Sonntag, 29. März 2015

Miasmen nach Hahnemann – Erbkrankheiten und Mutationen


Homöopathie nach Hahnemann – Miasmen und Genetik - Antikonstitution



Zur Erinnerung:
Hahnemann sieht nur die „Zustände“ als (chronische) Krankheiten an, die auf Störungen der inneren Regulation (Verstimmung der Lebenskraft) basieren. Da gibt es keine Selbstheilung, denn sonst wäre die Krankheit nicht aufgetreten.

Und er postuliert das physiologische Prinzip, dass diese Regulation (Lebenskraft) dazu dient, den Organismus in „harmonischer „ Tätigkeit zu halten, dahin zurückzubringen, auf Einflüsse der „Umwelt“ zu reagieren.

Wenn durch dauerhafte Einflüsse anhaltend oder ständig wiederholt die innere Regulation zu bestimmten - an sich gesunden - Ausgleichshandlungen gezwungen wird, so ist das nur eine scheinbare (chronische) Krankheit. Würden die Umstände, z.B. schlechte Wohnverhältnisse, Mangelernährung, modern (Dys-)Stress geändert, so könnte sich die Lebenskraft wieder im „gesunden“ Bereich zeigen. Es liegt keine Krankheit im obigen Sinne vor und auch keine Selbstheilung. Es war ja nichts krank.

Akute Krankheiten sind als Reaktionen der (gesunden) Lebenskraft auf akute, vorübergehende Einflüsse von Außen (so Angriffe von Krankheitserregern) anzusehen. Keine (chronischen) Krankheiten. Wenn jedoch solche Angriffe nicht „regulär“ beantwortet werden können, dann kann das auf der Bais einer chronischen Regulationsstörung (Krankheit) beruhen. Oder aber, die „Angreifer“ sind einfach zu stark und der Organismus ist momentan durch andere Einflüsse (unechte Krankheiten) zu geschwächt. Das ist aber durch den Heilberufler herauszufinden und zu unterscheiden.

Im Sinne seines § 3 des Organon:

     Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication), sieht er deutlich ein, was an den Arzneien, das ist, an jeder Arznei insbesondere, das Heilende ist (Kenntniß der Arzneikräfte), und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, daß Genesung erfolgen muß, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat), als auch in Hinsicht der genau erforderlichen Zubereitung und Menge derselben (rechte Gabe) und der gehörigen Wiederholungszeit der Gabe: - kennt er endlich die Hindernisse der Genesung in jedem Falle und weiß sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung von Dauer sei: so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler.

Bei den chronischen Krankheiten erkennt er als Ursache eine Störung der inneren Regulation, die in den (modern) Programmen zur Regulation steckt. Man kann das mit der Genetik vergleichen.

§ 78 Die wahren natürlichen, chronischen Krankheiten sind die, von einem chronischen Miasm entstandenen, welche, sich selbst überlassen und ohne Gebrauch gegen sie specifischer Heilmittel, immerdar zunehmen und selbst bei dem besten, geistig und körperlich diätetischen Verhalten, dennoch steigen und den Menschen mit immerdar erhöhenden Leiden bis ans Ende des Lebens quälen. Außer jenen, durch ärztliche Mißhandlung (§. 74.) erzeugten, sind diese die allerzahlreichsten und größten Peiniger des Menschengeschlechts, indem die robusteste Körper-Anlage, die geordnetste Lebensweise und die thätigste Energie der Lebenskraft, sie zu vertilgen außer Stande sind

Das Wort Miasma benutzt er übertragen aus der alten Bedeutung: Miasma - übler Dunst, Verunreinigung, Befleckung, Ansteckung. Jedoch sieht er im Gegensatz zu den Pathologieideen seiner Zeit keine Stoffe dahinter. Er kannte die Gene als solche noch nicht. Darwin und seine Vererbungstheorie wurde erst nach Hahnemanns Tod bekannt.

Ohne dieses Wissen leitete Hahnemann ab, dass die Störungen der inneren Regulationsprogramme (Verstimmung der Lebenskraft nannte er das) einmal in einen Menschen gekommen auf die Nachfahren weitergegeben werden können und auch bei bester Lebensweise irgendwann sichtbare Symptome machen können. Irgendwann ist mal eine „Ansteckung“ erfolgt bzw. kann irgendwann mal erfolgen. Ansteckung durch ein Störprogramm in das vorhandene Lebensprinzip des Organismus.
§ 81  Es wird dadurch, daß dieser uralte Ansteckungszunder nach und nach, in einigen hundert Generationen, durch viele Millionen menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublichen Ausbildung gelangte, einigermaßen begreiflich, wie er sich nun in so unzähligen Krankheits-Formen bei dem großen Menschen-Geschlechte entfalten konnte,

Wir wissen heute, dass - wie auch immer entstanden - bestimmte genetische Programme, oft im Zusammenspiel mit anderen Genen die Ausprägung von krankhaften Symptomen, „für das Überleben ungünstigen Regulationen“, nach sich ziehen können. Nur eine kleine Zahl von Genen ist dabei zuständig für die Herstellung von Bauteilen, Funktionsteilen, Strukturen des Organismus (der Zellen). Die meisten Gene steuern - oft miteinander vernetzt - wie der Organismus (seine Zellen), in bestimmten Situationen, bei bestimmten Gegebenheiten, Einwirkungen darauf antwortet.

Hier vorhandene „Veränderungen“ (Mutationen, Viruseinschlüsse u.a.) können eben früher oder später zu sichtbaren Symptomen führen. Vielleicht auch nie in diesem Leben, wenn die Bedingungen nicht vorliegen, die die entsprechende Reaktion nötig machten.
Hahnemann hat erkannt, dass manche solcher Störungen oft Jahre unerkannt bleiben, obwohl sie da sind. Vielleicht weil sie noch nicht „gefordert oder überfordert“ wurden.

Im § 81 führt er zutreffend in diesem Sinne aus (Psora ist ein „Typ“ der Störung):

Einige dieser, die Ausbildung der Psora zu chronischen Uebeln modificirenden Ursachen, liegen offenbar theils im Clima und der besondern, natürlichen Beschaffenheit des Wohnorts, theils in der so abweichenden Erziehung des Körpers und Geistes der Jugend, der vernachlässigten, verschrobenen, oder überfeinerten Ausbildung beider, dem Mißbrauche derselben im Berufe oder den Lebens-Verhältnissen, der diätetischen Lebensart, den Leidenschaften der Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten mancher Art.

Tatsächlich tragen unsere Zellen Gene in sich, die in früheren Phasen der Evolution des Lebens mal eine Rolle gespielt haben können und zu andren Entwicklungen von Lebewesen (Fische u.a., gar Pflanzen) benutzt wurden. Durch heute noch weitgehend unklare Einflüsse (auch Zusammenspiel mit Funktionsgenen) könne solche „Altprogramme“ noch störend aktiviert werden.

Im § 81 heißt es:

.. wie er sich nun in so unzähligen Krankheits-Formen bei dem großen Menschen-Geschlechte entfalten konnte, vorzüglich wenn wir uns der Betrachtung überlassen, welche Menge von Umständen zur Bildung dieser großen Verschiedenheit chronischer Krankheiten (secundärer Symptome der Psora) beizutragen pflegen, auch außer der unbeschreiblichen Mannigfaltigkeit der Menschen in ihren angebornen Körper-Constitutionen, welche schon für sich so unendlich von einander abweichen, daß es kein Wunder ist, wenn auf so verschiedene, vom psorischen Miasm durchdrungene Organismen, so viele verschiedene, oft dauernd, von innen und außen einwirkende Schädlichkeiten auch unzählbar verschiedene Mängel, Verderbnisse, Verstimmungen und Leiden hervorbringen, ..

Eine Veränderung in einem Gen kann tatsächlich je nach „Konstitution“ (je nach dem, was noch so in den Genen ist) des Betroffenen unterschiedliche Verläufe von Krankheiten bestimmen, ja sogar unterschiedlich erscheinende Krankheiten machen. Man kann davon ausgehen, dass es von solchen genetischen Besonderheiten abhängen kann, ob auch Infektionskrankheiten bei dem einen oder anderen schwere Komplikationen oder „Folgeerkrankungen“ zeigen können. So z.B. die (sehr seltene!) schwere viele Jahre nach der Infektion auftretende spezielle Gehirnentzündung bei Masern.

Da Hahnemann damals noch viele Kenntnisse fehlten, die heute selbstverständlich sind, tat er sich schwer sich dem gemäß auszudrücken. Man muss versuchen, seine Worte und Ideen ins „heute“ zu übersetzen (wie ich das mit den Genen schon getan habe).

Er nennt 3 „Grundmiasmen“. Aus meiner Sicht geht man fehl, wenn man darin 3 bestimmte „Stoffe“ sehen will. Schon die Ausführungen, dass aus einem davon die vielfältigsten „Krankheiten“ (Symptomenkomplexe) entstehen könne, geben Anlass, hinter den drei „Miasmen“, Psora, Syphilis und Sykosis, Verlaufsprinzipien von Regulationsstörungen zu sehen. Vergleichbar mit Verläufen von bestimmten „Musterkrankheiten“, wie man sie in seiner Zeit verstand. Eben keine konkreten Stoffe.

Psora: verzögerte, verlangsamte, teils fehlende Regulationsantwort
Sykosis: überschießende, unnötig aufwändige Regulationsantwort
Syphilis: fortschreitende selbstzerstörerische Regulationsantworten

An der Geschlechts-Krankheit Syphilis (Lues) kann man das nachvollziehen: Über viele Jahre zeigt der Organismus (andere) Symptome, bis zur „Hirnerweichung“ die wie eine langsame Selbstzerstörung verstanden werden konnte . Hinweis: Die Erreger davon waren nicht erkannt.

Wer die Sykosis (Feigwarzenkrankheit, ähnlich wie Tripper) bekam, der führte ein „überschießendes“, ausschweifendes, „alles mitnehmende“ Leben. Und verschliss sich so.

Die Psora, Kratzkrankheit (Krätze), basiert darauf, dass sich der Organismus nicht gegen ihn „auffressende“ Einflüsse angemessen schnell wehren konnte, in Gang gekommene Reaktionen nicht selbst stoppen konnte. Letztes trifft typischerweise auf Allergien, die auch Jucken/Kratzen machten, zu. Hier kann der Organismus eine in Gang gekommene Reaktion nicht rechtzeitig auf das notwendige Maß begrenzen und schnell zum Ende bringen. Die Begrenzungsreaktionen, die Überwachung der Abläufe ist verzögert/gestört.

Diese drei Grundablaufsweisen beobachtete Hahnemann hinter der Vielzahl von als solche bezeichneten Krankheiten. Und er postulierte, dass da etwas gewesen sein muss, was die Lebenskraft dahingehend verstimmt hat, das die Selbsterhaltungsidee nicht richtig umgesetzt wird, das irgendeine andere „Programm-Information“ hier falsche „Handlungen“ bewirkte in bestimmten Verlaufsweisen.

Die Psora ist nach Hahnemann die weitaus häufigste Verlaufsform, während Syphilis und Sykosis selten sind.
Hahnemann schreibt:

§ 79 Man kannte bisher nur die Syphilis einigermaßen als eine solche chronisch-miasmatische Krankheit, welche ungeheilt nur mit dem Ende des Lebens erlischt. Die, ungeheilt, gleichfalls von der Lebenskraft unvertilgbare Sykosis (Feigwarzenkrankheit) erkannte man nicht als eine innere chronisch miasmatische Krankheit eigner Art, wie sie doch unstreitig ist und glaubte sie durch Zerstörung der Auswüchse auf der Haut geheilt zu haben, ohne das fortwährende, von ihr zurückbleibende Siechthum zu beachten.

§ 80 Unermeßlich ausgebreiteter, folglich weit bedeutender, als genannte beide, ist das chronische Miasm der Psora, bei welcher, (während jene beiden, die eine durch den venerischen Schanker, die andere durch die blumenkohl-artigen Auswüchse ihr specifisches inneres Siechthum bezeichnen) sich das innere, ungeheure, chronische Miasm ebenfalls erst nach vollendeter innerer Infection des ganzen Organisms durch den eigenartigen, zuweilen nur in einigen wenigen Blüthchen bestehenden Haut-Ausschlag mit unerträglich kitzelnd wohllüstigem Jücken und specifischem Geruche beurkundet - die Psora, jene wahre Grund-Ursache und Erzeugerin fast aller übrigen, häufigen, ja unzähligen Krankheits-Formen welche unter den Namen von Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfen aller Art, von Knochen-Erweichung (Rhachitis), Skrophel, Skoliosis und Kyphosis, Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm, Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht, Wassersucht, Amenorrhöe und Blutsturz aus Magen, Nase, Lungen, aus der Harnblase, oder der Bärmutter, von Asthma und Lungenvereiterung, von Impotenz und Unfruchtbarkeit, von Migräne, Taubheit, grauem und schwarzem Staar, Nierenstein, Lähmungen, Sinnen-Mängeln und Schmerzen tausenderlei Art u.s.w., in den Pathologien als eigne, abgeschlossene Krankheiten figuriren.

Trotz dem ist keines der Miasmen ein konkretes „Ding“, gegen das es dann ein konkretes Heilmittel geben müsste. Vielmehr bleibt erhalten, dass jede „Krankheit“ durch individuelle Symptome bestimmt ist, die individuell (eben wegen der vielen individuellen Gene und deren Zusammenspiel) auftreten. Es gibt nicht Die Arznei gegen die Psora, oder die Syphilis oder die Sykosis. Es gibt nur viele verschieden wirkende Arzneien, denen auch eines der drei Grundprinzipien zu eigen ist. Es gibt antipsorische, antisyphilitische, antisykotische (Arznei)wirkweisen

In seinen Schriften hat sich Hahnemann immer wieder gegen die Pauschalierung bei Krankheiten deutlich ausgesprochen.

Man verlässt die Grundidee Hahnemanns, wenn man Menschen in Schubladen gemäß ihren Konstitutionstypen einordnen will. Das ist die Denkweise anderer Heikundeformen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Namen hier zu: von Grauvogel, Huter (Keimblätter), Kretschmer, Sheldon oder antik: Galen, Hippokrates.

Er ordnet Menschen eben nicht nach Typen ein. Auch wenn manche die „Pulsatilla-Frau“, den „Sulfurtyp“ oder ähnliches beschreiben. Hahnemann hat die individuelle Homöopathie begründet. Klar ist das schwieriger, als Menschen in Typen-Schubladen zu stecken nach einigen bestimmten Merkmalen und danach eine zur Schublade passende Arznei zu greifen. Auch wenn man eine „antipsorische“ Kur anbieten will, so sollte im Grunde immer erinnert werden, dass der Individualitätsgedanke das war, was Hahnemann eigentlich neu in die Medizin einbrachte.

Unheilvoll wird eine späte Idee Hahnemann manchmal missverstanden:

§ 284 Doch ist die Besorgung der Mütter, in ihrer (ersten) Schwangerschaft, durch eine gelinde, antipsorische Cur, vorzüglich mittels der, in dieser Ausgabe (§. 270) beschriebenen, neuen Dynamisationen des Schwefels, unentbehrlich, um die fast stets bei ihnen vorhandene, schon durch Erbschaft ihnen mitgetheilte Psora, Erzeugerin der meisten chronischen Krankheiten, in ihnen und ihrer Leibesfrucht zu vertilgen, damit ihre Nachkommenschaft im Voraus dagegen geschützt sei. Dies ist so wahr, daß die Kinder so behandelter Schwangern gemeiniglich weit gesünder und kräftiger auf die Welt kommen, so daß jedermann darüber erstaunt. Eine neue Bestätigung der großen Wahrheit der, von mir aufgefundenen Psora-Theorie.

Hahnemann scheint hier eine „alles für eines Theorie“ aufzustellen und im Grunde seine über viele Jahre und Bearbeitungen seines Organons Gedankenwelt ad absurdum zu führen. Die angebliche Beobachtung, die wie eine Regel dargestellt wird, dass so (über die werdende Mutter) behandelte Kinder gesünder und kräftiger auf die Welt kommen, mutet an, wie manche auch heute gerne von „alternativen Wunderheilern“ aus eigener Sichtweise behaupteten Heilungen. Auch solche, der tatsächlichen Nachprüfung entzogenen (wie viele Schwangerschaften begleitet und wieviele Geburten hat er „auf seine alten Tage“ beobachtet?), Behauptungern haben dazu geführt, dass seine Schüler, wie K. Hering, sehr lange die Veröffentlichung der letzten Auflage des Organon überlegten.

Eine schwangere Frau rief mich vor Jahren in der Praxis an und fragte, ob ich bei ihr die homöopathische „Kur nach Professor Dr. Eugen“ durchführen könnte. Es stellt sich heraus, dass sie die von Hahnemann hier beschriebene Sulfurgabe meinte.

Es ist aus meinem Verständnis der Heilkunde - und nach der Erfahrung mit der Euthanasie/Eugeniklehre auch in der deutschen Geschichte – nicht angebracht, ins Blaue hinein vermuten zu wollen, welche „schlechten“ Gene/Anlagen ein Kind (bekommen) haben könnte – und darauf hin daran herum manipulieren zu wollen. Keine Menschen schaffen nach irgendwelchen Wünschen. Wer weiß, was erst durch solche Eingriffe in Gang gesetzt wird?

Hier kann die Miasmenlehre, die Psoratheorie, zu antiindividuellen „Rassedenken“ und Menschennormierungsversuchen werden.



Wird fortgesetzt.

Copyright K.-U.Pagel 03.2015








Dienstag, 24. März 2015

Arzneiwirkidee nach Hahnemann – Therapieprinzip

Homöopathie nach Hahnemann – Das Therapieprinzip

Wie kennt man die üblichen Therapieansätze? Abhängig davon, wie man Krankheiten versteht, geht man bei den pauschalierten Krankheiten/Symptomen (z.B. Hypertonie)so vor:
  • wenn etwas als fehlend gesehen wird, so gibt man es hinzu (Substitution), z.B. von einzelnen Hormonen
  • sieht man etwas als zuviel an und deswegen krank machend, dann nimmt man es weg oder hemmt die Bildung, z.B. Cholesterin
  • die „moderne“ Medizin kennt die Wege zur Entstehung von Symptomen, z.B. die Entzündungsreaktion. Um das Symptom Entzündung (egal bei welcher Krankheit) zu beseitigen, gibt man eine Substanz, die diese Reaktionskette an einer Stelle unterbricht.

Gemeinsam ist, dass im Blick immer eine Krankheit steht, die einen ganz bestimmten Namen hat und pauschal nach einem bestimmten Muster abläuft. Bzw. man sieht ein Symptom dieser Krankheit (vielleicht hat man noch keinen Namen dafür) und verhindert dessen Entstehung. Jedoch ist dabei völlig egal, welcher Mensch, mit welchen Besonderheiten und damit mit welchen besonderen Auslösern und Verlaufsformen erkrankt ist. Wieweit sich in diesem Verständnis die Erkrankung vom erkrankten Individuum verselbständigt gelöst hat, zeigt sich im so genannten ICD Code (medizinische Klassifikation zur Systematisierung von Diagnosen: International Classification of Diseases - Internationale Klassifikation von Krankheiten).

Krankheiten werden zu eigenen (Diagnose) Nummern, mit codierter Beschreibung der Art, Unterort, Ort usw. Somit wird die Krankheit als solche fassbar und (auch abrechnungstechnisch) verwaltbar. Die Krankheit, nicht das kranke Individuum. Dazu passt dann auch die Therapie. Zu den einzelnen Ziffern gehören mehr oder minder genau zugeordnet die die Symptome behandelnden Methoden/Arzneien.

Und es ist ja einfach: Man zählt die Symptome zusammen, die z.B. zur Diagnose „Migräne“ passen. Hat man genügend davon, nennt man das Leiden des Betroffenen Migräne und greift in die Kiste, in der die Arzneien stecken, die man bei Migräne einsetzen soll. Bei einigen wirkt es gut die Symptome lindernd bei anderen weniger gut und bei wieder anderen wirkt sie gar nicht in erwünschter Weise. Dann aber bleiben Wirkungen in der Regel nicht aus, die man so nicht haben wollte und die an ganz anderer Stelle des Körpers auftreten können. Der Kopfschmerz ist geblieben, aber die Haut bekommt rote Quaddeln.

Wie kann das kommen?

In der beschrieben Art der (Arznei-) Therapie greifen die Arzneistoffe in fein abgestimmte Regelkreise, Enzymgefüge, bio-chemische Reaktionen ein, die eben nicht nur an einer einzigen Stelle im Organismus benutzt werden. Der Körper besteht aus unzählbar vielen Zellen mit verschiedenen Aufgaben im Gewebsverbund/ in Organen, die aber für ihre eignen Zellabläufe ähnliche oder gleiche Stoffe, Enzyme und Regelkreise benutzen. Vielleicht in unterschiedlichem Ausmaße, zu unterschiedlichen Zeiten. Manchmal sogar zu unterschiedlichen Zwecken. So wird z.B. der Botenstoff Serotonin im Gehirn (Neurotransmitter)ganz anders benutzt („Stimmungsbeeinflussung“) als z.B. den Blutgefäßen (nach Verletzung Zusammenziehen, Blutstillung) oder Einfluss auf den Blutdruck über die Arterienweite.

Wenn man nun Einfluss auf Bildung oder Wirkung von Serotonin an der einen Stelle nehmen will (Depressionen behandeln, IDC Ziffern F32. …), so kann es durchaus zu einem Serotoninsyndrom mit Blutdruckanstieg, Zittern Pulsbeschleunigung, Kopfschmerz usw. kommen.

Ein Symptom, das vielleicht zu einer eigenständigen Krankheit gehört, wird scheinbar besser, an anderen Stellen jedoch kann sogar lebensgefährliche Symptomatik neu entstehen.

Hahnemann nannte diese Art der Behandlung eine reine Symptomenkuriererei und maß dieser keine heilende sondern nur schädliche Wirkung bei.

Sein Ansatz ist ein ganz anderer. Seine Sicht der Symptome als Zeichen guter (Gesundheit) oder schlechter (Krankheit) innerer Regulation, Symptome auch als Zeichen des Versuches, eine bestehende Störung irgendwie auszugleichen (Kompensation, Vikariation) habe ich im ersten Text dieser Homöopathiereihe dargestellt. Was alles zum individuellen Bild des kranken Menschen gehören kann, ergibt sich aus den Darstellungen zur individualisierenden Fallaufnahme.

Ist ein Mensch krank, ist seine innere Regulation, seine Lebenskraft, „verstimmt“, so betrifft das eben nicht nur einen Körperteil, nicht nur ein Hauptsymptom. Da alle Zellen eines Organismus unter einem gemeinsamen „Lebensprogramm“ stehen, alle füreinander arbeiten, mit einem gemeinsamen Ziel, das in den Genen aller Zellen steckt, wird sich eine Störung an verschiedenen Stellen mehr oder minder deutlich zeigen können. Wenn etwa das Programm (Gene), was in Zellen z.B. die Energiegewinnung steuert, gestört ist, so durchaus nicht nur in einem Organ.

Siehe das Beispiel Serotonin (Stoffwechsel, Bildung, Wirkung). Bei Störungen im zugrunde liegenden Programm kann im Magen-Darm-Trakt eine Durchfallsymptomatik auftreten (Reizdarm), Blutdruckschwankungen und Hitzewallungen können ebenso vorhanden sein wie eine leichte depressive Verstimmung.

Hahnemann versuchte - es war zu seiner Zeit wegen der noch viel geringeren physiologischen Kenntnisse als wir sie heute haben gar nicht leicht - den inneren Zusammenhang der verschiedenen Symptome herauszufinden: herauszufinden, welche „Programmstörung“ vorliegt. Wir wissen heute, dass im Grunde nur wenige Gene bestimmen, wie Stoffe, wie Funktionsteile aufgebaut werden aber dass die weit überwiegende Zahl an Genen bestimmt, was wann wie, auf welche Signale hin zusammen mit welchen andren Abläufen miteinander vernetzt wirkt.

Es ist heute bekannt, dass es das eine oder andere (Bau-) Gen gibt, bei dem eine bestimmte Krankheit auftreten kann, aber dass das in seiner Ausprägung abhängig ist davon, wie der Genfehler aussieht und vor allem, welche „regulierenden“ Gene beteiligt sind. Auch ein Fehler in einem solchen Gen könnte die Symptome der Krankheit machen. Aber dann immer – da verschiedene Gene mit übergreifenden Funktionen betroffen sind – mit vielen mehr oder minder deutlichen „Zusatzsymptomen“, individuellen Krankheitsausprägungen. In den Zellen sind viele Stoffwechselabläufe miteinander verbunden.

Da suchte Hahnemann nach einem gemeinsamen „Schlüssel“ über die Vielzahl der Symptome an verschiedenen Körperteilen. Auch über unterschiedliche Reaktionen auf Reize, so ein auffälliges Wärme- und Kälteverhalten oder unterschiedliche bessernde oder verschlechternde Einflüsse.

Mit den heutigen Kenntnissen der Physiologie und Biochemie könnte man versuchen, hier Erklärungen zu finden. Hahnemann versuchte das durch Vergleiche. Er testete am Gesunden verschieden Arzneistoffe und listete die an allen möglichen Stellen beobachtbaren Symptome auf.

Die „Arzneikrankheit“ war der Begriff für die ihm noch weitgehend unbekannten konkreten körperlichen und psychischen Abläufe. Die „Pharmakologie“ der Arzneisubstanzen beschrieb ihm die „Stimmung der Lebenskraft“, die innere Regulation.

Viele seiner Arzneien kamen aus dem Bereich der Lebewesen (Pflanzen, Tiere) und diese bestanden nicht nur aus einer chemischen Substanz, sondern aus einer Vielzahl, wie sie nach den „Lebensprogrammen“ dieser Lebewesen, ihrer Zellen mit ihren Genen, gebildet und „komponiert“ wurden. Die Zusammensetzung der Arzneisubstanzen ist ein Abbild der inneren Regulation, der „Lebenskraft“ der Arzneipflanze oder des Tieres. Aber auch der „Bildekräfte“ von Mineralien.

Von seiner Idee her konnte er die verschiedenen „Lebenskräfte“ der Arzneien auf die Lebenskraft des kranken Menschen wirken lassen. Eben nach dem physikalischen Prinzip, dass Kräfte auf Kräfte wirken.

Seine Idee - eine physiologisch sinnvolle - war, dass er passend zu dem gestörten Regelkreis (zur Verstimmung der Lebenskraft“) eine Arznei auswählen musste. Was am Gesunden eine bestimmte Wirkung hat, wird diese auch am Kranken haben. Wenn ein Gesunder in bestimmter Weise „krank“ gemacht werden kann, so könnte der Kranke, der genau diese Symptome hat in ähnlicher Weise krank gemacht worden sein – homoios=ähnlich.

Der physiologischen Tatsache folgend, dass auf einen gesetzten Reiz der Versuch gemacht wird, durch Gegenwirkung den alten Zustand wieder herzustellen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, setzte er die Arznei ein. Dabei war die wichtige Idee, dass die Ursache der Störung nicht in der Arznei lag, sondern in anderen Gründen (späteres Thema, Miasmen). Aber diese Gründe zeigen ähnliche Wirkungen wie die Arznei. Die Arznei passt dann zu den gestörten Regelelementen (diversen Genen). Sie greift dort an.

Wie bei einer Wunde, die sehr empfindlich für die kleinste Berührung ist, so ist auch der gestörte Regelkreis sehr empfindlich für einen passenden Reiz. Da die Arznei“kraft“ künstlich hergestellt wurde (Potenzierungsverfahren), ist sie für den Organismus unnatürlich, auffälliger (stärker bemerkbar) als die natürlich Krankheitsverursachung.

Im § 31 des Organon schildert er es so:

Auch besitzen die feindlichen, theils psychischen, theils physischen Potenzen im Erdenleben, welche man krankhafte Schädlichkeiten nennt, nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft zu stimmen, wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organism so eben dazu disponirt und aufgelegt genug ist, von der gegenwärtigen Krankheits-Ursache angegriffen und in seinem Befinden verändert, verstimmt und in innormale Gefühle und Thätigkeiten versetzt zu werden - sie machen daher nicht Jeden und nicht zu jeder Zeit krank.
Arzneien können aber am Gesunden (wenn auch nicht alle Symptome bei jedem) „kunstkrank“ machen. So stark sind sie.

Vielleicht an dieser Stelle noch zur Fußnote in diesem Paragrafen.
2) Wenn ich Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen Befindens nenne, so bin ich weit entfernt, dadurch einen hyperphysischen Aufschluß über die innere Natur der Krankheiten überhaupt, oder eines einzelnen Krankheitsfalles insbesondere geben zu wollen. Es soll mit diesem Ausdrucke nur angedeutet werden, was die Krankheiten erwiesenermaßen nicht sind, und nicht sein können, nicht mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz und nicht von einem materiellen Krankheits-Stoffe abhängig - sondern bloß geistartige, dynamische Verstimmung des Lebens.
Hyperphysisches, gar metaphysisches, esoterisches will er nicht ausdrücken. Er will deutlich machen, dass Regelkreise gestört sind (sichtbare über Symptome) als Ursache der Krankheit. Das schließt NICHT aus, dass daraus mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz entstehen können. Aber diese waren nicht, wie es die Krankheitslehre seiner Zeit (unserer Zeit) annahm, die Ursache, die Krankheit selbst. Veränderte Funktion (Lebensabläufe) führen zu veränderten Strukturen und diese wiederum bestimmen (verfestigen) eine veränderte Funktion.

Das ist auch der Grund, warum länger bestehende Krankheiten nicht in „Sekunden“ geheilt sein können. Die durch die Arzneikraft angestoßene Korrektur der Regelkreise (Lebenskraft) muss erst über geänderte Funktionen auch Strukturen wieder „heil“ werden lassen.


Hahnemann beschreibt die Wirkung der Arznei etwa so (vorher erklärt er aber dass er eigentlich dazu keine Lust hat):

(§ 28
     Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen ächten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Thatsache also besteht, so kommt auf die scientifische Erklärung, wie dieß zugehe, wenig an und ich setze wenig Werth darauf, dergleichen zu versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste, da sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet.)

§ 29
     Indem jede (nicht einzig der Chirurgie anheim fallende) Krankheit nur in einer besondern, krankhaften, dynamischen Verstimmung unserer Lebenskraft (Lebensprincips) in Gefühlen und Thätigkeiten besteht, so wird bei homöopathischer Heilung dieß, von natürlicher Krankheit dynamisch verstimmte Lebensprincip, durch Eingabe einer, genau nach Symptomen-Aehnlichkeit gewählten Arznei-Potenz, von einer etwas stärkern, ähnlichen, künstlichen Krankheits-Affection ergriffen; es erlischt und entschwindet ihm dadurch das Gefühl der natürlichen (schwächern) dynamischen Krankheits-Affection, die von da an nicht mehr für das Lebensprincip existirt, welches nun bloß von der stärkern, künstlichen Krankheits-Affection beschäftigt und beherrscht wird, die aber bald ausgewirkt hat und den Kranken frei und genesen zurückläßt 1).
1) Die kurze Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Potenzen, die wir Arzneien nennen, macht es möglich, daß, obgleich stärker als die natürlichen Krankheiten, sie doch von der Lebenskraft weit leichter überwunden werden, als die schwächern natürlichen Krankheiten, die bloß wegen ihrer längern, meist lebenswierigen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis) nie von dem Lebensprincip allein besiegt und ausgelöscht werden können, bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker afficirt mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkern Potenz (homöopathischer Arznei). Die vieljährigen Krankheiten, welche (nach §. 46) von den ausgebrochenen Menschenpocken und Masern (die auch beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen haben) geheilt werden, sind ähnliche Vorgänge.
     Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder in Gesundheit fortführen. Dieser höchst wahrscheinliche Vorgang beruht auf den folgenden Sätzen.
   
§ 30
     Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch deßhalb, weil die Einrichtung der Gabe derselben in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen, als durch natürliche Krankheits-Reize - denn natürliche Krankheiten werden durch angemessene Arznei geheilt und überwunden.

Was soll die Arznei machen? Sie soll ins gestörte „Gefüge“ einen von diesem bemerkbaren Reiz setzen, so klein wie möglich gewählt (aber noch groß genug, bemerkt zu werden). Einen Reiz, der die Symptome der „Störung“ zeigt (Erstwirkung). Gegen den wehrt sich der Organismus, versucht diesen auszugleichen (Gegenwirkung). Wenn das gelingt, so kommt das vorher gestörte Regelsystem wieder in seinen „gesunden“ Bereich zurück.



Wird fortgesetzt


Copyright K.-U.Pagel 03.2015