlegmatiker), gelbe Galle (Chol – Choleriker) und schwarze Galle (melanos = schwarz, - Melancholiker). Das Vorherrschen eines der Säfte bestimmte seine körperlichen Symptome, so bei zuviel gelber Galle (gelbliche Haut, Gallenkrankheit z.B.) oder „psychischen“ Symptome bei zuviel Schleim (Beharrlichkeit, Trägheit, Unentschlossenheit z.B.).


Dazu ein Link zu einer der vielen Seiten, die zu den psychologischen Aspekten einen Überblick geben: Hilmar Benecke: Psychologie und Persönlichkeit http://www.mensch-und-psyche.de/typenmodelle/temperamentenlehre/

Ein Link zu einer der vielen Seiten, die die humorale Pathologie umreißen, hier zugeordnet zur „Hildegardmedizin“: http://www.cam-tm.com/de/heilmethoden/hildegardmedizin.htm

Die Heilkunde, auch zu Hahnemanns Zeiten trennte nicht voneinander ab. Körper – Geist – Gemüt -Temperament gehörten zusammen, waren Bestandteile des Organismus Mensch. Auf philosophischer Seite begann (I. Kant) etwa zu der Zeit, als Hahnemann in der Medizin neue Wege aufzeigte – immer noch mit einer Einheit aus Körper und „Psyche“ - ein isolierterer Blick auf Verhalten, Denken und Empfinden des Menschen zu werfen. Daraus entstand die Pädagogik und etwa ab 1880 das universitäre Fachgebiet der Psychologie.

Das waren Gebiete, außerhalb der Medizin, Heilkunde.

Hahnemann kehrte der Säftelehre, Humoralpathologe als Lehrmeinung in der Medizin den Rücken und stellte dieser eine physiologisch – funktionelle Idee entgegen. Die Säfte kamen von Außen in den Menschen, woher auch immer – aus Erde, Kosmos. Der Mensch war hier eine Art Spielball irgendwelcher „Mächte“. Hahnemann sah die Krankheiten aus einer dem Menschen zugehörigen inneren Regulation, einem (auch) ererbtem Steuerprogramm (Lebenskraft genannt) entstehen. Nicht nur Krankheiten, alle Lebensfunktionen und Lebensäußerungen (auch Temperamente, Verhalten usw.) entstammten deren Tätigkeit. Diese Lebenskraft ist im Menschen und solange existent, wie es einen funktionsfähigen Organismus gab. Ist dieser tot, wirkt auch seine Lebenskraft nicht. Eben abgeleitet aus der Newtonschen Physik: Es muss, wenn Kräfte wirken sollen, irgendeinen „Träger“, Ausgangspunkt der Kraftwirkung geben.

War in der Humorallehre der Mensch eben den Folgen der von außen bewirkten Säfteungleichgewichtigkeit ausgesetzt, so gab Hahnemann dem Menschen im Grunde seine Autonomie, seine Selbstbestimmung, indem eine diesem im inneren zugehörige (individuelle) Lebenskraft ihn steuerte (erahnte er die Existenz von Genen?). Interessant ist, dass eben in der Philosophie etwa parallel mit der „Selbststeuerungsidee“ des Menschen in der Heilkunde auch eine geistige Autonomie gesehen wurde.

Die alte Medizin, Säftelehre, sorgte dafür, dass der Überschuss an hineingekommenen Säften wieder entzogen wurde (Ausleitung) oder eine Verteilungsungleichgewicht im Körper durch Umverteilung (Ableitung) behoben wurde – Schröpfen, Aderlass, Abführen usw. Dadurch wurde auch versucht, auf die Temperamente einzuwirken und den Aufbrausenden ruhiger, den Trägen aktiver zu machen.

Hahnemann sah z.B. Gelbfärbung der Haut, oder depressives Gemüt als Zeichen einer „Fehlfunktion“ (Verstimmung, nannte er das) der Lebenskraft (Dynamik der inneren Steuerung) an. Waren Säfte verändert, das Blut z.B. besonders dunkel, schwarze Galle vermehrt – nach alter Ansicht (Melancholie) - so hat das der Organismus selbst gemacht. Ist das aus seiner inneren Regulation entstanden.

Hahnemanns Medizin (Homöopathie) leitete nicht aus. Sie zog keine krankmachenden Säfte heraus. Denn es war ja nicht hinweg zu nehmen, was krank macht, sondern nur die gestörte Regulation (Lebenskraft) zu korrigieren.

Aber Achtung. Natürlich, und darauf wies er in seinem Regelwerk, dem Organon der Heilkunst im § 7 klar hin (ich habe im Beitrag über die akuten Krankheiten auf die scheinbar chronischen und die chirurgischen hingewiesen), sah er offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursachen, die hinweg zu nehmen, zu beheben sind. So z.B. den Stachel im Fleisch, die blutende Arterie, die unterbunden werden muss, auch die stark duftende, Ohnmacht erzeugende Blume im Zimmer, die raus muss. Auch Umstände im Lebensverhalten, Bewegungsmangel an frischer Luft, falsche (einseitige) Ernährung, die zu beheben sei. In einem seiner Zeitschriftenbeiträge machte er das am Beispiel einer Heimarbeiterfamilie in Hamburg plastisch deutlich. (Eine Sammlung der kleinen Schriften Hahnemanns ist im Haug-Verlag erschienen, z.B. über Amazon zu beziehen: http://www.amazon.de/hahnemann-samuel-gesammelte-kleine-schriften-Ratgeber/s?ie=UTF8&page=1&rh=n%3A536302%2Ck%3Ahahnemann%20samuel%20gesammelte%20kleine%20schriften )

Die Regel, die er aufstellte für die Erfassung des jeweiligen Krankheitsfalles am individuellen Menschen macht deutlich, welche Bezüge er sah – die man heute noch immer sehen sollte. (Das wird ein weiteres Thema hier werden).

Hahnemann sah die Psyche: Geist, Gemüt (Temperamente) als Regelglieder, untrennbar mit Körperfunktionen, des Organismus an. Symptome dort, die Geistes- und Gemütskrankheiten, waren/sind Vikariationen (Stellvertretersymptone) für „Verstimmungen der Lebenskraft“ mit denen schlimmere Folgen (mit dem Weiterleben nicht zu vereinbaren) kompensiert werden sollten. Diese Krankheiten, scheinbar einseitige, werden ein eigenes Thema sein.

Wie Hahnemann die Rolle der Psyche (mit ihren Elemente wie Empfindungen Antriebe etc.) sieht, wird im § 210 des Organon deutlich.

Zitat: die sogenannten Gemüths- und Geistes-Krankheiten. Sie machen jedoch keine von den übrigen scharf getrennte Classe von Krankheiten aus, indem auch in jeder der übrigen sogenannten Körperkrankheiten, die Gemüths- und Geistes-Verfassung allemal geändert ist.“

Hier wird deutlich: Jeder Körperfunktion, gesund wie krank, gehört die passende Gemüts- und Geistesverfassung zu. Geänderte Körperfunktionen bringen auch geänderte Stimmungen etc. mit sich. Jede bestehende Körperfunktion hat ihre eigenen Stimmungen etc. Eben passend zur „Selbstregulation“, zur „Wirkung der Lebenskraft“, gestört oder ungestört. (siehe auch mein Beitrag über Symptome in der Homöopathie).

Zitat: „Wie oft trifft man nicht, z. B. in den schmerzhaftesten, mehrjährigen Krankheiten, ein mildes, sanftes Gemüth an, so daß der Heilkünstler Achtung und Mitleid gegen den Kranken zu hegen sich gedrungen fühlt. Besiegt er aber die Krankheit und stellt den Kranken wieder her - wie nach homöopathischer Art nicht selten möglich ist - da erstaunt und erschrickt der Arzt oft über die schauderhafte Veränderung des Gemüths, da sieht er oft Undankbarkeit, Hartherzigkeit, ausgesuchte Bosheit und die, die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen ehemaligen gesunden Tagen eigen gewesen waren.“

Zur Psyche des Menschen – des Gesunden in seiner Individualität – gehören durchaus auch Eigenschaften, die manche als „unschön“ (vielleicht, weil er selbst damit nicht zurecht kommt) ansehen: „ … die Menschheit entehrendsten und empörendsten Launen hervortreten, welche gerade diesem Kranken in seinen ehemaligen GESUNDEN Tagen eigen gewesen waren.“

Körperliche und psychische Funktionen untrennbar in Gesundheit und Krankheit, aber individuell.

Man hört immer wieder, dass man mit Homöopathie die Psyche, Verhaltensweisen, Wesenszüge des Menschen verändern will. Die Psyche als Quelle (aller) Leiden. Manchmal will man den Menschen über „homöopathische Kügelchen“ gar in eine „andere geistige“ Welt bringen. Das war nie das Ziel
der Hahnemannchen Homöopathie. Dazu bieten die Arzneiprüfungen am Gesunden, auf denen die Arzneiwahl für den Kranken fußen soll, auch gar kein Material. Hier sind dann im Regelfalle rein philosophisch – geistige – manchmal scheinreligiöse Sichtweisen des Menschen der recht einseitige Hintergrund. Aus dieser Sicht erfolgte Uminterpretation von Arzneiprüfbildern oder gar freien „Erfindungen“, „Inspirationen“ betreffend Arzneistoffen verschiedener Herkunft.

Auch manches Ekel unter den Menschen kann, so wie er ist, gesund sein. Keiner Therapie bedürftig sein.

In der Homöopathie ist die Wirkung der Arzneien auf die Körper untrennbar mit der Wirkung auf die Psyche verbunden. Jedes Arzneiprüfbild schildert körperliche wie psychische Symptome. Wer homöopathische Arzneien wegen psychischer „Beschwerden“ einsetzt, der muss auch in der Lage sein, die entsprechenden Körperwirkungen zu erkennen und bei der Arzneiwahl einzubeziehen.

Psychosomatik – Somatopsychik – untrennbar.

Was Hahnemann aber streng trennte – und worauf er nicht einging, weil nicht Heilkundegegenstand – war Metaphysisches, Einwirken von Seele und einem höheren Weltensinn, Einwirken von einem „vernünftigen Geist, der – unabhängig von der Lebenskraft, er ist diese nicht! - in uns wohnt. Er geht darauf (§9 Organon) in einem Satz ein – dann ist Schluss mit diesem Thema.

Zitat: „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseins bedienen kann.

Der Mensch steht unter einer höheren Gewalt. Aber das ist nicht Gegenstand der Heilkunde. Hier sieht Hahnemann weder für sich – (noch für irgendeinen anderen!) Eingriffsrecht und -Möglichkeit. Der Homöopath hat zu erkennen, wenn und dann wie die Lebenskraft verstimmt ist, und damit vielleicht dem vernünftigen Geist nur „eingeschränkt“ zu Verfügung steht. Lebenskraft ist mit dem Tod des Organismus nicht mehr existent.

Weiter Zitat: Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig. Er ist todt und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandtheile aufgelöst.Nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen."

Noch einmal zum Verständnis: Hahnemann leitet diese Kraft nach dem Vorstellungen der Physik ab. Eine Kraft konnte niemand sehen, sie war eben immateriell. Jedoch war sie existent, beschriebbar und berechenbar über ihre Wirkungen. Kraft war Wirkung. So z.B. des materiellen Magneten auf Eisenteilchen. So die der Erde (Anziehungskraft) auf den Apfel am Baum, vom Baum fallend.


Jeder Kraft braucht von daher den MATERIELLEN Träger. Der Organismus ist der Träger der Lebenskraft. Eine Heilpflanze ist Träger der Arzneikraft. Und die Lebenskraft ist individuell zum Organismus gehörig. Ist dieser funktionsunfähig geworden, funktioniert die Lebenskraft nicht mehr. Sie hat keinen Träger mehr. Ohne Magneten keinen Magnetkraft. Dazu gehört auch: Ohne funktionsfähigen Organismus keine Psyche als Lebenskraftsymptom.

Prinzip: Die Lebenskraft kann nur mit den Teilen des Körpers „arbeiten“ die vorhanden und funktionstüchtig sind. Die Struktur bestimmt die Funktion. Anhaltende oder (zu) häufige Funktionsanforderungen einer Art führen zur Anpassung der Struktur. Das ist auch für die Psyche zu sagen. Schon Lernen durch Wiederholung verändert die Verhaltensweise, passt sie möglichen bestehenden Notwendigkeiten an. Doch dass das gehen kann, hat als Voraussetzung die ungestörte „Anpassungs-/Regulationsfähigkeit der Lebenskraft und entsprechende Programme dieser (Gene).


Es mag zum Problem geworden sein, dass seine zweite, viele Jahre jüngere Frau, die in Paris in den damals populären spiritistischen Zirkeln verkehrte, im Organon „Veränderungen“ einfließen lies. Welche zum einen verhinderten, dass die letzte „Version“ des Organons in den Druck kam. Zum anderen mögliche Quelle von Fehlinterpretationen wurde. Mehrere Jahrzehnte wurde von Homöopathen, so Konstantin Hering, gerade wegen dieser Interpretationsgefahr die Drucklegung verhindert.


Fazit: In der Homöopathie ist Körper und Psyche untrennbar verbunden. Die Psyche in diesem Verständnis hat nichts mit einer metaphysischen Seele zu tun, nichts mit einem individuellen Geist in Sinne einer Seele. Hahnemann hatte nie die Absicht, etwas außerhalb des (sterblichen) Organismus zum Gegenstand der Heilkunde zu machen.










Nachtrag 14.01.2015:
Dénizard-Hippolyte-Léon Rivail - Allan Kardec, so der "Künstlername" - war in Paris, noch zu Lebzeiten Hahnemanns als "Pädagoge" tätig (ab ca. 1828). Ein Schüler Pestalozzis. Er begann dort ein eigenes Bild des Menschen zu entwerfen, Spiritismus. 1857 erschien sein erstes "spiritistisches" Werk. Er hatte, zu seiner Medizinstudienzeit (abgebrochen) von den Ideen des  Franz Anton Mesmer zum "Animalischen Magnetismus" gehört. Auch die Ideen von Hahnemann, der in Paris lebte und wirkte zur Lebenskraft erreichten ihn. Seine Idee davon, wie der Mensch geschaffen sein soll, mag hier helfen, zu verstehen, auf welcher Ebene sich Hahnemanns Lebenskraft-Modell bewegte. In seinem "Buch der Geister" beschrieb er: 

Zitat:
"Der Mensch besteht aus drei Dingen:
1. dem Körper oder dem materiellen Wesen, analog zu den Tieren, und wird durch dasselbe
Lebensprinzip belebt;
2. der Seele oder dem immateriellen Wesen, dem im Körper inkarnierten Geist;
3. dem Band, das Seele und Körper vereint, dem zwischen Materie und Geist vermittelnden
Prinzip.
Folglich hat der Mensch zwei Naturen: durch seinen Körper trägt er Merkmale der Natur der Tiere,
deren Instinkte er besitzt; durch seine Seele trägt er Merkmale der Natur der Geistwesen
."


Die Lebenskraft mit dem "Regelbereich" Psyche ist in diesem Modell dem Punkt 1. zuzuordnen. Sie ist quasi das dort genannte Lebensprinzip. Hahnemann beschäftigte sich in seiner Heilkunde nicht mit den Bereichen 2 und 3. Das gehört zu ganz anderen Bereichen der Philosophie des Menschen. Siehe Zitat oben: Der vernunftige Geiste bedient sich der Lebenskraft. Er ist diese aber nicht.

Wenn Steiner u.a. Hahnemanns Idee über das "materielle Wesen" hinaus in ein philosophisches "Gesamtkonzept" gestellt hat, wenn man mit Homöopathie heute Aspekte des Geistes, höheren Lebens- und Weltsinns verbinden möchte, dann war das nicht Sinn der Homöopathie und basiert auch nicht auf deren Grundlagen.



Copyright K.-U-Pagel 01.2015


Sonntag, 4. Januar 2015

Akutkrankheiten in der Homöopathie, Impfungen, Antibiotika

Akute Krankheiten aus Sicht der Homöopathie – Antibiotika und Impfungen nicht verboten



Fortsetzung der Reihe über die Grundlagen der Homöopathie nach Hahnemann


Vorwort im Anhang


Der Arzt Samuel Hahnemann kannte zu seiner Zeit (1755 – 1843) keinerlei Bakterien oder Viren. Auch Gene waren ihm unbekannt. Man vermutetet zwar aus der Beobachtung, dass Krankheiten vom Kranken auf Gesunde übertragen werden können und kannte so den Begriff der Ansteckung, doch waren die Wege nur aus der Erfahrung abzuleiten, aber die „Krankmacher“ waren nicht bekannt und demnach auch nicht nachweisbar. Man kannte der Begriff der „Miasmen“, nicht näher definierte Ansteckungsstoffe.

Man handelte entsprechend, indem man Kranke, von denen Ansteckung ausgehen konnte, separierte bzw. sich die Gesunden von diesen gezielt fernhielten. Schon die Bibel kennt das, das (sich) Fernhalten von „Übertragung von Krankheiten“. Die „Aussetzigen“ (Lepra) sind so ein Beispiel der „Quarantäne“. Aber auch das sich Fernhalten der (unreinen) Frau während der Menstruation.

Hahnemann hat in seinem Grundlagenwerk zur homöopathischen Heilweise, dem „Organon der Heilkunst“ (Begonnen 1810 als „Organon der Heilkunde und über 6 Auflagen ergänzt und überarbeitet bis 1843), klare Unterscheidungen zwischen chronischen Krankheiten und akuten Krankheiten (typisch die Infektionen) getroffen. Die noch immer im Prinzip zutreffen, durch heutige Kenntnisse untermauert werden.

Zu den chronischen Krankheiten hat er darüber hinaus ein ganzes Buch geschrieben. Auch zur Bedeutung der Symptome im Zusammenhang mit seiner Vikariationstheorie. Dazu habe ich vorher schon ausgeführt.

Seine (zutreffenden) Beobachtungen ließen ihn unterscheiden:

  1. Echte chronischen Krankheiten: Hierbei ist die innere Regulation und die Anpassung an Einflüsse von außen vom Programmablauf her gestört (Lebenskraft nennt er diese/dieses). Mit Symptomen (Funktionszeichen, Strukturveränderungen) körperlich wie psychisch. Krankheiten durch Störung der Selbsterhaltungskräfte. „Selbstheilung“ unmöglich. - Die Psychologie wurde erst ab ca. 1880 zu einen eigenen (philosophischen) Wissenschaftsgebiet. Hahnemann spricht in diesem Zusammenhang von Geistes- und Gemütssymptomen, untrennbar mit körperlichen Funktionen verbunden. Er beschreibt darüber hinaus auch Krankheiten von Gemüt und Geist, die er als „Vikariationen“ körperlicher Störungen verstand.
  2. Unechte chronische Krankheiten: Das sind anhaltende Anpassungssymptome an fortbestehende oder ständig wieder auftretende Einflüsse von außen.So ständige Fehlernährung oder ständig kalte Wohnungen.Auch ständige „einseitig beanspruchende Einflüsse“ der Gesellschaft, in der der Betroffene lebt. Bis hin zu ideologischen Verhaltenszwängen. Sie sind deswegen unecht, weil sie nicht primär auf einer Störung (Verstimmung nennt er das) der Lebenskraft beruhen. Jedoch kann auf Dauer daraus ein solche manifestieren. Demnach müssen solche Umstände entfernt werden, und das reicht dann (nicht immer, siehe Manifestationen) oft bereits aus, um die Verstimmungen sich wieder über die Selbsterhaltungskräfte ausgleichen zu lassen. Da ja keine echte Krankheit bestand, hat auch keine „SelbstHEILUNG“ stattgefunden.
  3. Die Iatrogenen Krankheiten: Iater ist der Arzt. Es handelt sich um Störungen (auch anhaltend) der Inneren Regulation (Lebenskraft) infolge falscher Therapien. Hahnemann hat diese sicher auch deswegen so hervorgehoben, um zu unterstreichen, wie nötig es war (heute noch ist?), Krankheiten in anderen Zusammenhängen zu sehen und von daher zu behandeln. Ein wenig boshaft nennt er diese iatrogenen Krankheiten unheilbare.
  4. Akute Krankheiten: Diese sind Folge der (akuten) Einwirkung „krankmachender“ Einflüsse. Mit der Unterabteilung der im weiten Sinne mechanischen Einflüsse, wie das Messer im Bauch oder die Verbrennung, die mechanische Behandlung (Chirurgie) benötigen. Der Unterabteilung der toxikologischen Einflüsse: Vergiftungen, die entsprechende Entgiftung/Gegengifte verlangt. Der großen Unterabteilung der durch „Ansteckung“ verursachten „Krankheiten“. Zu letzteren nun Ausführungen:

Bei akuten Krankheiten liegt nicht für die Symptomentstehung eine primär gestörte innere Regulation vor. Sie sind in diesem Sinne nicht wirklich Krankheiten. Vielmehr treffen die „symptomenbewirkenden“ Einflüsse auf eine im Prinzip funktionierende/funktionstüchtige Selbsterhaltung. Als Antwort auf die „Angriffe“ von außen. Eine in der Selbstregulation vorgesehenen Reaktionsweise, Anpassung. Also keine Krankheit sondern eine für den Organismus gesunde Reaktion, die Schädigungen abwehren, beheben soll.

Zu Recht stellt Hahnemann fest, dass nicht jeder zu jeder Zeit darauf mit Symptomen reagieren muss, die man bemerkt und die den Betroffenen beeinträchtigen, sein Befinden stören. Er stellt fest, dass diese üblicherweise recht schnell sich entwickeln und in relativ kurzer Zeit entweder zur Gesundheit, gutem Befinden, zurückführen oder mit dem Tode enden. Auch die Möglichkeit, dass die akute „Krankheit“ bisher nicht erkannte „Verstimmungen der Lebenskraft“, Regulationsschwächen sichtbar machen und anhalten lassen können, hat er gesehen.

Interessant auch, dass er damals schon herausstellte, was Gründe dafür sein können, dass jemand von diesen Einflüssen „krank“ wird, mit sichtbaren, belastenden, Symptomen reagieren muss. Ich liste aus dem Organon (6. Auflage, § 73) auf:

  1. solche, die den einzelnen Menschen befallen wegen Schädlichkeiten, denen er ausgesetzt war und die „leichteres Spiel“ hatten, wegen vorbestehender Belastungen der Selbsterhaltungskräfte aus anderen Gründen. Bei:
    a .Ausschweifungen in Genüssen oder Entbehrungen, heftige physische Eindrücke, Erkältungen, Erhitzungen, Entbehrungen usw.
    b. psychischen Erregungen, Affekten usw.
  2. solche, die nur besonders dafür empfängliche Menschen ähnlich betreffen, sporadisch und nur wenige zur gleichen Zeit.
  3. Solche, die viele Menschen in gleicher Weise betreffen, epidemisch und viele in gleicher Zeit und über Kontakte (Menschenmassen) ansteckend sind.

Wir wissen, dass solche Faktoren oft mit unterschiedlichem Gewicht gemeinsam auftreten. Übertragen auf Infektionskrankheiten sehen wir heute, dass es einmal an der „allgemeinen körperlichen Schwäche“ liegen kann, dass Erreger mehr oder minder gut in den Organismus eindringen und in ihnen wie „kriegerische Okkupanten“ wirken können. Es kann daran liegen, wie gut der Einzelne mit seiner Selbstregulation auf solche Angriffe überhaupt vorbereitet ist. Wieweit er besonders gefährlich Angreifer bereits studiert hat und mit schnellen und einfachen Mittel ohne große Symptome die Angriffe abwehren kann (Immunität gehört dazu). Auch, ob er „genetisch“ oder infolge von Vorschädigungen besonders zum Opfer des besonderen Angreifers werden kann, die andere nicht krank machen. Aber auch, welche Angriffsfähigkeiten, Waffen und Taktiken die Erreger besitzen, die zunächst auch den Stärksten überrennen können und dann zur Überwindung heftige Gegenwehr-Symptome benötigen. Noch mal: Solche Symptome sind nicht krankhaft. Sie sind gesunde Antworten auf Angriffe von außen. Keine innere Störung.

Ihre heilkundliche Unterstützung setzt deswegen nicht dort an, wie bei chronischen Erkrankungen, wo einen RegulationsSTÖRUNG zu beheben ist. Ein von Grund auf gesunder Organismus, einen gut funktionierende Selbstregulation, Selbsterhaltung genügt meist aus, um die „Akute Krankheit“ zu überwinden.

Doch wo das scheinbar nichtausreicht, wo vielleicht auch durch die Heftigkeit der Abwehrreaktionen neue Schäden zu erwarten sein könnten (zu hohes Fieber, Austrocknung usw.) kann heilkundlich unterstützt werden. Mit Mitteln, die genau dort ansetzen wo die nun sichtbaren „Schwächen“ liegen, der an sich richtigen Reaktion.

Trinken und Nahrungszufuhr angepasst optimieren, erkennbare bestehende Schädlichkeiten wegnehmen (Hemmungen der Abwehr z.B., ggf. auch durch andere Therapien bedingt ), wenn man sie greifen kann, auf den Verlauf der Selbsterhaltungsreaktionen einwirken, wenn diese (vielleicht infolge Störungen der inneren Regulation) überschießen, unangemessen sind und so den Abwehrverlauf negativ beeinflussen können. Dazu kann auch das Fiebersenken, z.B. durch Wärmeentzug gehören, wenn man diesen nicht einsetzt, wenn der Organismus gerade Fieber zur Abwehr bilden will.

Das aber erfordert die Einschätzung des heilkundlichen Fachmannes (auch Frau). Der diese Abläufe versteht und „lesen“ kann.

Unterdrückung der Symptomentstehung (weil diese lästig sind, man die im Moment gerade nicht brauchen kann) und eine falsche Entlastung der selbsterhaltenden Abwehrmaßnahmen sind auf Dauer/bei Wiederholung kontraproduktiv. Der Organismus hat als Merkmal der Selbsterhaltungsfähigkeiten ein Lernprogramm, welches sich merkt, wie heftig oder mild eigene Anstrengungen zu Abwehr sein müssen, um einen Erfolg zu erzielen. Falsche Unterstützung von Außen führt zu erlernter Leistungsverminderung. So wie ein Sportler, der nicht mehr trainiert, Leistung verliert. In der Biologie gilt: nur was angemessen benutzt wird, wird (unverändert) erhalten.

So kann von der Homöopathie eine Impfung vom Grunde her nicht völlig abgelehnt werden. Die Impfung (abgesehen von der Diskussion über Schadstoffe darin) will ja helfen, dass der Organismus Angreifer kennen lernt und Vorbereitungen treffen kann, bei erneutem Auftreten sofort und damit mit im Grunde wenig Aufwand den Angriff zu verhindern oder abzuwehren.

Doch soll eben das nur erfolgen, wenn andere Mittel nicht genügen, vor allem die Selbsterhaltungskräfte nicht ausreichen, vielleicht „Verstimmungen“ der Selbsterhaltungskräfte (chronische Krankheiten) daraus resultieren können. Das ist aber oft nur der Fall (außer bei bestimmten höchstpathogenen Erregern), wenn bereits genetisch oder erworben entsprechende individuelle Schwächen vorliegen, die nicht anders auszugleichen sind. Unterernährung, Hygienemängel u.ä. Vermeidbare Gründe (vor allen in der sogenannten 3. Welt) müssen beseitigt werden und dürfen nicht durch Impfkampagnen oder besondere Medikamente „unwichtig“ und tolerierbar gemacht werden.

Es muss wirklich gute Gründe für Impfungen geben.

Auch Antibiotika und Chemotherapeutika zur Bekämpfung von Bakterien können sinnvoll sein. Aber nur da, wo tatsächlich die größtmögliche eigene Anstrengung des Organismus nicht ausreicht. Vielleicht auch wegen der besonderen „Waffen“ der Angreifer und der wahrscheinlich hinterlassenen Schäden (wenn eben die eigene Abwehr/Selbsterhaltung dagegen nicht reicht). Unnötige „Entlastung“ der eigenen Anstrengungen führt eben dazu, dass für die Zukunft falsch gelernt wird. Dann nur, wenn tatsächlich der Erreger bekannt ist und die Wirkung gegen diesen hochwahrscheinlich ist.

Und es nicht anders geht.

Auch das muss der Heilkundige aus seinem Wissen heraus beurteilen. Wissen um die Pharmakologie und Giftigkeit der eingesetzten Mittel. Es ist immer zu beachten, ob nicht das Mittel selbst akute (toxikologische iatrogene) Krankheiten machen kann, die schwerer wiegen können.

Schon Hahnemann bemängelte bei einigen, die bei ihm die neue Heilweise gelernt haben, dass diese dazu neigen, schnell anzunehmen, dass die homöopathischen – auch bei akuten Krankheiten – Heilweisen nicht reichen und wegen scheinbar ganz rasch eintretender Beschwerdefreiheit beim Patienten doch unterdrückende oder zu entlastende Mittel einsetzten.

Er sah dahinter eine gewissen Ruhmsucht, besonders erfolgreich erscheinen zu wollen. Mit dann aber zukunftig nachteiligen Folgen.

Nun leben wir heute in einer Zeit, in der man trotz akuter, ansteckender Krankheiten zur Arbeit gehen will, sein ansteckendes Kind in den Kindergarten oder die Schule schicken will. Weswegen man gerne zur Mitteln greift, die die lästigen aber vom Grunde her gesunden Abwehranstrengungen unterdrücken oder („schwächend“) entlasten. Und ins Bett, zur Ruhe kommen, um alle Kräfte für die Abwehr einzusetzen? Heute kaum denkbar. Ansteckungsunterbrechung durch selbst gewählte „Absonderung“? Kontakte meiden?


Aus dem unterschiedlichen Wesen von chronischen und akuten Krankheiten resultiert ein unterschiedlicher Therapieansatz. Individuell angepasst die homöopathische Arznei an die ganz eigene „verstimmte Lebenskraft“ bei den chronischen Krankheiten.

Bei akuten „Krankheiten“ bestimmt die, für die (vielen zur gleichen Zeit) Betroffenen gleiche auslösende Schädlichkeit, die bei den Betroffenen ähnlichen Abwehrsymptome. Anhand dieser wenigen Symptome zeigt sich die Zielrichtung, in die die Arznei wirken soll, um die Abwehranstrengungen, wenn nötig zu unterstützen. Sie muss nicht so umfassend wirken und auf so viele Symptome passend sein, wie die Arznei bei den individuell ausgeprägten chronischen Krankheiten. (Auch wenn da scheinbar manchmal eine einseitige Symptomatik zu bestehen scheint).

Bei Epidemien genügt, so Hahnemann und die Erfahrung bestätigt das, einige ähnlich verlaufende Fälle zu betrachten, um das Mittel zu finden, das auch bei weiteren Betroffenen passen kann. Da ja bei der Epidemie die gleiche Schädlichkeit auslösend war, ist die Antwort der Lebenskraft, die zu unterstützen sein kann, darauf ähnlich.

Auch bei der Wahl der Potenzen und der Dosierung ist die bei auf wenigen (quasi oberflächliche) Symptome aufbauende Arzneigabe unterschiedlich. Hier besteht eine Ähnlichkeit zur rein auf Teilbereiche der inneren Regulation gerichteten sogenannten „klinischen Homöopathie“. Niederpotenzen mit kurzer Wirkdauer in täglich mehrfachen Gaben als Tropflösungen sind hier üblich.




Wird fortgesetzt.

Vorwort

Es geht hier um die Darstellung miteinander verwobener, nicht trennbarer Vorgänge. Um ein inneres System von Zusammenhängen, Zusammenhänge in einem inneren System. Da wäre es unlogisch, einen Schreibstil zu wählen, der zwar leichter lesbar wäre, aber in sich geschlossene Zusammenhänge in kurze Einzelsätze/Einzelfakten zerlegt. Genau das was ausgedrückt werden soll, das untrennbar mit einander Verbundene sehen zu lernen, würde dann wieder in genau die andere Aussage verwandelt, sich jeden einzelnen Punkt kurz und knapp zu betrachten. Daran scheiterte es immer wieder, die Schriften Hahnemanns, vor allem sein Grundsatzwerk, das Organon der Heilkunst, aus der Verschachtelung in die knappe Einzelfaktensprache einer Nachrichtensendung umzusetzen.

Form und Inhalt sollten deckungsgleich sein. So schwierig wie für manchen das Folgen dieses Schreibstils erscheinen mag (es wird heute nicht mehr gelehrt), genau so schwierig ist es, diese Zusammenhänge körperlicher und psychischer Vorgänge (auch untrennbar) in der Praxis zu erfassen und umzusetzen. Das ist häufig der Grund, sich auf Einzelfakten zurückzuziehen, was letztlich dem Ganzen nicht mehr gerecht werden kann.

Der Schreibstil entspricht der Aussage. Wer sich darauf einlässt, kann vielleicht so besser den untrennbaren Zusammenhang (allen mit jedem in Organismus und Psyche) spüren.


Bei diesem Text hier, akute Krankheiten, ist der Stil deutlich weniger verschachtelt, weil weniger breite Zusammenhänge dargestellt werden.


  1. Klaus-Uwe Pagel, 01.2015



Freitag, 2. Januar 2015

Symptome - Grundlagen der Homöopathie



Was Symptome uns sagen wollen - Symptome sind Stellvertreter

Vorwort in Anhang

Was haben wir für eine (vorherrschende) Heilkunde? Die Heilkunde, die Symptome als die Krankheit sieht und diese Symptome kuriert. Und meint, damit die Krankheit, die zugrunde liegende Störung der inneren Regulation und der Anpassungsfähigkeit auf äußere Umstände (das ist Krankheit) heilen zu können. Und sie gibt der Krankheit oft den Namen eines Symptoms, welches sie als besonders vordergründig sieht. So den „erhöhten Blutdruck“ - Hypertonie. Oder des im Blut erhöht scheinenden und zu lange erhöht scheinbar zu bleibenden Zuckerspiegels - Diabetes mellitus. Nach der Folge, dass der vermehrte (Diabetes) Harn bei Zuckerausscheidung über diesen  Zucker  süß (mellis) schmeckt.

Da haben wird nach der Beschreibung der Symptome die „multiple Sklerose“ oder die Arteriosklerose.

Symptome, erkennbare Funktions“störungen“ und deren Folgen.

Hahnemann nannte so etwas in Kritik an der Medizin seiner Zeit: „Krankheiten des Namens“ und er bezichtigte seine ärztlichen Kollegen, durchaus abwertend gemeint, als Symptomenkurierer, die mit ihrem Ausleiten usw. nur an den Symptomen, die bei den Krankheiten sichtbar sind, herumdoktern.

Wie heute, wo es Zielvorgaben für Blutdruckwerte und Zuckerwerte gibt, in die hinein sich die Regulation des Organismus bitte wieder einfügen solle. Und es werden Mittel gegeben, die genau darauf wirken, wie ein Organismus seinen Blutdruck erhöht, um genau das zu verhindern. So wie man zu Hahnemanns Zeiten eben die Säfte, die zu viel waren, herausholte.

Reine Symptomenkuriererei. Es mag deswegen verblüffen, wenn Kritiker das genau der von Hahnemann durch Beobachten gefundenen Heilweise der Homöopathie vorwerfen. Verblüffen, eben weil es nicht wissenschaftlich logisch ist. Und es kann nicht wirklich heilen. Hahnemann verzweifelte daran, dass er als ausgebildeter Arzt solche Verfahren immer wieder scheinbar erfolgreich bei chronischen Krankheiten einsetzte. Dabei konnten akute Symptome (z.B. Schmerzen) gelindert werden. Aber auf Dauer betrachtet eben nur vorübergehend. Die Krankheit verschwand nicht. Vielleicht traten dann scheinbar neue auf. Vielleicht auch, weil die ursprüngliche „Grundstörung der Regulation“ sich zeigte, nun über andere Wege.

Und er, als wissenschaftlich denkender Mensch, erkannte: die Symptome einer Krankheit sind im Grunde genommen nur Zeichen eines Versuchs des Organismus, eine „schlimmere“ Störung der inneren Regulation, der physiologischen Lebensabläufe, durch Kompensationsvorgänge mit weniger gravierenden „Symptomen“ auszugleichen. Die Krankheitssymptome werden zum Stellvertreter (Vikar) der eigentlichen, schlimmeren Störung. Sie ermöglichen so, wenn auch unter Inkaufnahme möglicher Beeinträchtigungen das weitere Überleben. Das ist im Grund genommen eine sehr „systemische“ Sichtweise.

Hahnemann war nicht nur Arzt, er war (wie damals meist üblich) in  Chemie, Physik, Religion, Philosophie im Studium ausgebildet worden. Und er musste - es gab keine Krankenkassen - um als Arzt überleben zu können, auch nebenher anderes machen (so wie heute viele Heilpraktiker). Er nutzte seine Fremdsprachenkenntnisse, um wissenschaftliche Texte zu übersetzen. So war er, was die Fülle des Wissens betrifft, welches ihm so begegnete, weit mehr „angefüllt“, als viele Kollegen damals.

Er war, als er diese „Vikariationstheorie“ aus den Erfahrungen als praktizierender Arzt ableitete, kein esoterischer Phantast. Es ist verwunderlich, wie oft diese tiefgehende und umfängliche wissenschaftliche Bildung bei Ihm übersehen wird. Vielleicht wurde dieser umfangreiche Wissensschatz zu wenig beachtet und darüber zu wenig nachgedacht?

Ihm lag es sehr ferne, irgendwelche Mächte, Geister oder was auch immer hinter den inneren Regulationsprinzipien des Organismus zu sehen. Auch wenn er eine Lebenskraft als den Motor dieser inneren Regulation benannte - er kannte die Gene nicht als Programme, die die Abläufe fein abgestimmt steuern - so meint er nichts Spirituelles. Er kam aus der Newton'chen Physik und ihrer populär gewordenen Kräftelehre (etwas Körperliches, Materielles). Hinter allem, was man physikalisch beobachten kann, was sich verändert, steckt eine berechenbare Kraft. Diese selbst ist unsichtbar („geistartig“ nennt das Hahnemann im Sprachgebrauch seiner Zeit), aber real vorhanden.

Das übertrug er auf die Biologie des Organismus.Er nannte das „physiologische innere Selbsterhaltungs- und Anpassungsprinzip“ analog der Kraft in der Physik, die Kraft des Lebendigseins, Lebenskraft. Ohne ist der Organismus tot und zerfällt, ohne Organismus aber auch keine Lebenkraft. Logisch. Biologisch. Diese Lebenskraft sorgt für alle erkennbaren Zeichen des Lebens, Symptome. Symptome sind also alle beobachtbaren, feststellbaren Lebensäußerungen, sind Funktionen des Organismus („gesunde“ wie „kranke“). Symptome, in ihrer Gesamtheit, nie sind nur eines oder einige zu betrachten. Sie gehören zusammen, sind jedoch nicht die Lebenskraft selbst. Sie zeigen nur deren Wirkung. So sind dann Symptome nie die Krankheit, sondern das, was man als Zeichen der (Kompensation von) Fehlfunktionen beobachten kann.

Und er erkannte - im Grund nahm er die Erkenntnisse über Gene rein aus der Beobachtung des Lebens vorweg -, dass diese Lebenskraft (Dynamis=Potentia=Kraft), diese innere Dynamis, an irgend etwas „gebunden“ sein muss, was sich auch über Generationen vererbt. In dem  - woher auch immer erworben oder wodurch (Mutationen) entstanden (Miasmen) - die Tendenzen zu „besonderen Ablaufstörungen“ gespeichert sein können. Auch bei den Nachkommen dazu Anlass geben können, dass die innere Selbsterhaltung und Anpassungsfähigkeit an äußere Bedingungen unter entsprechenden Umständen „versagen“ kann. Und es zu Vikariationen durch Kompensationssymptome kommen muss, sofern das geht, um das Leben insgesamt (wenn auch beeinträchtigt) so lange wie möglich zu erhalten.

Man kann sagen: Eine Komponente der Lebenskraft ist der „Selbsterhaltungstrieb“. Wir kennen das auch aus den aktuellen Diskussion um die Sterbehilfe: Egal, wie es dem Betroffenen geht, immer soll nach Möglichkeiten gesucht werden, trotz aussichtslos erscheinender Beschwerden diese ertragbar zu machen. Statt den frei gewählten Tod zu schnell zu ermöglichen.

Zu anderen Begriffen: Hahnemann kennt bei chronischen Krankheiten (akute beschreibt er in anderer Weise, dazu später) keine Selbstheilungskräfte. Mit diesen, würde eben die Selbstregulation jede „Störung“ beseitigen. Gäbe es also keine chronischen Krankheiten. Er erkennt nur die gestörten Selbsterhaltungskräfte als Krankheitsursache und den Selbsterhaltungstrieb, der Vikariationen zum Überleben einsetzen kann. Vikariation ist aber nicht das Beheben der Störung, nur eine mehr oder minder gelungene Kompensation. Keine Selbstheilung!

Seine Heilkunde zielte darauf ab, möglichst viele der Zeichen (Symptome) der gestörten Regulation zu erfassen (Störungen der Lebenskraftwirkung). Und er wusste, dass diese von den individuellen Bedingungen des „Kranken“ abhängen. Da musste etwas gefunden werden, was beim gesunden Menschen (denn der ist es, der krank wurde!) die Lebenskraft in ähnlicher Weise „verändert“, ähnliche Symptome macht. Denn das scheint in der gleichen Weise die Lebenskraft zu „verstimmen“ (wie er das nannte), wie es die „krankmachende Kraft, das Fehlprogramm, tut, welches eben (Kräfte wirken auf Kräfte) die Lebenskraft störte. Grund für seine Arzneiprüfungen.

Wenn man dieses Gefundene dann dem Kranken gibt - in feinster Dosierung, denn das gestörte System ist entsprechend empfindlich! - so wird das wahrscheinlich genau dort angreifen, wo die Störung „sitzt“. Und kann ein Korrekturreiz sein.

Er behandelte also nicht die Symptome (als Kompensationsmechanismus der schlimmeren Störung!), sondern er versuchte das gestörte „Programm“ selbst  (soweit möglich) zu korrigieren. Ein Programm anzuschalten oder ein ausgeschaltetes wieder zu aktivieren. Je nachdem, was am Gesunden die beobachteten „Ablaufveränderungen“ bewirkte.

Genanalysen, die Diagnostik von irgendwie „schwachen“ Genen und gestörtem Wechselspiel dieser, waren ihm völlig unbekannt. Heute wird mit diesem Forschungsfeld in objektivierbarer Weise das versucht, was er über die „Fallaufnahme“ der Symptome ansatzweise anstrebte. Und man hat erkannt, dass es eben ein System von Zusammenspiel der Gene ist, was die „Anpassungsstörung“ der inneren Regulation (Lebenskraft) macht.

Eine („systemische“) Heilkundeidee Hahnemanns, die streng auf den individuellen kranken Menschen, nicht die Krankheit, gerichtet war und ist. Zumindest so, wie sie „klassisch“ zum Einsatz kommt/kommen sollte.

Und seine Vision war: Je mehr Stoffe, egal welchen Ursprungs“ darauf hin am Gesunden geprüft wurden, welche besonderen Symptome sich zeigen (am gesunden vorübergehende Verstimmungen der Lebenskraft) und um so genauer die Summe (der „Inbegriff“) der Symptome erfasst werden können, um so sicherer (mit mathematischer Genauigkeit) lässt sich das individuell passende Mittel finden.

Die Vision ist Utopie geblieben. Allein schon weil auch die Gesunden individuelle Reaktionsbesonderheiten zeigen. Jeder Kranke und Heilkundige sehr subjektiv erlebt und beobachtet und das auch noch sehr subjektiv, teilweise mit Worten beschreibt, die ganz anderes meinen. Daran scheitert auch der utopische § 153 des Organon, der auf das Erkennen der ganz besonderen, eigentümlichen Symptome als sicheres Mittel zum Finden der richtigen Arznei setzt.

Dennoch kommt man mit einer (wenn auch zeitaufwendigen) individuellen „Fallaufnahme“ bei den bereits bekannten „Mittelwirkbildern“ einer Heilung näher, wenn man nicht das Symptom, sondern die Grundstörung „behandeln“ will, die der jeweilige kranke Mensch haben könnte.

Mit einer Behandlung, die nur die Symptomenentstehung verhindern soll („unterdrücken“), erreicht man nie die Ursache. Beispiel: Verhindert man mit einer Arznei, die die Blutgefäße erweitert, den Anstieg des Blutdruckes, hat man aber den Grund, warum der Organismus den erhöhten Blutdruck braucht, nicht beseitigt. Er, der Organismus,  kann nur nicht mehr damit kompensieren.

Der Organismus ist gezwungen, andere Vikariationswege zu suchen. Im Regelfall zeigt sich diese Verschiebung nur langsam und schleichend. Sie wird dadurch meist gar nicht als solche erkannt.



Wird fortgesetzt.

Anhang:

Vorwort

Es geht hier um die Darstellung miteinander verwobener, nicht trennbarer Vorgänge. Um ein inneres System von Zusammenhängen, Zusammenhänge in einem inneren System. Da wäre es unlogisch, einen Schreibstil zu wählen, der zwar leichter lesbar wäre, aber in sich geschlossene Zusammenhänge in kurze Einzelsätze/Einzelfakten zerlegt. Genau das was ausgedrückt werden soll, das untrennbar mit einander Verbundene sehen zu lernen, würde dann wieder in genau die andere Aussage verwandelt, sich jeden einzelnen Punkt kurz und knapp zu betrachten. Daran scheiterte es immer wieder, die Schriften Hahnemanns, vor allem sein Grundsatzwerk, das Organon der Heilkunst, aus der Verschachtelung in die knappe Einzelfaktensprache einer Nachrichtensendung umzusetzen.

Form und Inhalt sollten deckungsgleich sein. So schwierig wie für manchen das Folgen dieses Schreibstils erscheinen mag (es wird heute nicht mehr gelehrt), genau so schwierig ist es, diese Zusammenhänge körperlicher und psychischer Vorgänge (auch untrennbar) in der Praxis zu erfassen und umzusetzen. Das ist häufig der Grund, sich auf Einzelfakten zurückzuziehen, was letztlich dem Ganzen nicht mehr gerecht werden kann.

Der Schreibstil entspricht der Aussage. Wer sich darauf einlässt, kann vielleicht so besser den untrennbaren Zusammenhang (allen mit jedem in Organismus und Psyche) spüren.



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