Sonntag, 22. Februar 2015

Homöopathie nach Hahnemann, Arzneiprüfung, Arzneiwahl

Homöopathische Arznei: Einsatz gemäß Prüfbild



Hahnemanns Logik ist klar: Wenn Krankheiten, ihre Symptome, Ausdruck einer gestörten Selbstregulation sind (verstimmte Lebenskraft, wie er es nennt), so muss eine Therapie an diesem Regelbereich ansetzen. Nichts ersetzen oder wegnehmen, nicht irgendwelchem Sinn und Zweck „geistiger Sphären“ genügen, sondern einfach Impulse zur Korrektur der Störung setzen.

Da macht es keinen Sinn, der Arznei irgend etwas anzudichten oder über diese zu phantasieren. Über die Medizin seiner Zeit machte er sich in einem kleinen Zeitschriftenbeitrag in etwa so lustig: „Die Ärzte sagen der Arznei, was sie machen soll, doch sie wissen nicht, was diese wirklich tut.“

Das klingt für uns heute fast unglaublich: Es war nie wirklich erforscht, geprüft worden, was einen Arznei tatsächlich bewirkt. Auch die Wirkungen und Folgen einer Therapie anderer Art wurden nie systematisch erforscht. Hart gesagt: Man machte einfach. Wenn es so wirkt, wie man sich denkt, dann ist es gut. Ging die Therapie schief, war die Idee dennoch richtig, die Therapie war wirksam, aber kam einfach zu spät.

Das erinnert mich, obwohl wir heute eigentlich anderes erwarten, immer noch an manche moderne Therapie und Arznei, die nicht wirklich vorab erforscht wurden. Allein die Hormonersatztherapie, um ein Beispiel zu nennen, die seit den 50er Jahren bei klimakterischen Frauen eingesetzt wurde, war bis vor wenigen Jahren nur auf reine Vermutungen gestellt. Und was wurde nicht alles versprochen. Dann wurde eine Arzneistudie, die erst rund 50 Jahre nach Therapieeinführung gemacht wurde, abgebrochen, weil sich eine erhöhte Brustkrebsrate zeigte, die es unverantwortlich erscheinen lies, die Studie fortzuführen. Und manche Heilsversprechen zeigten sich bis dahin als hohl.

Im § 108 des Organon hebt Hahnemann sich hervor mit der Idee, der Wirkprüfungen für Arzneien:

Nicht ein einziger Arzt, meines Wissens, kam in einer drittehalbtausendjährigen Vorzeit auf diese so natürliche, so unumgänglich nothwendige, einzig ächte Prüfung der Arzneien in ihren reinen, eigenthümlichen, das Befinden der Menschen umstimmenden Wirkungen, um so zu erfahren, welche Krankheitszustände jede Arznei zu heilen vermöge, als der große, unsterbliche Albrecht von Haller. Bloß dieser, obgleich nicht praktischer Arzt, sah vor mir, die Nothwendigkeit hievon ein … Aber Niemand, kein einziger Arzt achtete oder befolgte diese seine unschätzbaren Winke.

Hahnemann verlangte, dass die Arzneien, die die Homöopathie verwendet, darauf hin geprüft sein sollten, welche Wirkungen sie bei gesunden Personen zeigen. Denn: der Gesunde wurde durch die „Verstimmung der Lebenskraft“ krank. Und der Kranke ist ja dann bereits gestört. Was will man dann noch an Wirkungen auf Regelkreise feststellen?

Seine Logik zeigt sich im § 19 des Organon:

Indem nun die Krankheiten nichts als Befindensveränderungen des Gesunden sind, die sich durch Krankheits-Zeichen ausdrücken, und die Heilung ebenfalls nur durch Befindensveränderung des Kranken in den gesunden Zustand möglich ist, so sieht man leicht, daß die Arzneien auf keine Weise Krankheiten würden heilen können, wenn sie nicht die Kraft besäßen, das auf Gefühlen und Thätigkeiten beruhende Menschenbefinden umzustimmen, ja, daß einzig auf dieser ihrer Kraft, Menschenbefinden umzuändern, ihre Heilkraft beruhen müsse.

Wenn ein Kranker bestimmte Symptome als Ausdruck der Störung der Selbstregulation zeigt, dann hat der gestörte Regulationsbereich eben mit den veränderten Abläufen zu tun. Und die Arznei muss nicht nur in diesen Regelkreis passen, sie muss diesen auch in gleicher Weise stören können.


Dazu ist es eben nötig, die Arznei - natürlich in ungiftiger Menge! - durch einen freiwilligen Gesunden einnehmen zu lassen. Und genau zu beobachten, was sich alles verändert und das auch über einige Zeit. Mit ähnlicher Genauigkeit, mit der der Krankheitsfall aufgenommen werden muss.


Weitere Erkenntnisquelle für Wirkungen möglicher Arzneien sind die Aufzeichnungen über Vergiftungsfälle mit den als Arzneien einzusetzenden Substanzen. Hier hatte Hahnemann reichliches Material in den pharmakologischen Büchern, die er in seinem Nebenberuf (Ärzte waren früher nicht reich, keine Krankenkassen) übersetzte.

Ganz entscheidende Voraussetzung für einigermaßen verlässliche Prüfungen war (und ist), dass die Arzneien immer auf gleiche Weise hergestellt werden, mit Rohstoffen glcicher Qualität und Herkunft. Unter festgelegten Bedingungen gewonnen, gelagert verarbeitet. Zu seinen Zeiten war das überhaupt nicht selbstverständlich. Damit er in seinem Tätigkeitsbereichen auf die Arzneiqualität bauen konnte, hatte er sich von den jeweiligen Landesfürsten seiner verschiedenen Tätigkeitsregionen das Recht geben lassen, die Arzneien selbst herzustellen und abzugeben. Sonst den Apothekern vorbehalten.

Davon kann man heute noch lernen: Gerade in der Phytotherapie findet man immer wieder, dass eine bestimmte Pflanze betreffend ihren Wirkungen geprüft wurde, aber „windige“ Geschäftemacher diese Wirkungen einfach auf die von Ihnen hergestellte Arznei übertragen. Das ist insofern regelwidrig, weil es auch hier darauf ankommt, wie etwas hergestellt wurde und in welcher Dosierung der Einsatz bei der Studie erfolgte. Und nicht selten findet man „Trittbrettfahrer“, die ihre Arznei anders herstellten, vielleicht mit anderen Pflanzenteilen und in einer völlig anderen Dosierung diese anbieten. Gern wird das auch im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel so gemacht. Da wird einfach eine Erkenntnis über die Wirkung eines bestimmten Vitamins z.B., welche sich aus standardisierten Studien mit im Regelfall weit höheren als natürlichen Dosen ergaben, auf Lebensmittel übertragen. Nahrungsergänzungsmittel gehören zu den Lebensmitteln. Wenn man dann umrechnet, ergibt sich, manchmal sogar, dass hier nur ein hundertstel der Studiendosis eingenommen werden soll/darf.

Um den Standard der homöopathischen Arzneien zu sichern ist das homöopathische Arzneibuch geschrieben worden. Es enthält die Vorschriften zur Zubereitung, Lagerung usw. der Arzneien.

Natürlich muss eine Arznei, die geprüft werden soll, genau so beschaffen sein, wie die Arznei, die dann therapeutisch zum Einsatz kommen soll.

Es finden sich hier Unterschiede: So benutzt die Homöopathie z.B. einen alkoholische Auszug aus einer Pflanze, mit entsprechend nur bestimmten Inhaltsstoffen und stellt die Arznei immer wieder so und nicht anders her. Die Spagyrik jedoch benutzt die ganze Pflanze: Auspressen, Auszüge machen aus dem Trester, Reste einäschern und die Mineralien noch der Mischung aus den vorhergegangenen Zubreitungsschritten zufügen. Daraus ergibt sich, dass es fraglich ist, ob die spagyrischen Arzneien (hinter denen keine Arzneiprüfungen sondern Theorien stehen) tatsächlich gemäß den Prüfbildern eingesetzt werden können. Oder die Philosophie der Antroposophen, die Arzneien gemäß der „Weltsicht“ von R. Steiner, nicht gemäß den Prüfbildern zum Einsatz bringen.

Hahnemann verlangt die Prüfung und klare reproduzierbare Arzneizubereitungen.

In seinem § 3 des Organons hat er postuliert:

Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication), sieht er deutlich ein, was an den Arzneien, das ist, an jeder Arznei insbesondere, das Heilende ist (Kenntniß der Arzneikräfte), und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, daß Genesung erfolgen muß, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat), als auch in Hinsicht der genau erforderlichen Zubereitung und Menge derselben (rechte Gabe) und der gehörigen Wiederholungszeit der Gabe: - kennt er endlich die Hindernisse der Genesung in jedem Falle und weiß sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung von Dauer sei: so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler.

Man muss wissen was man tut und Voraussetzung ist eben, dass man weiß, was die Therapie macht.

Also am Gesunden testen, was eine Arznei macht. So stellt er im § 106 fest:

Die ganze, Krankheit erregende Wirksamkeit der einzelnen Arzneien muß bekannt sein, das ist, alle die krankhaften Symptome und Befindens-Veränderungen, die jede derselben in gesunden Menschen besonders zu erzeugen fähig ist, müssen erst beobachtet worden sein, ehe man hoffen kann, für die meisten natürlichen Krankheiten treffend homöopathische Heilmittel unter ihnen finden und auswählen zu können.


Grundstoff der Arzneien kann alles sein, was es so gibt, von Steinen über Pflanzen bis zu tierischen Produkten. In der „moderneren“ Homöopathie kamen auch Zubereitungen aus Organen und von Krankheitsprodukten (auch vom Menschen) (Nosoden genannt) zum Einsatz. Doch bittte immer nach Wirkbild/Prüfbild.

Auch heute werden immer wieder bekannte Arzneien neu geprüft und neue Stoffe Prüfungen unterzogen. Die Fülle der möglichen Arzneien ist von daher nahezu unbegrenzt.

Hahnemann hatte geschwärmt, dass man, wenn man nur genügend Arzneien geprüft hat, mit mathematischer Genauigkeit für den jeweiligen Krankheitsfall die richtige finden könne.

Die Idee der Therapie mit solchen Arzneien, die beim Gesunden ähnliche Symptome (jedoch nicht in schädlichem Ausmaß und bald wieder abklingend) wie sie der Kranke zeigt, ist: Ein Regelkreis ist dazu da, immer wieder das jeweils „gesunde“ Maß wieder herzustellen, sich an Reize von Außen anzupassen und diese auszugleichen. Beim Kranken gelingt das nicht, seine Regelkreis „bleibt irgendwie hängen.“

Der Gesunde reagiert mit einer Gegenwirkung auf den Arzneireiz, der sich in der Prüfung zeigt, und kommt zur „Ausgangslage“ zurück. Das versucht Hahnemann mit der (milden) Gabe dieser Arznei am Kranken zu bewirken. Ein Postulat: Es war ja nicht diese Arznei, die die Krankheit ausgelöst hat. Darauf kann der Organismus dann nicht reagieren, sonst wäre ja das Regelsystem nicht hängen geblieben. Sie ist dieser Krankheitssymptomatik ähnlich (homöo), aber weil künstlich, doch fremd. Wenn nun der Regelkreis diese „fremde“ Arznei erkennt und dagegen reagiert, dann ist das möglich und kann zum „Wiederanspringen“ des gestörten Systems führen. In der Gegenwirkung gegen diesen „Störreiz“.


Arzneiprüfungen sind damals wie heute voller Tücken. Der Probant muss möglichst gesund sein. Dennoch hat er individuelle Besonderheiten, auch vielleicht nicht erkannte (weil bisher nicht entsprechend benötigte) Störungen in der inneren Regulation, der Lebenskraft. Er hat seine Besonderheiten durch Alter, Geschlecht, Lebens und Ernährungsweise, durch seine (genetische) Herkunft, sogar aufgrund früherer Vorerkrankungen. Auch die persönliche Zuverlässigkeit spielt einen große Rolle. Das beginnt bereits damit, dass er nicht Vergütungen erwerben will und deswegen sich vielleicht dem „Studienziel“ angepasst verhält. Vielleicht weil er so wieder einen „Job“ bekommen möchte.

Zu Hahnemanns Zeiten bestand die Gefahr darin, dass sich jemand durch besonders reichhaltiges Symptomenerzählen hervorheben wollte. Er warnte in einer Fußnote zum § 143:

Man hat in neuern Zeilen entfernten, unbekannten Personen, die sich dafür bezahlen ließen, aufgetragen, Arzneien zu probiren, und diese Verzeichnisse drucken lassen. Aber auf diese Weise scheint das allerwichtigste, die einzig wahre Heilkunst zu gründen bestimmte, und die größte moralische Gewißheit und Zuverlässigkeit erheischende Geschäft in seinen Ergebnissen, leider, zweideutig und unsicher zu werden und allen Werth zu verlieren. Die, davon zu erwartenden, falschen Angaben, vom homöopathischen Arzte dereinst für wahr angenommen, müssen in ihrer Anwendung dem Kranken zum größten Nachtheile gereichen.

Der modernen Pharmaprüfung können eine Reihe von Fehlern unterlaufen. So kann bei Studien im fernen Ausland der Zustand dort als gesund/normal angesehener Probanden sich von dem der späteren Patienten in anderen Lebens-und Kulturkreisen erheblich unterscheiden. Es ist nicht gesichert, dass kostengünstige Studien in Indien mit indischen Probanden gemacht (zum Teil auch mit Personen, die für jede Zuwendung dankbar sind) tatsächlich für das eigentliche Vermarktungsgebiet Europa und Nordamerika übertragbare Ergebnisse liefern können. Z.B. sind Prüfungen von Impfstoffen an afrikanischen oder asiatischen (meist aus der ärmeren Bevölkerung kommenden) Säuglingen und Kleinkindern immer mit der Frage behaftet, ob nicht Grunderkrankungen, schlechte Hygiene u.a. die Ergebnisse beeinflussen. Vor allem, ob Reaktionen, die auch unerwünschte Impfstofffolgen sein können, anderen Gründen zugemessen werden und nicht in den Ergebnissen auftauchen.

Hahnemann waren solche Probleme bekannt. Er wusste, dass eine Arznei bei verschiedenen Probanden längst nicht alle und die gleichen Symptome machen muss. Insbesondere, wenn man um Schäden zu vermeiden, mit ganz geringen Stoffmengen prüfen muss. Er wusste um die Einflüsse von Geschlecht usw. und forderte eben, auch die gefundenen Wirkungen entsprechend zuzuordnen. Und er wusste um die Einflüsse, die von „Außen“ die Symptome verändern können. So z.B. in den § 124 und 125.

Jeden Arzneistoff muß man zu dieser Absicht ganz allein, ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen, oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tage zu sich zu nehmen, und eben so wenig die folgenden Tage, so lange als man die Wirkungen der Arznei beobachten will.
...
Während dieser Versuchszeit, muß auch die Diät recht mäßig eingerichtet werden, möglichst ohne Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art, so daß die grünen Zugemüße und Wurzeln …und alle Salate und Suppenkräuter (welche sämmtlich immer einige störende Arzneikraft, auch bei aller Zubereitung behalten) vermieden werden. Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig als möglich reizend.
Ich hoffe, dass bei allen heute in der Homöopathie (auch in Indien und Südamerika) gemachten Arzneiprüfungen die schon regionalen Besonderheiten berücksichtigt und hervorgehoben werden.

In der heutigen Pharmaforschung wäre dem § 124 entgegen auch zu prüfen, wie die neue Arznei bei Patienten wirkt, die üblicherweise wegen der Erkrankung bereits andere Arzneien nehmen müssen und die neue dazu bekommen sollten. Z.B. wie sich neue Blutdrucksenker mit gegebenen „Wassertabletten“ und Cholesterinsenkern vertragen. Ob das immer so vorab gemacht wird oder ob sich Probleme dann erst später im Gebrauch zeigen? Diese Frage steht im Raum.

Bei der homöopathischen Arzneiprüfung besteht ein Vorteil: Man will ja wissen, was alles von der zu prüfenden Substanz ausgelöst werden kann. Man ist ergebnisoffen! Egal, ob es viele oder wenige Symptome sind, es hängt keine Vermarktung davon ab. Die moderne Pharmaforschung hat immer ein Ergebnis im Auge, einen bestimmten „Wirkerfolg“. Ausbleiben oder gar Schädigungen würden die Vorinvestitionen gefährden und Vermarktung verhindern.

Vielleicht ist das ein Grund, warum der Homöopathie und den zu ihr gehörenden Grundregeln wie der Arzneiprüfung so negativ gegenüber gestanden wird? Warum man sie in „Bausch und Bogen“ verdammt?

Problem (beider Lager) ist die ungeheure Subjektivität, auch wenn sich die Pharmaforschung gerne auf gemessene Werte stützt. Die übrigens auch bei Plazebos auftreten können. In der Homöopathie ist man auf die Selbstbeobachtungsfähigkeit des Probanden angewiesen, der mit eigenen Worten schildert. Und dessen Worte vom Versuchsleiter gehört und aufgeschrieben werden – interpretierbar durch den Versuchsleiter. Hier ist die gleiche „Unbefangenheit“ zu postulieren, wie bei der Fallaufnahme am Kranken beschrieben.


Die möglichst vielen, auch verschiedenen, Ergebnisse der Prüfungen einer Arznei sind in einem Verzeichnis (Arzneimittellehre, Repetitorium) aufzulisten. Der Übersicht wegen nach einzelnen Bereichen (z.B. Kopfsymptome, Besserung durch …) sortiert. Dazu der § 144

Von einer solchen Arzneimittellehre sei alles Vermuthete, bloß Behauptete, oder gar Erdichtete gänzlich ausgeschlossen; es sei alles reine Sprache der sorgfältig und redlich befragten Natur.

Doch wirklich fehlerfrei kann diese Arzneimittellehre letztlich genau so wenig sein wie moderne pharmakologische Studienergebnisse! Das muss man hinnehmen. Die heilkundliche Erfahrung lehrt auch den richtigen Gebrauch. Arzneimittellehren sind kein Handwerkszeug für Laien!

Hahnemann hat selbst solche Verzeichnisse, eine Arzneimittellehre geschrieben. Sein 5-bändiges Werk „Die chronischen Krankheiten“ widmet die Bände 2 – 4 nur der Auflistung solcher Prüfungssymptome zu verschiedenen Arzneien. Dabei sind Mittel mit relativ wenigen Symptomen und Mittel mit mehreren Tausenden davon.

Das Gegenstück zu dieser Arzneimittellehre, welche die Prüfbilder auflistet ist das Symptomenverzeichnis (Repertorium). Der Amerikaner Kent hat in den ersten 2 Jahrzehnten des 20-ten Jahrhunderts mit vielen Helfern und in mehreren Arbeitsjahren ein Standardwerk dazu erarbeitet. Hier wurden aus allen verfügbaren Prüfungen jeweils einzelne Symptome herausgefiltert und dazu dann gelistet, bei welchen Arzneien denn dieses Symptom überhaupt vorgekommen ist. Man kann so aus den einzelnen am Patienten erhobenen Symptomen auf die möglichen Mittel kommen, diese zu allen Symptomen auflisten und aus den nun übersichtlich gewordenen Arzneien die am besten passende auswählen.

Bei der Arbeit Kents fiel bald auf (was ja auch zu erwarten war), dass manche Symptome einer Arznei sich bei vielen Probanden zeigten und manches Symptom nur bei einigen wenigen oder gar nur ein mal. So ergaben sich Mittel, die eher bei Dicken, bei Männern oder Kindern (nur einiges herausgenommen) wirkten. Was dann auch noch einmal hervorgehoben wurde. Bei Kent war die Folge, dass er die Mittel bei den einzelnen Symptomen unterschiedlicher Wertigkeit (bei ihm 3) zuordnete.

Der Umgang mit dem Repertorium muss gelernt werden. Das ist wieder keine Laiensache, wie z.B. das Umsetzen eines Kochreteptes.


In meinen vielen Kursen zur Arzneifindung haben meine Kursteilnehmer neben dem Repertorium nach Kent auch andere Werke benutzt, vom „Boericke“ bis zu der Kentneubearbeitung von von Boeninghausen, vom Stauffer bis zum neuen Buch des wiener Homöopathieprofessors Dorcsi. Wir haben gemeinsam einen Fall aufgenommen und dann getrennt (bis zum nächsten Kurstag) ausgewertet, eben mit unterschiedlichen Mitteln. Die Kursteilnehmer waren in den jeweiligen Gebrauch eingewiesen worden. Und es ergaben sich bei der Auswertung (zunächst rein statistsich) hohe Deckungen unter den 5 führenden Mitteln. Ergebnisse sind weder Zufall noch Buch abhängig. Eben nur abhängig davon, ob Regeln eingehalten werden oder nicht. Das setzt das Verstehen der Regeln voraus. Da zuvor in meinen Kursen diese Regeln gelernt wurden, waren die Voraussetzungen entsprechend gleich. In einer Diskussion, in der die Kursteilnehmer ihre favorisierte Arznei nannten und anhand der Fallaufnahme diese Wahl begründen mussten, wurde ein Mittel ausgewählt, welches dann zum praktische Einsatz kam. Das Ergebnis wurde verfolgt und war überwiegend zufriedenstellend.

Diese gemeinsame Diskussion brachte hervor, was z.B. bei der Fallaufnahme falsch verstanden wurde, was falsch ausgelegt wurde, wo der Kursteilnehmer eigene Ideen untermischte (oder Erfahrungen seiner Tante bei der scheinbar gleichen Symptomatik). Wo eben alles Vermuthete, bloß Behauptete, oder gar Erdichtete nicht gänzlich ausgeschlossen worden war. Ein solcher Unterricht schult. Homöopathie ist eben nicht wirklich Laienmedizin.



Wird fortgesetzt mit dem Thema Arzneibereitung/Potenzen - es werden mehrere Teile

Copyright K.-U.Pagel 02.2015


Nachtrag: In der Bundesrepublik fallen homöopathische Arzneien unter das Arzneimittelgesetz. § 1 definiert: 1) Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, 1.die zur Anwendung im oder am menschlichen oder tierischen Körper bestimmt sind und als Mittel mit Eigenschaften zur Heilung oder Linderung oder zur Verhütung menschlicher oder tierischer Krankheiten oder krankhafter Beschwerden bestimmt sind



Während „chemische" Arzneimittel eine Zulassung brauchen, die einen Wirksamkeitsnachweis verlangt und festlegt, dass die Risiken im Vergleich zum Nutzen hinnehmbar sind, brauchen homöopathische Arzneien nur eine Registrierung nach § 38: (1) Fertigarzneimittel, die Arzneimittel im Sinne des § 2 Abs. 1 oder Abs. 2 Nr. 1 sind, dürfen als homöopathische Arzneimittel im Geltungsbereich dieses Gesetzes nur in den Verkehr gebracht werden, wenn sie in ein bei der zuständigen Bundesoberbehörde zu führendes Register für homöopathische Arzneimittel eingetragen sind (Registrierung). Einer Zulassung bedarf es nicht; § 21 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 findet entsprechende Anwendung....

Da keine Wirkungen nachgewiesen sind, darf auch nicht mit einer konkreten Krankheitsindikation gewoben werden. Es ist der Hinweis zu finden:„Registriertes homöopathisches Arzneimittel, daher ohne Angabe einer therapeutischen Indikation“. Auch wird der Hinweis gegeben, dass die Anwendung nach den Regeln der Homöopathie/nach dem homöopatischen Arzneibild erfolgt.



Bach-Blüten-Essenzen sind keine homöopathischen Arzneien und werden nach ganz anderen Kriterien eingesetzt sowie ganz anders hergestellt.






Sonntag, 15. Februar 2015

Ernährung und Homöopathie

Homöopathie nach Hahnemann – Bedeutung der Ernährung


Die Homöopathie nach Hahnemann ist nicht (allein) das Propagieren der Verabreichung von (Zucker-) „Kügelchen“. Sie stellt im Grunde ein umfangreiches „Lehrgebäude“ dar (in Gestalt des „Organon der Heilkunde“) für eine ganzheitliche Sicht der Heilkunde, für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit.

Hahnemann stellte das Befinden des Menschen, seine selbsterhaltende Anpassung, körperlich und psychisch, mittels des „Lebensprincipes“, der Lebenskraft, in den Zusammenhang auch mit seinem sozialen Umfeld, den Umweltfaktoren und dabei auch seiner Ernährung.

Siehe dazu auch das Feld der Fallaufnahme:


Dieses Lebensprinzip, die Lebenkraft ist dabei nichts, was „höheren Sinn“ enthält, „Geistigen Sphären“ entspringt, geheimnisvolle spirituelle „Energien“ entwickelt. Es hat nichts mit „Vorleben und Reincarnation“ zu tun, schöpft nicht aus dem „Pool eines kollektiven Un(ter)bewussten“. Es ist schlicht ein somato-psychisch-somatisches physiologisches Regulationssystem.

Zitat aus § 34 Organon: „... das instinktartige, keiner Ueberlegung und keiner Rückerinnerung fähige Lebensprincip...

Was Hahnemann zur Therapie der akuten Krankheiten feststellt, kann von der Lebenskraft her auch auf chronische übertragen werden (§263)

Zwar geht das Verlangen des acut Kranken, an Genüssen und Getränken, größtentheils auf palliative Erleichterungsdinge; sie sind aber nicht eigentlich arzneilicher Art und bloß einem derzeitigen Bedürfniß angemessen.

Auch Verlangen oder Abneigung gegenüber Speisen ist Ausdruck, Symptom, der Regolation zur Selbsterhaltung. Im Gesunden wie zum „Überleben“ bei Krankheiten (Vikariationssymptome).

Siehe:


Über die Wahl oder Ablehnung von Speisen während akuter Krankheiten versucht die Lebenskraft die Bemühungen des Organismus, Angriffe von Außen abzuwehren, zu unterstützen. Diese Wahl wird zu einer „Kampfhilfe für die Gegenwehr“. Bei chronischen Krankheiten passt sich die Wahl der Speisen und Getränke den jeweiligen Regulationsnotwendigkeiten an. Es ist der Versuch, einen gestörten Regelbereich zu entlasten oder irgendwie auszugleichen. Das kommt aus der Störung und den dazu gehörenden Kompensationsversuchen selbst her. Verlangen oder Abneigung, auch Unverträglichkeit von Speisen und Getränken, gehören zu den Symptomen der chronischen Krankheit.

Wenn die Krankheit geheilt ist, dann verschwinden diese Symptome von selbst. Bei der akuten (gesunden) Gegenwehr wie bei der chronischen Kompensation.

Für eine Therapie im Sinne der Homöopathie wäre es nicht sinnvoll, durch Vorgaben von außen diese Ernährungsweise zu verbieten oder eine andere vorzuschreiben.

Bei der Wahl des passenden Arzneimittels wurde ja immer auch das mit einbezogen, was der Patient individuell an „Erleichterungsdingen“ braucht. Das gehört zum Gesamtbild der Krankheit, der Regulationsstörung, zwingend dazu.

Es wäre absurd, eine Arznei zu wählen, die genau diese Ernährungssymptome im Prüfbild hat (Vorlieben, Abneigungen usw.), weil eben der Patient diese zeigt, und dann den Patienten „künstlich“ zu verändern, indem man diese Ernährungsweise verbietet oder umstellt. Man würde den Patienten dann so verändern, dass seine innere Regulation nicht mehr zur Arznei passen würde. Eine Arznei, die gewählt wurde, weil der chronisch Kranke einen Hang zum Alkoholismus oder Selbststimmulation durch große Kaffeemengen zeigt, hat diese Symptome bei der Arzneiprüfung am Gesunden (ein späteres Thema) erzeugt. Man schafft einen anderen Patienten, wenn man diesen sich anders ernähren lässt.

Wieso sollte diese Arznei dann unwirksam sein/werden, wenn diese Symptome vorliegen? Vielmehr werden diese „Ernährungsvorlieben“, sofern sie „krankheitsbedingt“ waren, mit zunehmender Besserung von selbst verschwinden. Diese zuvor „Symptomen (Beschwerden) lindernde „Kompensation“ wird ja unnötig.

Es ist zu unterscheiden zwischen „Ernährungssymptomen“ als Ausdruck der bestehenden chronischen Krankheiten oder Ernährung als auslösende oder Krankheit unterhaltende Ursache.

Im § 74 heißt es

Was die acuten Krankheiten betrifft, so sind sie theils solche, die den einzelnen Menschen befallen auf Veranlassung von Schädlichkeiten, denen gerade dieser Mensch insbesondere ausgesetzt war. Ausschweifungen in Genüssen, oder ihre Entbehrung,...

Über“fressen“, oft mit Speisen oder Getränken, die ungewohnt starke/einseitige Bestandteile enthielten, konnten solche „Auslöser“ werden: Zu viel Alkohol, zu fettes oder einfach zu vieles Essen. Aber auch unangemessenes/unangebrachtes Fasten. Vergiftungen akut, auch Infektionen durch verdorbenes Essen. Zu Hahnemanns Zeiten waren Lebensmittel nicht selten Schadstoff haltig, man musste wegen des Mangels nicht selten auch „grenzwertig“ Verzehrstaugliches essen. Manches Verderbnis wurde gar nicht erkannt.

Der § 77 erklärt:

Uneigentlich werden diejenigen Krankheiten chronische benannt, welche Menschen erleiden, die sich fortwährend vermeidbaren Schädlichkeiten aussetzen, gewöhnlich schädliche Getränke oder Nahrungsmittel genießen, … zum Leben nöthige Bedürfnisse anhaltend entbehren, ...

Mit anderen Worten: Wer, warum auch immer, einen Lebensstil pflegt, der nicht individuell zu ihm passt – sofern er nicht Folge chronischer Erkrankung ist, damit ein Symptom dessen -, der braucht keine Arznei. Der sollte erkennen, was er falsch macht, und das ändern. Dazu kann der Heilkundige helfen. Schon eine gut gemachte Fallaufnahme kann hier zur Einsicht führen, da der Patient dabei ja manches über sich selbst „erarbeitet“.


Man muss unterscheiden: Manche Ernährungsweise ist einfach den jeweiligen Umständen (z.B. Katastrophensituationen) geschuldet oder durch den Lebensraum vorgegeben. So wird man in Grönland anders essen müssen, als in Thailand. Würde man hier die dem Lebensraum angemessene Ernährungsweise anhaltend ändern, so könnte auch das zu „Symptomen“ führen. Wäre aber keine primäre Störung der Lebenskraft (chronische Krankheit) sondern „Blödsinn“. Der vielleicht durch Ideologien der Ernährung oder „Moden“ angestoßen wurde.

Manche „Ernährungstherapie“ kann so individuell zu Krankheiten (vermeidbare, iatrogene) führen.


Die Ernährungsweise, Genussgifte/Genussmittel, die nicht zum „normalen“ Gebrauch geworden sind (dann vielleicht als Symptom einer Krankheit?) haben Wirkungen auf das selbsterhaltende Selbstregulationssystem, die Lebenskraft. Akut genossen können solche Stoffe wie eine Arznei vorübergehend das „Symptomenbild“ verändern.

Das hat für die Arzneiprüfung am Gesunden wesentliche Bedeutung. Der Gesunde soll die Symptome entwickeln, die die jeweils zu prüfende homöopathische Arznei erzeugt. Weitere, eigene arzneiliche Wirkungen entfaltende Stoffe sind dabei fern zu halten.

§ 124
     Jeden Arzneistoff muß man zu dieser Absicht ganz allein, ganz rein anwenden, ohne irgend eine fremdartige Substanz zuzumischen, oder sonst etwas fremdartig Arzneiliches an demselben Tage zu sich zu nehmen, und eben so wenig die folgenden Tage, so lange als man die Wirkungen der Arznei beobachten will.


§ 125
Während dieser Versuchszeit, muß auch die Diät recht mäßig eingerichtet werden, möglichst ohne Gewürze, von bloß nährender, einfacher Art, so daß die grünen Zugemüße und Wurzeln (1)
1) Junge grüne Erbsen (Schoten), grüne Bohnen, über Wasser-Dampf gesottene Kartoffeln und allenfalls Möhren (Mohrrüben) sind zulässig, als die am wenigsten arzneilichen Gemüße.
und alle Salate und Suppenkräuter (welche sämmtlich immer einige störende Arzneikraft, auch bei aller Zubereitung behalten) vermieden werden. Die Getränke sollen die alltäglichen sein, so wenig als möglich reizend 2).


Man beachte: Es geht hier nur um die Arzneiprüfung am Gesunden. Keinesfalls will Hahnemann damit etwas über eine gesunde Ernährung aussagen!
2) Die Versuchsperson muß entweder an keinen Wein, Branntwein, Kaffee noch Thee gewöhnt sein, oder sich diese theils reizenden, theils arzneilich schädlichen Getränke schon längere Zeit vorher völlig abgewöhnt haben.
Zur Zeit Hahnemanns waren solche Dinge wie Kaffee oder Tee längst nicht – wie heute – zum tagtäglichen „Gebrauchsgegenstand“ in weiten Teilen der Bevölkerung geworden. Doch auch damals wurde „gesoffen“ – aber auch nicht von allen. Das, was er mit „Gewöhnung“ meinte, hat im Grunde mit einem Krankheitssymptom zu tun, der Sucht oder Abhängigkeit. Und das sind dann eben keinen „Gesunden“, die für eine Arzneiprüfung zu benutzen wären. Wie will man denn das Prüfsymptom „Verlangen nach Kaffee“ bei jemandem erkennen, der das sowieso schon hat?


Der § 259 kann entsprechend missverstanden werden:
Bei der so nöthigen als zweckmäßigen Kleinheit der Gaben, im homöopathischen Verfahren, ist es leichtbegreiflich, daß in der Cur alles Uebrige aus der Diät und Lebensordnung entfernt werden müsse, was nur irgend arzneilich wirken könnte, damit die feine Gabe nicht durch fremdartig arzneilichen Reiz überstimmt und verlöscht, oder auch nur gestört werde.


Wenn jemand – zum Mittelbild der ausgewählten Arznei gehörend – Verlangen nach Kaffee hat, dann ist das kein FREMDARTIG ARZNEILICHER REIZ. Das wäre es, wenn es sich um eben ungewohnte, ausnahmsweise „Einnahmen“ handeln würde.

Die Wirkungen der richtig gewählten Arznei, die das vorhandene Symptom „Verlangen nach Kaffee“ im Bild hat, wird eben nicht durch Kaffee aufgehoben. Dann hätte man das Symptom: „Kaffeetrinken hebt das Verlangen danach auf“, hebt die Arzneiwirkung also auf. Genau das ist nicht der Fall. Die Arznei hält das Verlangen nach Kaffee aufrecht, auch wenn der Betreffende ständig davon trinkt. Die Arznei heilt trotzdem das krankhafte Verlangen nach Kaffee.


Der arzneiliche Reiz ist dann der Arznei fremdartig, wenn er nicht zu den Arzneisymptomen gehört und den Arzneisymptomen entgegenwirkt bzw. eigene Symptome machen kann. Eben selbst zum eigenständigen Symptomenauslöser (unechte chronische Krankheit) werden kann.

Wer ständig oder immer wieder Kaffee trinkt (vielleicht, weil es zum „Insein“ gehört), auch wenn er es aus sich heraus gar nicht braucht, der ist „arzneifremden“ Reizen ausgesetzt, die zu entfernen wären. Denn das würde selbst Symptome auslösen und könnte einfach nicht zum Verschwinden des Symptoms führen: Heilungshindernis.

Unter diesem Aspekt sollte man auch die Gabe von sogenannten Nahrungsergänzungsmittel sehen, die über die „Wirkung“ der normalen Ernährung hinaus, besondere Wirkungen im Organismus erzeugen sollen bzw. bestimmte Funktionen verändern sollen.

Noch einmal: Symptome des Kranken, die aus der „Störung der Lebenskraft“ entstehen, also die chronische Krankheit anzeigen, gehören zu diesem Kranken. Und gehören demnach zur passenden Arznei. Sie werden deren Wirkung nicht stören, denn die Arzneikraft passt genau ins gestörte System. Regt dieses zur „Selbstregulation“ an. Manches Verbieten oder Vorschreiben vermag dann kontraproduktiv zur Heilung zu wirken.

Achtung: Das Weglassen gewohnter Substanzen kann zu Symptomen führen (z.B. Entzug). Ebenso einen Ernährungsumstellung. Das kann dann zum Heilungshindernis werden.

Der § 260 versucht es noch einmal zu verdeutlichen:

Für chronisch Kranke ist daher die sorgfältige Aufsuchung solcher Hindernisse der Heilung um so nöthiger, da ihre Krankheit durch dergleichen Schädlichkeiten und andere krankhaft wirkende, oft unerkannte Fehler in der Lebensordnung gewöhnlich verschlimmert worden war 

Es sind primär Fehler in der Lebensordnung (scheinbare, unechte, chronische Krankheiten), die neben den Symptomen der echten chronischen Krankheiten bestehen können und letztere unterhalten und verschlimmern können.

Das muss der Heilkundige entsprechend erkennen und unterscheiden können! Dabei hilft die aufwändige Fallaufnahme. Und sie hilft dem Patienten, Einsicht in solche (jedoch nicht immer vermeidbare) Fehler zu gewinnen, als Anstoß und Impuls zur Änderung.

Doch ist nun mal Fakt, dass manches/vieles einfach nicht änderbar ist, wenn man nicht den Lebensraum ändert oder/und wirtschaftliche und gesellschaftliche auch politische Umstände.


Copyright K.-U.Pagel 02.2015

Sonntag, 8. Februar 2015

Geistes-und Gemütskrankheiten aus Sicht der Hahnemann'schen Homöopathie

Geistes-und Gemütskrankheiten als Folge/Vikariation von „Körperkrankheiten“


Samuel Hahnemann hat in seinen, in verschiedenen Niederlassungsorten ausgeübten, Nebentätigkeiten als „Stadtarzt“ - (heute eine Art Amtsarzt) auch die Inspektion von Krankenhäusern, Gefängnissen und „Irrenanstalten“ zur Aufgabe gehabt. Er konnte ganz nah erleben, dass die Geistes-und Gemütskranken oft viel erbärmlicher „gehalten“ wurden als Straftäter, jedoch ohne Erbarmen.

Da konnte es nicht ausbleiben, dass eine wesentliche Forderung von ihm war, solche Kranken als würdige Menschen zu behandeln. In einer Fußnote zum § 228 Organon klagt er an:

Man muß über die Hartherzigkeit und Unbesonnenheit der Aerzte in mehren Krankenanstalten dieser Art erstaunen; ohne die wahre Heilart solcher Krankheiten auf dem einzig hülfreichen, homöopathisch arzneilichen (antipsorischen) Wege zu suchen, begnügen sich diese Grausamen, jene bedauernswürdigsten aller Menschen durch die heftigsten Schläge und andre qualvolle Martern zu peinigen. Sie erniedrigen sich durch dieß gewissenslose und empörende Verfahren tief unter den Stand der Zuchtmeister in Strafanstalten, denn diese vollführen solche Züchtigungen nur nach Pflicht ihres Amtes und an Verbrechern, jene aber scheinen ihre Bosheit gegen die vorausgesetzte Unheilbarkeit der Geistes- und Gemüths-Krankheiten, im demüthigenden Gefühle ihrer ärztlichen Nichtigkeit, durch Härte an den bedauernswürdigen, schuldlosen Leidenden selbst auszulassen, da...

Eine Konsequenz war (und vielleicht auch der Versuch, sein karges Einkommen als Arzt aufzubessern), dass er versuchte, „Geisteskranke“ in (seinem) Familienverband aufzunehmen und zu betreuen. Weg aus den Anstalten, die er kennengelernt hatte. In seiner Zeit in Leipzig ist seine (eher positive) Erfahrung mit dem Geheimen Rat von Klockenbrink bekannt. Ein wohl (nicht gewalttätig) manisch-depressiv Erkrankter. In Hamburg machte er negative Erfahrungen mit einem wahrscheinlich Paranoiden und dessen Gewaltausbrüchen. Letzter hat im die Einsicht gebracht, dass es in manchen Fällen für eine Familie unmöglich ist, mit bestimmten Erkrankten zusammen zu leben. Dann, wenn nötig, fachgerechte Unterbringung zum Wohle des Kranken und unter Wahrung aller Würden!


Geistes-und Gemütskrankheiten meist Folge von Körperkrankheiten

Seine Beobachtungen ließen ihn (§215) schlussfolgern:

Fast alle sogenannten Geistes- und Gemüths-Krankheiten sind nichts anderes als Körper-Krankheiten, bei denen das, jeder eigenthümliche Symptom der Geistes- und Gemüths-Verstimmung, sich unter Verminderung der Körper-Symptome (schneller oder langsamer) erhöhet und sich endlich bis zur auffallendsten Einseitigkeit, fast wie ein Local-Uebel in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemüths-Organe versetzt.

Fast alle Geistes- und Gemütskrankheiten zu seiner Zeit damals, als die Menschen vor allem Sorgen hatten, dass ihre Körper unbeschadet blieben: Infektionskrankheiten bedrohten, schlechte Hygiene, oft schlechte Wohnungsverhältnisse, unzureichendes Essen und allgemein Armut griffen die Menschen an. In der Zeit, in der Hahnemann vor allem auch in Hamburg, die Folgen der beginnende „Industriellen Revolution“ und des aufkeimenden Kapitalismus als Arzt ganz nah erleben musste, hatte die Durchschnittsbevölkerung kaum Zeit sich um psychische „Belange“ zu kümmern, „Neurosen zu züchten“. Es ging einfach ums körperliche Überleben und „Körperschäden“ mussten von der Lebenskraft kompensiert werden (Vikariation). S. Dazu



Es klingt schon fast wie die Flucht in den Wahnsinn – um unerträgliche Körperleiden zu überstehen, was er im § 216 schreibt:

Die Fälle sind nicht selten, wo eine den Tod drohende, sogenannte Körper-Krankheit - eine Lungenvereiterung, oder die Verderbniß irgend eines andern, edeln Eingeweides, oder eine andere hitzige (acute) Krankheit, z.B. im Kindbette u.s.w., durch schnelles Steigen des bisherigen Gemüths-Symptoms, in einen Wahnsinn, in eine Art Melancholie, oder in eine Raserei ausartet und dadurch alle Todesgefahr der Körper-Symptome verschwinden macht;

Geistes-und Gemütskrankheiten als Ausweg und Zeitgewinn bis vielleicht zu einer Heilung. Der Kranke trennt sich in seinem Erleben und Bewusst sein von seinem kranken Körper. Vereinfacht gesagt: „Ich bin das gar nicht, der so starke Schmerzen hat oder immer wieder zu ersticken droht.“

Heute kommt immer mal wieder, so im Blick auf Demente, im Volksmund die (tröstliche) Feststellung auf: „Es ist gut, das der Betroffene gar nicht merkt, was mit ihm los ist. Er vergisst einfach alles schnell wieder.“

Doch leiden die Betroffenen auch unter solchen Krankheitssymptomen des Geistes und Gemütes. Plagende Selbstzweifel, bedrohliches Verfolgtsein erleben u.a. Sie bedürfen der therapeutischen Hilfe.

In solchen Zuständen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass der Betroffene sich selbst nicht zutreffend erlebt und beschreiben kann, ist es oft nötig, mittels der auf diese Symptome zugeschnittenen Arzneien z.B. die Fehlwahrnehmung oder den Wahn aufzuheben. Dann ist der Weg frei, mittels einer (erneuten) genauen Fallaufnahme den körperlichen Symptomenhintergrund zu erforschen. Und entsprechend zu behandeln.

Es ist heute bekannt, welche Fülle von Körperkrankheiten zu Geistes- und Gemütssymptomen führen können: Bei den Demenzen organische Nervenveränderungen, Durchblutungsstörungen durch Gefäßerkrankungen und Herzfehlfunktionen usw. Bei Depressionen von der Blutarmut bis zur Schilddrüsenunterfunktion. Bei Wahnerkrankungen von Störungen der Hypophyse bis zu Stoffwechselerkrankungen in Hirnzellen. Und Vieles mehr.

Aufgrund der Lebensbedingungen zu Hahnemann's Zeiten waren solche körperlichen Störungen, von der medizinischen Diagnostik noch nicht erfassbar, zum Teil als Krankheiten noch gar nicht bekannt, weit verbreitet.

Von daher ist die Beobachtung nicht falsch, dass die meisten Geistes-und Gemütskrankheiten auf (nicht erkannter) körperlicher Ursache beruhten. Auch Nervenzellen und ihr Stoffwechsel sind körperlich.


Scheinbare Geistes-und Gemütskrankheiten, aufgrund von abweichendem Verhalten

Eine andere Beobachtung ist bemerkenswert. Sie ist aus dem § 224 herauszulesen:

Ist die Geistes-Krankheit noch nicht völlig ausgebildet und es wäre noch einiger Zweifel vorhanden, ob sie wirklich aus Körper-Leiden entstanden sei, oder vielmehr von Erziehungsfehlern, schlimmer Angewöhnung, verderbter Moralität, Vernachlässigung des Geistes, Aberglauben oder Unwissenheit herrühre;

Hier werden „Normen“ der jeweiligen Gesellschaft zugrunde gelegt. Regeln, wozu eine Erziehung führen sollte, nicht erwünschtes Verhalten (Angewohnheiten), abweichende Moralvorstellungen, mangelnde Einsichtfähigkeit wegen Bildungsmangel usw.

Das sind keine Krankheiten. Diese in einer bestimmten Gesellschaft unerwünschten „Lebensweisen“ wären durch Umlernen, durch Pädagogik anzupassen. Aus Sicht der Gesellschaft. Diese „krankt“ am Betreffenden. Nun kann jemand, der aus einer ganz anderen Kultur stammt, in der seine Lebensweise völlig gewünscht und damit normal ist, in einer andern Kultur auffallen, gar als „verrückt“ empfunden werden. Er ist es aber nicht, ist nicht krank. Nur „anders“ als die jeweils gültige Norm es wünscht.

Man kann diesem Menschen helfen, durch Verständnis und „Lernhilfen“ heute würde man es „Integrationshilfen“ nennen, sich in diese Gesellschaft einzufinden. Heute wird zu Recht darauf hingewiesen, ich glaube, dass auch Hahnemann das so gesehen hätte, dass dabei aber keine Aufgabe der individuellen Identität gefordert werden darf. Dann wäre ja tatsächlich die „Selbsterhaltung“ gestört.

Die Gesellschaft muss auch das Anderssein ertragen können.


Gering gewordenen körperliche Sorgen lassen psychische Entstehen

Je mehr Menschen sich um körperliche Wohlergehen wenig Sorgen machen müssen, seit Hahnemann's Zeiten hat sich viel getan, umso mehr können sie sich auf geistig-psychische Ebene „Wehleidigkeiten“ suchen.

§ 225

Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüths-Krankheiten, welche nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüthe aus, Anfang und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Aergerniß, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck. Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand, in hohem Grade.

Er sah, dass es eben nur einige wenige waren. Heute nehmen solche einen großen Raum ein. Es geht uns eben körperlich gut. Genug zu essen, das WC in der Wohnung, die im Winter gut beheizt ist usw. Nun haben wir begonnen, immer mehr Immaterielles, Geistiges, in den Vordergrund zu stellen: Mögen uns andere? Welche Bedeutung haben wir? Können wir Erfolg (was immer das ist) haben? Uns besser darstellen. Als andere? Über andere herausheben? Und es haben sich ganze Wirtschaftszweige entwickelt, die damit Geschäfte machen.

Die Werbung suggeriert, dass wir uns nur wohl fühlen können, wenn wir bestimmte Produkte kaufen. Die uns sexuell begehrenswert machen und eben im Werben um die Gunst der Mitmenschen (des anderen Geschlechts) bevorteilen. Siehe sexualisierte Werbung oder auch den Werbespott für Kapitalanhäufung „Mein Haus, mein Boot, mein Auto, meine Frau meine Kinder“.

Eine neue Einkommensquelle ist das Coaching geworden. Es lebt von Menschen, die sich – aufgrund der Suggestionen der umsatz- und kapitalregierten Wirtschaft (Gesellschaft) in das Gefühl des Unzureichenden versetzt sehen – erfolgreicher machen lassen wollen. Weil sie das Gefühl der (depressiven) Unzulänglichkeit (bekommen) haben, selbst und aus sich selbst heraus ungenügend, minderwertig, zu sein.

Nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was uns psychisch „Mangel“ und „Minderwertigkeit“ vorzuspielen versucht. Körperlichen Mangel gilt es eben nicht mehr zu beheben.

Der entsteht aber dann, wenn das Gehirn versucht, die Psyche, den Körper, seine Regelkreise auf scheinbare „Störungen“, die nur „geistig“ gemutmaßt wurden, einzustellen. Ängste, die sonst keinen Hintergrund hätte, werden geschürt. Ängste, die umso bedrohlicher sind, je weniger real ihre „Gründe“ wären. Hahnemann hat gut die Psychosomatik beschrieben: Diese Art von Gemüthskrankheiten verderben dann oft mit der Zeit, auch den körperlichen Gesundheits-Zustand, in hohem Grade.


Hahnemann begründet eine Psychotherapie

Hier bei den „Neurosen“:

(§226) Bloß diese, durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen Gemüths-Krankheiten, lassen sich, so lange sie noch neu sind und den Körper-Zustand noch nicht allzusehr zerrüttet haben, durch psychische Heilmittel, Zutraulichkeit, gütliches Zureden, Vernunftgründe, oft aber auch durch eine wohlverdeckte Täuschung, schnell in Wohlbefinden der Seele (und bei angemessener Lebensordnung, auch scheinbar in Wohlbefinden des Leibes) verwandeln.

Zu den „Psychosen“ bemerkt Hahnemann (§228).

Bei den durch Körper-Krankheit entstandenen Geistes- und Gemüths-Krankheiten, welche einzig durch homöopathische, gegen das innere Miasm gerichtete Arznei, nächst sorgfältig angemessener Lebensordnung zu heilen sind, muß allerdings auch, als beihülfliche Seelen-Diät, ein passendes, psychisches Verhalten von Seiten der Angehörigen und des Arztes gegen den Kranken sorgfältig beobachtet werden.

Damals eine Revolution in der damaligen „Psychiatrie“. Heute eine Selbstverständlichkeit. Es ist bekannt, dass „soziale“ Reintegrationshilfen, eine Umstellung des Lebens, eine Hilfe zum Wieder-Fuß-Fassen in der „normalen“ Welt hohen therapeutischen Wert haben. Vor Rückfällen schützen können.


Hahnemann war, zumindest was seine Beobachtungen und daraus gewonnene Erkenntnisse betrifft, mit ein Wegbereiter zu einer modernen Psychiatrie. Besser, er könnte es gewesen sein, wenn seine Lehren mehr Beachtung gefunden hätten und nicht wegen „Fehlinterpretationen“ oder bewussten „Adaptationen in andere Lehren“ in falsches Licht geraten wären.


Wird fortgesetzt mit dem Thema Homöopathie und Ernährung


Copyright K.-U.Pagel 02.2015



Sonntag, 1. Februar 2015

Homöopathie: Einseitige und lokale (Haut-) Krankheiten

Einseitige und lokale Krankheiten – Zusammenhänge suchen

Ein Symptom kommt selten allein


Nach dem Verständnis der Homöopathie (nach Hahnemann) stellt die Krankheit (die chronische) eine Störung der „inneren Regulation und Anpassungsfähigkeit an äußere Bedingungen“ dar, eine Störung der Selbsterhaltungskräfte des Organismus. Symptome sind Zeichen dieser Selbsterhaltungsfunktionen. Symptome, die für den jeweiligen Organismus als passend gesehen werden, angemessen an die Notwendigkeiten und Gegebenheiten = gesund und „unpassend“, Kompromisse bei gestörten Funktionen und/oder Strukturen (Vikariation) zur Erhaltung des Überlebens „um jeden Preis“ = krank. Es ist immer ein Gefüge von aufeinander abgestimmten Abläufen, Programmen im gesamten Organismus (incl. seiner psychischen Regelmechanismen). Im Gesunden wie im Kranken. Deswegen erscheint es Hahnemann im Grunde als ausgeschlossen, dass nur ein oder ganz wenige Symptome bei chronischen Krankheiten zu finden sein können. Auch akute Krankheiten, die er als heftige Abwehrreaktion, Gegenreaktion gegen aktuelle Einflüsse/angriffe von außen sieht (im Grund einen gesunde Selbsterhaltungsfunktion) sieht er kaum nur mit einzelnen Symptomen ablaufend.

Das erklärt, warum er bei „einseitigen Krankheiten“ nicht davon ausgehen kann, dass sie sich nur auf vielleicht einen Körperbereich und nur auf ein oder ganz wenige Symptome beschränken. Auch wenn man vielleicht nur eben dieses Symptom erkennen kann. Es ist vielleicht dann als Hauptsymptom anzusehen, das ins Auge springt. Vielleicht so auffällig ist, dass andere Symptome in den Hintergrund getreten zu sein scheinen.

Vielleicht wurde der Patient davon nur so beeinflusst (von der Heftigkeit oder dem Leiden daran), dass er nur wenig anderes schilderte. Vielleicht hat auch der Heilkundler nicht genau genug gefragt und geschaut, beobachtet.

Vielleicht ist das Hauptsymptom als Vikariation in seiner Kompensationskraft so wirksam, dass weiter „Störungen“ ausgeglichen erscheinen und deswegen kaum erkannt werden.

Es liegt aber nicht selten an der Sicht von Krankheiten, die vom Heilkundler ausgehen. Wenn dieser eben nicht wirklich Zusammenhänge sehen möchte, sondern das erkennbare „Hauptsymptom“ zur eigentlichen Krankheit erklärt. So z.B. bestimmte Messwerte am Körper oder bei psychologischen Tests zur Krankheit selbst erklärt. Das ist vielleicht einfacher in der Therapie, nur darauf einzuwirken, dass dieses Symptom nicht mehr sichtbar ist.

Im Verschwindenlassen des Symptoms damit im Verschwindenlassens eines Zeichens der Krankheit nimmt man nur eine Möglichkeit zur Vikariation der Störung der Selbstregulation, auch wenn man sich brüstet, die Krankheit besiegt zu haben. Die Krankheit bekommt dann oft als Namen die Bezeichnung des Hauptsymptoms.

Beispiel Diabetes mellitus: Hier wird die eingeschränkte Fähigkeit, einen zunächst aus sinnvollen Gründen angehobenen Blutzuckerspiegel zu senken mit seinem Kompensationssymptom zum Namensgeber. Der zulange anhaltend zu hohe Blutzuckerspiegel wird über den Notmechanismus, dass Zucker über den Harn ausgeschieden wird, gesenkt. Die möglichen Folgeschäden im Organismus sollen so reduziert werden. Dabei nimmt die Harnmenge insgesamt zu (Durchfluss wird gesteigert -Diabetes) und der Urin schmeckt dann süßlich (mellis- süß).

Doch ist dieses Symptom nicht die Krankheit selbst. Es kann viele verschiedene „Ursachen“, Funktionseinschränkungen, als Grund haben. Die gilt es aufzusuchen. Dabei ist dieses „Hauptsymptom“ nur eine Folge, ein Ausdruck der „Grundstörung“. Es wird also noch weitere geben, die vielleicht vorangegangen sind und vom jetzigen „Hauptsymptom“ abgelöst wurden oder daneben weiter bestehen, aber weniger leicht zu erkennen sind.

Wurde früher das „Hauptsymptom“ zur „Krankheit“ erklärt, die Krankheit bekam den Namen dieses Symptoms, hat man inzwischen verschiedene Erscheinungs- und Verlaufsformen, auch abhängig vom Erkrankten selbst (seiner „Lebenskraft“) gefunden und als Untergruppen aufgegliedert sowie weitere Symptome (die vielleicht ähnliche „Hauptsymptome“) sind zumindest mit registriert. Man nennt dann das Auftreten verschiedener Hauptsymptome zusammen ein Syndrom. Dabei sind dann diese anderen Hauptsymptome auch mit eigenem Krankheitsnamen bezeichnet. Ein Syndrom ist aber keine eigene Krankheit, nur das Auftreten von als eigen gesehenen Krankheiten im gleichen Zeitrahmen.

Hahnemann sprach da von einer „Krankheit des Namens“ und beklagte, dass eben immer nur diese einzelnen Hauptsymptome für sich behandelt wurden, ohne dass der innere Zusammenhang erwartet und gesucht wurde. Das ist ja relativ einfach. Wenn man weiß, auf welchem physiologischem Wege der Organismus ein bestimmtes Symptom erzeugen kann (unabhängig vom Sinn und Zweck im Gesamtzusammenhang) und etwas gefunden hat, dass dort in diesem Ablauf verhindernd eingreift (unterdrückend, entgegenwirkend – palliativ, enantiopathisch nannte Hahnemann das) geht man zwar in den Regelkreis hinein aber nicht der Störung ähnlich (homöo)sondern anders (allo).

Das war die alte (der alte Heilkundler Galen) Therapieregel: Gegenteiliges heilt Gegenteiliges. Contraria contrariis curantur. Damit eben oft in scheinbar kürzester Zeit die Krankheit, das/die Hauptsymptom/e zum Verschwinden bringen. Doch kann man so die tatsächliche Grundstörung nicht beheben. Eine Kurierart, die heute ganz ausgeprägt ist. Da wird zum Beispiel bei chronischen rheumatischen Gelenkentzündungen mittels ausgeklügelten Arzneimolekülen die Reaktionskette unterbrochen, die lokal zu Schmerz und Entzündungsreaktion führt (Prostaglandinsystem) oder es wird die Produktion der Stoffe (Antikörper) unterdrückt, die die Reaktionskette erst startet.

Der Grund, warum die Entzündung unangemessen (Antikörper gegen vom Körper selbst hergestellte Strukturen) immer wieder ausgelöst wird oder warum die in Gang gekommene Entzündung nicht regulär abläuft und zu Ende kommt, wird nicht behandelt. Die Entzündungsreaktion mit ihren als unangenehm empfundenen Symptomen hat aber für den Organismus Sinn: Sie soll helfen, Reparatur und Heilung eines Schadens zu erreichen.

Die Reaktionskette bei Entzündungen ist eine normale Funktion jeder Zelle, wenn diese sich selbst erhalten will, Schäden, Abnutzungen durch normale Tätigkeit reparieren will. Und sie läuft ständig irgendwo im Körper ab. Auf kleinsten Raum, dadurch unmerklich. Sie steht unter Kontrolle der „Lebenskraft“, des komplexen Regulationsgefüge zum Selbsterhalt und zur Anpssung auf äußere Bedingungen.

Wenn hier immer wieder unnötig auffällige Verläufe symptomatisch werden, so gelingt es nicht, diese Reaktion auf das notwendige Maß zu begrenzen, ungestört und rasch zum Erfolg kommen zu lassen und entsprechend bald wieder „abzuschalten“. Das korrigiert man aber nicht, indem man sie einfach durch Arzneien unterdrückt, abschaltet. Denn die körpereigenen Regulationsmechanismen kommen am Zielort betont zum Einsatz. Arzneien der allopathischen Art wirken auch dort, wo es nicht gewollt ist.

Nun zeigt sich bei chronischen Krankheiten solche Art von „Therapie“ nicht wirklich erfolgreich. Solange die Arznei genommen wird, sind die Symptome (Messwerte z.B. des Cholesterins oder Blutdruckes) oft – aber in zu vielen Fällen nicht – vermindert oder in einem vom Therapeuten vorgegebenen gewünschten Bereich. Doch es treten irgendwann weitere Beschwerden auf, auch als „unerwünschte, als Nebenwirkungen bezeichnet (der Arzneiwirkung zugeschrieben), als Folge des nicht hinreichend „unterdrückten“ Hauptsymptoms gesehen oder als einfach neue Krankheit. Nicht selten muss einen weitere Arznei hinzu gegeben werden, wenn die bisherige ihren Zweck, Symptomentstehung zu verhindern, nicht mehr erfüllt.

Es war auch zu Hahnemanns Zeiten mit der damaligen Kurierweise nicht anders. Deshalb suchte er nach einem anderen Krankheitsverständnis. Und deswegen postulierte er auch bei scheinbar einseitigen Krankheiten dafür, nach weiteren Zeichen zu suchen, die die eigentliche „Regulationsstörung“, Störung der Lebenskraftwirkung, besser zu erkennen ermöglichen.Über diese Fülle der Symptome sollte dann das angemessene Heilmittel gefunden werden.

§ 7
 Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (causa occasionalis) zu entfernen ist ...sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen, unter Mithinsicht auf etwaniges Miasm und unter Beachtung der Nebenumstände (§. 5.), es auch einzig die Symptome sein, durch welche die Krankheit die, zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann - so muß die Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectirende Bild des innern Wesens der Krankheit, d.i. des Leidens der Lebenskraft, das Hauptsächlichste oder Einzige sein, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, - das Einzige, was die Wahl des angemessensten Hilfsmittels bestimmen kann - so muß, mit einem Worte, die Gesammtheit … der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige sein, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.

Dieser Paragraph wird gerne missverstanden und fehlinterpretiert. Hahnemann schreibt nicht davon, dass man einzelne Symptome behandeln soll. Homöopathie ist im Gegensatz zur Allopathie keine Symptomenkurierei. Er schreibt von der „SYMPTOMENGESAMTHEIT“. Das ist etwas Eigenständiges, zwar von Einzelsymptomen gebildet, aber mehr als diese einzelnen Symptom für sich.

Und das ist es, was auch bei scheinbar einseitigen Krankheiten aufgesucht werden muss, um auf Dauer „Heilung“ zu erreichen zu können. Auch, wenn es beschwerlich und zeitaufwendig ist, man bei chronische Krankheiten „warten“ muss, bis sich der Effekt zeigt. Bis die Lebenskraft wieder ungestört wirkt, keine Kompensationen (Vikariationen) mehr gebraucht werden.

Hahnemann beschriebt diese einseitigen Krankheiten so

§ 174
Ihr Hauptsymptom kann entweder ein inneres Leiden (z.B. ein vieljähriges Kopfweh, ein vieljähriger Durchfall, eine alte Cardialgie u.s.w.) oder ein mehr äußeres Leiden sein. Letztere pflegt man vorzugsweise Local-Krankheiten zu nennen.

Damit hat er den weiteren Begriff eingeführt: Lokalkrankheit oder Lokalübel. Damit bezeichnet er die Symptome, die äußerlich sichtbar sind (Haut), so genannte Hautkrankheiten.

§ 187
Ganz auf andre Art aber entstehen diejenigen, an den äußern Theilen erscheinenden Uebel, Veränderungen und Beschwerden, die keine Beschädigung von außen zur Ursache haben oder nur von kleinen äußern VerIetzungen veranlaßt worden sind; diese haben ihre Quelle in einem innern Leiden. Sie für bloß örtliche Uebel auszugeben und bloß oder fast bloß mit örtlichen Auflegungen oder andern ähnlichen Mitteln gleichsam wundärztlich zu behandeln, wie die bisherige Medicin seit allen Jahrhunderten that, war so ungereimt, als von den schädlichsten Folgen.

Aus meiner Sicht sind die Hautärzte diejenigen, die auf die Haut beschränkt, den wohl frustrierendsten Job haben. Mit Blick auf die Haut sind noch immer viele ihrer Erkrankungen „kryptogen“, unbekannter Ursache. Vermutungen, die dann in internistische Richtung gehen, wie bestimmte Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes), fehlgeleitetes Immunsystem (Autoimmunkrankheiten und Allergien) helfen dem Hautarzt auch nicht weiter. Es wäre dann ein anderes Heilkunde – Facharzt- Gebiet zuständig. Bei manchen Hauterscheinungen (z.b. Flecken bei Masern und Scharlach) weist der zum Allgemeinarzt, Kinderarzt oder Internisten weiter. Herpes zoster (Gürtelrose) wäre beim Neurologen auch in richtiger Hand.

In der Medizin vor und neben Hahnemann galt die Haut als „unedles Organ“. Darum war die Haut der bevorzugte Ort, wohin man therapeutisch kranke/krankmachende Säfte ableitete und/oder über die man sie herauszog. Zweck z.B. der Schröpfbehandlung.

Hahnemann sah Hauterscheinungen, als Versuche des Körpers auf möglichst unschädliche Weise innere Störungen zu kompensieren. Als den „idealen Ort“ für Vikariationssymptome. An Nierenschäden kann man schnell sterben, Hautausschläge überlebt man lange. Die innere Störung erleichtert sich über diese äußeren Symptome. Und das Selbstregulationssystem, die Lebenskraft, wird so lange zu solchen Mittel greifen, solange sie zur Kompensation ausreichen. Wenn nicht mehr oder nicht alleine reichend, kommen weitere hinzu, dann „an den inneren Teilen“.

Schlussfolgerung: Das Unterdrücken von (lästigen) Hauterscheinungen zwingt die Lebenskraft zur „Verschiebung dieser „Erleichterungen“ auf „edlere“ Teile. Hauterscheinungen sind wichtig für die Erkennung möglicher „innerer“ Ursachen. Es gibt heute eine Reihe von Lehrbüchern über die äußeren Zeichen der inneren Krankheit. Auch Sebastian Kneipp nutzte die „Antlitzdiagnose“, das betrachten des Gesichts und der Haut, zur Diagnose dafür, welche Maßnahmen er empfiehlt.

Wenn die Therapie dazu geführt hat, dass nach mehr oder minder langer Zeit, die Lebenskraft wieder „ungestört“ arbeitet, verschwinden die Lokalsymptome der Haut. Außer, man hat durch lokale Maßnahmen die Reaktionsfähigkeit der Haut gestört (iatrogene Krankheit, Therapieschaden). Dann kann es sein, dass eben eine „Rückentwicklung“ der Störung nicht mehr vollständig geht: An der Haut „hängen bleibt“.


Die Geistes-und Gemütskrankheiten gelten für Hahnemann als einseitige Symptome, als Vikariation von Regulationsstörungen in (das „Organ“) die Psyche, im Sinne eines Lokalübels. Dazu die Fortsetzung.

Copyright K.-U. Pagel 02.2015