Samstag, 25. April 2015

Heilkunde nach Hahnemann – Potenzwahl

 

Homöopathie nach Hahnemann – Hypothese zur Potenzwahl/-wirkung



Es ist kaum etwas so umstritten, wie die Wirkung der potenzierten Arzneien – nicht verdünnten. Die zaghaften Versuche mittels Physik und Chemie, mittels Experimenten und Messungen mussten schon daran scheitern, dass gar nicht klar war, in welchen Bereichen nach was gesucht werden soll. Reine Analysen von Inhaltsstoffen (wie denn gemessen?) gehen an der Sache genauso vorbei wie Messungen nach emittierten Strahlungen oder nach elektromagnetischen Feldern. Man misst, was man misst und die Grundhaltung vor dem „designen“ einer Versuchsanordnung bestimmt mit, welches Ergebnis man bekommt. Jeder Wissenschaftler braucht „die richtige Nase“, wenn er nach etwas sucht und Beweise dafür oder dagegen finden will.

Hat die Physik vielleicht bisher diese Nase noch nicht gehabt?

Doch nicht nur die „Nase“ genügt. Es bedarf eines hohen Aufwandes, vielleicht spezielles Personal und teure Apparate, die vielleicht richtigen Versuche zu machen. Wer gibt das Geld? Mit welcher Rendite? Lohnt eine Suche nach dem „Geheimnis der potenzierten Arznei“? Dann die Frage, woher man die Arznei, die man untersuchen möchte tatsächlich nimmt. Und ob sie tatsächlich mit der Arznei übereinstimmt, die im Handel und damit im Gebrauch ist.

Ich frage mich immer, wenn ich einem Patienten eine homöopathische Arznei empfehle, ob da tatsächlich das drin ist, was drin sein soll. In der vorgeschriebenen Weise hergestellt? Hahnemann war es Wurst – und mir auch – ob jemand beim Potenzieren singt oder lächelt, ob er vorher geflucht hat oder selbst an Psoriasis leidet. Seine Lehre hat mit so etwas nichts zu tun. Keine Zauberei oder Hexerei im guten oder bösen.

Es darf eben nur keine „Fälschung“ sein. Und die sind so leicht zu machen. Einfach Kügelchen oder verdünnten Alkohol in ein Fläschchen, nachgemachtes Etikett darauf und das dann mit hundert- oder tausendfachem Gewinn verkauft. Klar kann der Patient über die Placebowirkung, seine positive Erwartungshaltung Wirkung verspüren. Das kennt man ja aus der „schulmedizinischen Pharmakologie“. Er kann auch nichts verspüren. Lag es dann am falschen Mittel oder am gefälschten Mittel? Oder wirkt das Ganze wirklich nicht?

Ich habe in meiner langjährigen Praxis den Eindruck gewinnen können, dass im Vergleich zur nicht therapierten oder anders therapierten Krankheit viel öfter, als man das von einem Placebo erwarten würde, ein positiver, nennen wir ihn Heilungserfolg, eintrat. Nicht in Form eines Wunders, bei dem plötzlich alles gut ist und wie in gesunden Tagen, sondern dergestalt, dass erreicht wurde, was man von der jeweiligen Erkrankung, ihrem Stand, den Bedingungen beim Patienten, realistisch erhoffen konnte. Statistisch ist das nicht zu erfassen.

Wenn die „schulmedizinische“ Forschung Therapien, Arzneien testet und die Ergebnisse statistisch auswertet, dann nur danach, was jemand Fiktives, ein statistischer Patient, erreichen konnte. Aber zu erfassen, was der jeweilige Patient nach dem, was vorher bei ihm vor lag (Krankheit mit allen Besonderheiten und Umständen, Begleit- und Vorerkrankungen) individuell erreichen könnte und was er erreicht hat, dass wird erst gar nicht versucht. Es fehlt bereits an der entsprechend umfangreichen individuellen/individualisierenden Vorerkrankung. Die „Schulmedizin“ misst, was sie misst nach den Ideen, die sie hat und nach den Thesen, die sie bestätigen oder ablehnen will.

So ist es auch in der Forschung nach den Wirkungen der ehrlich hergestellten homöopathischen Arznei.

Sicher bietet für die Wirkweise dieser Arzneien auch der Blick auf Quantenmechanik, irgendwelche Kristallisationsformen von Wasser, oder spirituellen „Messmethoden“ (besser „Empfindungsmethoden“) keine Hilfe. Auch hier braucht man das Gespür für das was man sucht und wie das gehen kann. Gerade bei der Homöopathie, die, bevor man mehr über ihre Wirkungen mit Hilfe der gebündelten (Denk-) Kräfte der Homöopathen im hahnemannschen Sinne weiter kommen konnte, in so viele neue „Unterabteilungen“ aus so vielen Weltanschauungen und spirituellen Theorien zerfleddert wurde, ist das heute immer schwieriger geworden. Jede neue Idee benötigt ihre eigenen Nachweise und Versuche. Manche muss man gar nicht zu prüfen versuchen, auch wenn diese sich gut vermarkten lässt. Da kann jemand die richtige „Nase“ haben, bekommt er nicht die Mittel und/oder wird von anderen „Homöopathierichtungen“, die in der Folge als „Ideenblasen“ geplatzt wären, neidisch oder als wirtschaftlicher Konkurrent behindert.

Mir kann es nicht darum gehen, bei der folgenden Darstellung, den folgenden Erklärungsversuchen, wissenschaftliche Beweise zu bringen. Nur vielleicht eine Richtung für Überlegungen zu bieten, „Nasen“ neue Düfte anzubieten.



Hahnemann hat eine „physiologische“, biologische Krankheitslehre erarbeitet: von Regelkreisen und „gespeicherten“ Regulations-und Anpassungsvorgängen, ererbt oder erworben. Aber greifbar, nicht spirituell. Aus solcher Sicht möchte ich zur Wahl/Wirkung verschiedener Potenzstufen Überlegungen anstellen.

Ich habe dazu ein (vereinfachtes) Schema entworfen und werde es erklären:



Das Beispiel Cortisolwirkung/Bildung, z.B. im Stress.

Cortisol hat viele Wirkungen im/auf den Körper. Im Stress, bei Kampf oder Flucht, soll es unter anderem dafür sorgen, dass der gesteigerte Energiebedarf, während die Situation andauert, gedeckt werden kann, ohne dass man die überlebenswichtigen Reaktionen/Handlungen (Kampf gegen einen Gegner, z.B.) wegen Restaurantbesuch (Hunger) unterbrechen muss. Dazu soll der Körper in die Lage versetzt werden, bei zu erwartenden Verletzungen soviel „Heilreaktion“ wie nötig zu machen und die auf den möglichst kleinsten Bereich beschränkt. Schmerzen, Zweifel am Gelingen der Handlung, kann man da nicht brauchen.

Hier muss komplex „geregelt“ werden. Da hat die Lebenskraft eine übergeordnete „Generalstrategie“ umzusetzen. gekoppelt aus verschiedenen Komponenten. Dieses „Generalprogramm für den Angriffsabwehrablauf“ befindet sich in den Genen. Eine solche „Kochanleitung“ besteht aus vielen „Einzelanweisungen“: wer geht wo einkaufen, was wird gekauft, wie werden die Zutaten vorbereitet, welche Hilfsmittel, welche Werkzeuge sind nötig, woher nimmt man diese und z.B. die Batterien dafür usw. Was wird in welcher Reihenfolge in welche Schüssel getan usw.

Im Gehirn befindet sich ein kleines Gebiet, der Hypothalamus. Er ist ein Glied im Regelgefüge. Er bekommt den Auftrag bestimmte Teilbereiche des ganz komplexen Geschehens zu „leiten“. Auf einer ganzen Reihe von Genen, in verschiedenen „Handbüchern“ sind für die einzelnen Schritte Anweisungen enthalten. Die aufeinander abgestimmt werden müssen. Man braucht die richtigen Bücher in der richtigen Menge.

Das Signal: es ist Stress aus einem bestimmten Grunde, tu nun was, lass eine Kaskade und ein Gefüge von Handlungen ablaufen. Hier ist der Hypothalamus wie ein General. Er delegiert Aufgaben an die Untergliederungen seines Heeres. Die wissen dann, was sie zu tun haben und setzen wiederum ihre Untergliederungen ein.

Wenn ich an dieser Stelle eingreifen möchte, muss ich auf den General einwirken, der auf der Klaviatur der vielen „Handbücher“ spielt. Es ist einer. An einem Orte. Es genügt ein gezielter Befehlsbrief um eine Reihe von Folgen loszutreten. Wenn man den Hypothalamus betreffend dieses Geschehens ansprechen will, genügt ganz wenig Arzneistoff für ganz wenige Zellen, der aber zum General, dem Gen/den Genen kommen muss – in der Tiefe des Zellkerns, im Geknäul der Chromosomen. Das ist nicht zu schaffen, wenn das „Wirkmolekül“ nicht „beweglich“ genug ist. Wenn es an anderen Kollegen haftet (kommt in der Natur üblicherweise so vor). Es muss von Kollegen separiert werden. Das ist der Chemie und Physik nicht fremd. Eben durch den von Hahnemann beschriebenen Prozess des „Zerteilens“ durch Potenzieren soll das erreicht werden.


Die Zubereitungsstufe der Arznei, die dorthin den Weg finden kann, ist die Hochpotenz. In der Form von Globuli gegeben, die nur noch ganz wenige „Einzelmoleküle“ der Arzneisubstanz enthalten.

Ein Arzneiausgangsstoff organischen Ursprungs, Pflanze oder Tier, stellt keine Einzelsubstanz dar. Immer ein Gemisch in typischer Konstellation, ganz vieler Einzelstoffe: Vitamine, Kohlehydrate usw., z.B ein Blatt besteht aus vielen Zellen mit typischen „Inhaltsstoffen“ in typischen Mengen und Formen. Die potenzierte Arznei bildet in gewisser Weise dieses Gemisch ab. Wichtig ist, dass die Zubereitung nach festen Regeln stattfindet.


Diese Stoffe kommen in den Zellkern, finden im Chromosomenknäuel die Gene, zu denen sie passen. Wirken dort hemmend oder aktivierend und tragen so bei, welches „Handbuch“ wann und wie benutzt wird. Wie die zehn Finger auf der Klaviertastatur, die die Harmonien oder Einzeltöne erzeugen. Anderes Arzneiausgangsstoff(gemisch), andere Musik.

Mit wenig „Molekülmengen“ in ganz wenigen Zellen (Hypothalamus) wird eine „Aktion“ in Gang gesetzt. Von dieser habe ich nur zwei Wege herausgenommen: Den Weg zu anderen Hirnzentren, die die Handlungen steuern und beim Thema Cortisol den Hormonweg, der zur Hypohyse führt.

Die zuständigen Zellen im Hypothalamus bilden kleine Mengen (es sind ja nur wenige Zellen) von Signalstoffen (Hormonen). Hier das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH).

Es ist sozusagen das Befehlspapier, das an die nächste Untereinheit „Hormone“ geht. Und es wurde geschrieben aus den Geninformtionen

Damit es nicht im riesigen Körper „verschwindet“, wird es in eine Vene gegeben, die direkt in die Hypophyse (Vorderlappen) führt. Man nennt solche Venen, die in ein Organ führen wie bei der Leber „Pfortader“. Kurzer gezielter Weg ohne „Materialverlust“.

In der Hypophyse ist ein deutlich größeres Areal, viel mehr Zellen, als im Hypothalamus für die weitere Arbeit zuständig. Die mit „geballter Kraft“ mehr Hormone produzieren können, als es im Hypothalamus möglich ist.

Auch hier läuft ein Regulationsgefüge ab. Jedoch schon viel spezifischer auf einen Aufgabenbereich gerichtet. Corticotropin, anderer Name Adreno-Corticotropes-Hormon (ACTH), wird hier gebildet. Aus einem großen Vorläufermolekül (Pro-opio-melano-cortin) werden mehrere Hormone „herausgespalten“. Eines davon (Melanozytenstimmulierendes Hormon MSH) wird übers Blut in die Haut verteilt. Dort wirkt es unter anderem auf die Hautbräunung. Personen mit brauner Haut machen einen aktiveren (aggressiveren) Eindruck.

Es entstehen (Vorläufer) Endomorphine. Stoffe, die im Gehirn z.B. bewirken, dass es keine Durstempfinden oder Hunger gibt, welche beim Kampf hinderlich wären (Restaurantbesuch nicht nötig). Die Schmerzen egal sein lassen und das Gefühl der Unbesiegbarkeit, Erfolgszuversicht machen. Sie wirken zusammen mit Noradrenalin, welches im Hirn Handlungen steuern soll.

Beim Weg zum Cortisol wird dieses ACTH gebildet, dass (Transport über das Blut) auf die Nebennierenrinde wirkt und dort (wieder mehr Zellen zur Verfügung als in der Hypophyse) Cortisol für den ganzen Körper bilden lässt.

In der Hypophyse wäre gezielt auf diese Produktionen einzuwirken, wenn nicht die Gene, sondern die über diese angesteuerten „Hormonproduktionsstätten“ angesprochen würden. Gene deswegen nicht, weil ja jede Zelle die gleichen Gene enthält und es nicht sinnvoll ist, diesen „Oberst“ mit der gleichen Informationsfülle zu versorgen, wie zuvor den General.

Nun müssen sich die Arzneimoleküle nicht mehr durch engste Wege ins Zentrum der Chromosomen wühlen. Die Zielorte, die in Ihrer Zahl größer sind als die wenigen einzelnen Gene, liegen weiter außen, sind leichter, auch von größeren Molekülverbänden zu erreichen. Mittlere Potenzen, als wenige Tropfen gegeben mit sehr viel mehr Arzneiteilchen darinnen, als im einem Kügelchen. Vielleicht 10 Milliarden mal mehr?

Angekommen in der Nebenierenrinde wirkt das ACTH auf viele Zellen ein, die dann in einem speziellen Produktionsablauf Cortisol bilden. Dieser lässt sich mit vielen Molekülen „grober Häufung“ ansteuern und gezielt beeinflussen. Niedrige Potenzen.

Das Cortisol wirkt in vielen verschiedenen Zellen. Hier seien nur drei Arten herausgegriffen: In den Fettzellen wird Speicherfett mobilisiert und gelangt zur Leber, dort lässt Cortisol daraus Glucose herstellen. Diese dient dann den arbeitenden Zellen als Energie. Im Gewebe wirkt Cortisol auf Verletzungsgebiete. Hier dämpft es in Gang gekommene Entzündungen, begrenzt ihre Ausbreitung auf das notwendige Maß, „besänftigt“ aktivierte Abwehrzellen. Es hält so die vorher durch Adrenalin (über Nervensignale des Gehirns zum Nebennierenmark ausgeschüttet) angestoßene Abwehrzelltätigkeit in den nur notwendigen Grenzen.

Auch hier wären Eingriffe in diese speziellen Abläufe möglich, mit Urtinkturen oder niederen Potenzen.

Das nur als eine ganz grobe Idee zur Potenzwahl.

Wird fortgesetzt


Copyright K.-U.Pagel 04.2015














Samstag, 11. April 2015

Heilkunde nach Hahnemann – keine Laiensache

Homöopathie nach Hahnemann – großes Wissen erforderlich




Was ist ein Homöopath? Ein Globuli-Diktator?

Nein. Es ist der, der das tut, was Hahnemann klar ausdrückte:
Organon § 1:

Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt 

und § 3

Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication), ... und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, daß Genesung erfolgen muß, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat) ...so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler.


Zunächst ist jeder Homöopath ein Heilkundler, der praktisch mit dem kranken Menschen „arbeitet“.
Er diagnostiziert, er wägt ab, ob denn überhaupt eine behandlungsnotwendige Erkrankung vorliegt.


Kommt Ihnen das bekannt vor? So habe ich den letzten Beitrag eingeleitet.

Hier möchte ich aus den Teilen zuvor Schlüsse ziehen. Aus den Teilen, die aufzeigten, was überhaupt zu den Grundlagen des homöopathischen Arbeitens gehört. Und ich möchte deutlich machen, dass Homöopathie ganzheitliche Heilkundeausübung darstellt, keine Laiensache sein sollte. Nach Hahnemann vorzugehen kann in der Hand des Fachmannes/der Fachfrau eine mächtige Waffe gegen Krankheiten sein.

Es mag zwar im täglichen Leben so sein, dass man innerhalb der Familie mal einen guten Rat aus eigner Erfahrung geben kann, Nachbarn und Freunde das Ohr und ein Gutes Wort leiht (man bekommt das hoffentlich zurück). Es mag zwar so sein, dass auch bei kleinen Wehwehchen mal „Omas“ Erfahrung herangezogen wird. Doch dann, wenn es für etwas tatsächlich Fachwissen braucht, ist man in der Regel vorsichtig. Insbesondere, wenn schwerwiegende Folgen aus falschen (wegen doch nicht ganz hinreichendem Wissen oder Können) Tipps und Hilfestellungen entstehen können.

Einen Lackkratzer am Auto ausbessern? OK, der Nachbar, der sonst als Bäcker arbeitet, hat da vielleicht Ideen. Doch eine defekte Bremse reparieren? Stromleitungen im Haus legen und schalten lassen? Den Gashahn austauschen? Da werden die meisten doch lieber den Fachmann/die Fachfrau, die das gelernt haben und sich einer (Gesellen-)Prüfung unterzogen haben, heranziehen. Schon, weil im Schadensfall keine Versicherung zahlen könnte. Und weil es keine Garantie gibt und man auf Mängeln sitzen bleibt.

Doch wenn es um die Gesundheit geht, wird weniger kritisch hingesehen? Da hört man sich Ratschläge an, was man nehmen sollte, um noch leistungsfähiger zu sein, um nicht so schnell zu altern usw. Von Menschen, die oftmals keine Ausbildung haben (vielleicht nur verkaufen wollen), nur etwas weitergeben, was sie mal gehört oder in Laienliteratur gelesen haben. Ein Journalist, der zur Homöopathie schreibt, ist dadurch längst kein Fachmann. Menschen, die vielleicht darüber hinaus sich der Inhaberschaft von Zertifikaten rühmen – schnell und einfach mit wenig Lernaufwand erworben (über Kursteilnahmegebühren), treten als Ratgeber auf.

Nicht unbedingt schlimm, solange man tatsächlich einigermaßen gesund ist und nicht wegen besonderer Erkrankungen keinesfalls Pauschalratschläge umsetzen darf. Es ist für manche Menschen fast zum Gesellschaftsspiel geworden, zum Selbstverwirklichungshobby: Lebensberatung, Ernährungsberatung in allen möglichen Formen und mit allen möglichen tollen Bezeichnungen. Da kann man auch ganz viele „Berufe“ erfinden, die keinerlei gesetzliche Ausbildungs- und/oder Ausübungsregelungen haben. Bücher über etwas zu schreiben und Erfahrungen zu benennen, die man nicht wirklich gemacht hat, ist nicht verboten.

Doch wenn es darum geht, dass möglicherweise Krankheiten, akut oder chronisch vorliegen könnten? Es überrascht, wie leicht Laien auch damit umgehen. Die Werbung macht es vor: Es gibt so viele Arzneien für „einfache Wehwehchen“, „Lästigkeiten“, die man sich einfach kauft und dann wird alles gut. Wem ist der Hinweis wirklich bewusst, der in Beipackzetteln steht, dass man bei Fortbestehen der Beschwerden einen Heilberufler aufsuchen sollte (meist wird nur der Arzt genannt, nicht auch der Heilpraktiker). Es kann eben auch hinter scheinbar leichten „Unpässlichkeiten“ Gefährlicheres stecken. Da braucht es den Fachmenschen (geschlechtslos formuliert).

Im § 3 des Organon hat es Hahnemann formuliert, was für die Heilkundeausübung wichtig ist: Der Arzt (ausgebildet und deswegen zur Heilkundeausübung durch den Staat zugelassen worden) muss anhand fachkundiger Diagnose mit allen dazu gehörenden Mitteln erkennen, ob eine Krankheit vorliegt und eine Behandlung notwendig ist. Oder ob vielleicht eine leichtere „Unpässlichkeit“ gegeben ist, die nur weniger Hinweise bedarf und einfacher Hilfsmittel. Auch auf den Heilpraktiker trifft das im weiten Sinne zu. Ohne staatliche Berufserlaubnis (Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz) darf niemand die Heilkunde ausüben. Er muss (überprüft) in der Lage sein, die Situation einzuschätzen und notfalls, wenn seine Grenzen überschritten sind, an den Arzt zu verweisen.

Auch wenn es scheinbar harmlose Mittel gibt, die Laien frei erhalten und einsetzen können, kann das niemals die fachliche Einschätzung von Krankheitsstand und Bedrohlichkeit ersetzen.

Im § 4 weist Hahnemann zu recht dem Heilkundler auch die Rolle zu, aus seinem Wissen heraus:

Er ist zugleich ein Gesundheit-Erhalter, wenn er die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.

Die vorherigen Texte haben vielleicht deutlich gemacht, dass es nicht nur darauf ankommt, zu erkennen, was vorliegt: eine scheinbar chronische Erkrankung (Folge aus Dingen nach §4), eine akute Erkrankung oder eine chronische Krankheit. Vielleicht auch die Folge falscher Vorbehandlungen. Es gehört (in der Regel durch Ausbildung bei Praktikern) auch das Wissen um das, was krank machen kann und die das zu erkennen richtige Fallaufnahme dazu. Das ist Fachwissen, kein Laienwissen.

„ ...das Heilende der Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat..“ anzupassen braucht ein tiefes Wissen um die Arzneiwirkungen und deren richtigen Einsatz im gerade vorliegenden besonderen Fall.

Reichen dazu „Anleitungsbücher“ für den interessierten Laien? Mit nur einigen pauschal dargestellten Aspekten der Arzneibilder aus?

Bei Handwerksarbeiten wurde inzwischen daraus gelernt, dass trotz Gefahren immer noch „mutige“ Hobbyhandwerker z.B. Elektroinstallationen vornehmen. Angeleitet durch „Do it yourself- Bücher“. Nun enthalten auch Steckdoseneinbausätze inzwischen (deswegen) „Beipackzettel“, die ausdrücklich auf die Gefahren unfachmenschlischer Anwendung hinweisen.

Bei Krankheiten, die man nur laienhaft einschätzen kann, oft nicht mal richtig erkennt, geht es leider ähnlich. Und es scheint noch zuzunehmen, Der Markt für Selbstbehandlung, Selbstmedikation wächst. Das „Anregen von angeblichen Selbstheilungskräfte“ boomt.

Homöopathische Arzneien scheinen hier besonders geeignet zu sein. Sie können ja scheinbar nicht schaden. Ist ja nichts drin, vielleicht nur „freie Energie“ und „Informationen“. So heißt es. Im letzten Text hatte ich die - bei richtiger Arzneiwahl und richtigem Einsatz durch den Fachmenschen – allenfalls geringen Erstverschlimmerungen erwähnt.

Tatsächlich können falsch eingesetzte homöopathische Arzneien sogar am Gesunden Prüfsymptome auslösen, nicht nur am empfindlicheren Kranken.

Sie können ggf. sogar den Patienten, seine Reaktionsbereitschaft, so verändern, dass es auch einem Fachmenschen nicht leicht wird, dann das richtige Mittel zum Einsatz zu bringen.

Insbesondere drohen Gefahren durch das zu späte Erkennen von vielleicht doch bedrohlicheren Krankheitsverläufen oder Verkennen von Krankheiten überhaupt durch den Laien. Und die dadurch verschleppte richtige Hilfe, wenn Zeit mit Selbsttherapien verloren geht. Klar kann sich auch ein Fachmensch irren, doch wird niemand bestreiten wollen, dass das viel viel häufiger Laien tun.

Dann die Beispiele, das Mütter ihren Kleinkindern bei Infekten oder anderen banalen Leiden (von der Mutter so eingeschätzt!) mit „Homöopathie“ geholfen haben. Ausgewählt aus Büchern oder nach dem, was in „Mütterkursen“ so gelehrt wurde. Vielleicht von der Nachbarin nach ihrer Erfahrung empfohlen wurde. Die Mütter sind oft beruhigt, wenn sie etwas tun können, was ihrem Kinde helfen könnte. Und das ohne „Chemie“ und „harte“ Schulmedizin. Sanft und schonend, wie es die Homöopathie ja sein soll, gemäß Organon § 2

Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.

Übersehen wird manchmal: „nach deutlich einzusehenden Gründen.“ Das bedarf einer Ausbildung im Wissen um den Körper und um Krankheiten. Diese liefert die Begründung für das Tun, die Krankheits-Erkenntniß, Indication (s.o. §3).

Wenn die Homöopathie als Ausübung der Heilkunde mit ihrem ganzen Wissensschatz und dem Wissen und Können der anwendenden Heilkundler ernst genommen wird, wenn endlich erkannt wird, dass Homöopathie mehr als nur harmloses „Kügelchengeben“ ist, dann muss klar sein, dass sie eine Fachdisziplin ist, die von Fachleuten ausgeübt wird.



Wird fortgesetzt

Copyright K.-U.Pagel 04.2015


Zur Kritik an der Homöopathie (Psiram) habe ich in einem anderen Blog etwas geschrieben: http://heilkundeimkontext.blogspot.de/2015_04_01_archive.html
 

Montag, 6. April 2015

Therapievorgehen nach Hahnemann – kein homöopathisches Sekundenphänomen

Homöopathie nach Hahnemann – Therapeutisches Vorgehen/Verlauf




Was ist ein Homöopath? Ein Globuli-Diktator?

Nein. Es ist der, der das tut, was Hahnemann klar ausdrückte:
Organon § 1:

Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt 

und § 3

Sieht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication), ... und weiß er nach deutlichen Gründen das Heilende der Arzneien dem was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, daß Genesung erfolgen muß, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemessenheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignetsten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat) ...so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünstler.


Zunächst ist jeder Homöopath ein Heilkundler, der praktisch mit dem kranken Menschen „arbeitet“.
Er diagnostiziert, er wägt ab, ob denn überhaupt eine behandlungsnotwendige Erkrankung vorliegt. Vielleicht genügt es, dabei hilft die typische ausführliche „Gesprächsarbeit“ mit dem Patienten, dass diese selbst Erkenntnisse über die von ihm beklagten „Leiden“ bekommt. Vielleicht ergibt sich für den Patienten daraus bereits der Weg zur Änderung. Vielleicht sieht der Patient auch ein, dass das, was ihn gerade beschwert, jetzt so sein muss, aus allen Umständen heraus und nicht durch einen Wundertäter (den Heilkundler) zu ändern oder durch Wundermittel (Arzneien) aufzulösen ist.

Mit sich wieder einig zu werden, auch wenn Umstände belastend sind, und wieder zu beginnen, dass, was man selbst tun kann auch zu tun, ist in nicht seltenen Fällen (schreibe ich aus über 30 Jahren Heilkundeausübung) eine Lösung. Es mag sich dabei um ein gehöriges Maß an Psychotherapie handeln, basierend auf den Effekten der richtig gemachten Fallaufnahme mit ihren Ähnlichkeiten zur „personenzentrierten“ Gesprächstherapie. Aber auch das ist Heilkunde mit wirksamen Mitteln (nicht leeres Placebo), mit fließenden Übergängen zur Pädagogik (Lebensausbildung, -erziehung).

Bei der ganz das rat-/hilfesuchende Individuum betrachtenden Fallaufnahme ist darauf zu achten:


§ 150 Werden dem Arzte ein oder ein paar geringfügige Zufälle geklagt, welche seit Kurzem erst bemerkt worden, so hat er dieß für keine vollständige Krankheit anzusehen, welche ernstlicher, arzneilicher Hülfe bedürfte. Eine kleine Abänderung in der Diät und Lebensordnung reicht gewöhnlich hin, diese Unpäßlichkeit zu verwischen.

Lebens- und Ernährungsberatung ist eben auch natürlicher Inhalt einer ganzheitlichen Heilkundeausübung. Zur Abgrenzung: Der Lebens- und/oder Ernährungsberater, egal welcher Richtung oder Weltanschauung ist kein Heilkundler, kein Homöopath. Er ist nicht der, der durch sein umfangreiches biologische, psychologischen und heilkundliche Fachwissen einen Menschen, der als sich Krankfühlender zu ihm kommt, individuell „diagnostiziert. Ohne Diagnose keine Therapie, denn die Diagnose führt dazu, der Heilkundler sieht: „deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication)“

Doch der (nach dem Verständnis der Homöopathie) arbeitende Heilkundler ist immer auch Lebens- und Ernährungsberater für den Patienten. Selbst wenn er feststellt, dass keine Arzneien, keine Operationen, keine speziellen Psychotherapieverfahren in vorliegenden „Fall“ notwendig sind.

§ 151 Sind es aber ein paar heftige Beschwerden, über die der Kranke klagt, so findet der forschende Arzt gewöhnlich noch nebenbei mehrere, obschon kleinere Zufälle, welche ein vollständiges Bild von der Krankheit geben.
die dann über „pädagogische“ Hilfestellung hinausgehende Tätigkeit verlangt.


Hier macht Hahnemann wieder eine Unterscheidung zwischen der Behandlung von akuten Krankheiten


und chronischen Krankheiten, was nicht selten übersehen wird.

Für die Therapie, die Arzneiwahl bei akuten Krankheiten führt er in seinen §§ 152 und 153 des Organon aus:

§ 152 Je schlimmer die acute Krankheit ist, aus desto mehren, aus desto auffallendern Symptomen ist sie gewöhnlich zusammengesetzt, um desto gewisser läßt sich aber auch ein passendes Heilmittel für sie auffnden, wenn eine hinreichende Zahl, nach ihrer positiven Wirkung gekannter Arzneien, zur Auswahl vorhanden ist. Unter den Symptomenreihen vieler Arzneien, läßt sich ohne Schwierigkeit eine finden, aus deren einzelnen Krankheits-Elementen sich, dem Symptomen-Inbegriffe der natürlichen Krankheit gegenüber, ein sehr ähnliches Bild von heilender Kunstkrankheit zusammensetzen läßt, und diese Arznei ist das wünschenswerthe Heilmittel.

Denn das ist für die akuten Krankheiten eher leicht zu finden. Diese verlaufen ja oft epidemieartig unter vielen Individuen mit ähnlichen (allgemeinen, bei allen ähnlichen) Erscheinungen ab. Hier – nicht bei den chronischen (!) - ist es dann entscheidend, unter den möglichen Mitteln dasjenige auszuwählen, welches den besonderen Verlauf bei diesem Individuum kennzeichnet.

Das (Auswahl bei akuten Krankheiten!) meint er im § 153

Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch specifischen Heilmittels, ... sind die auffallendern,sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome … des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest in’s Auge zu fassen; denn vorzüglich diesenmüssen sehr ähnlichein der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll. Die allgemeinern und unbestimmtern: Eßlust-Mangel, Kopfweh, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit u.s.w., verdienen in dieser Allgemeinheit und wenn sie nicht näher bezeichnet sind, wenig Aufmerksamkeit, da man so etwas Allgemeines fast bei jeder Krankheit und jeder Arznei sieht.

Wer z.B. einen fieberhaften Infekt hat, hat fast immer solche Symptome. Damit wäre eine akute Krankheit nicht individuell zu kennzeichnen und mit dem individuell passenden Mittel zu behandeln.
Hier findet sich auch die Unterscheidung zur „klinischen“, oft mit Arzneigemischen – Komplexmitteln – angewendeten „Homöopathie“. Da spielen oft die allgemeineren Symptome eine Rolle: So mischt man Arzneien als „Fiebermittel“ mit Arzneien als „Hustenmittel“ usw. Während die klassische Homöopathie genau unterscheidet, welche Besonderheit z.B. des Fiebers vorliegt mit welchen besonderen, individuellen Merkmalen.

Es erfordert Fachwissen, Erfahrung in der Heilkunde, um zu erkennen, was im vorliegenden Fall anders ist, als in anderen (mit einer Akutkrankheit gleichen Namens und Symptomatik). Man muss den typische, den gewöhnlichen Verlauf kennen.

Da es oft genug falsch verstanden wird: Hier noch einmal, der § 153 bezieht sich auf die Arzneiwahl bei AKUTEN Krankheiten.

Im § 154 nimmt er es noch einmal auf:

eine Krankheit von nicht zu langer Dauer wird demnach gewöhnlich durch die erste Gabe desselben ohne bedeutende Beschwerde aufgehoben und ausgelöscht.

Von der passend gewählten Arznei bei Akutkrankheiten sieht Hahnemann nur selten einen kleine „Erstverschlimmerung“ Arzneikrankheit.

§ 155
Denn beim Gebrauche dieser passendsten, homöopathischen Arznei sind bloß die, den Krankheits-Symptomen entsprechenden Arznei-Symptome des Heilmittels in Wirksamkeit, indem letztere die Stelle der erstern (schwächern) im Organism, d.i. im Gefühle des Lebensprincips einnehmen und letztere so durch Ueberstimmung vernichten; die oft sehr vielen übrigen Symptome der homöopathischen Arznei aber, welche in dem vorliegenden Krankheitsfalle keine Anwendung finden, schweigen dabei gänzlich.

Man beachte: Nur die Symptome (Arzneiprüfsymptome), die den Krankheitssymptomen entsprechen werden vom Organismus wahrgenommen. Da die Arznei so „verkleinert“ gegeben wurde, dass der Gesunde - der also nicht bereits die Krankheitssymptome hatte – darauf nicht reagiert. Eine „Arzneikrankheit“ wird im Regelfalle also nicht ausgelöst.

Es sei denn (§156),

Indessen giebt es selten ein, auch anscheinend passend gewähltes, homöopathisches Arzneimittel, welches, vorzüglich in zu wenig verkleinerter Gabe, nicht eine, wenigstens kleine, ungewohnte Beschwerde, ein kleines, neues Symptom während seiner Wirkungsdauer bei sehr reizbaren und feinfühlenden Kranken, zuwege bringen sollte, weil es fast unmöglich ist, daß Arznei und Krankheit in ihren Symptomen einander so genau decken sollten, wie zwei Triangel von gleichen Winkeln und gleichen Seilen.

Die Arznei wird in „zu starker Dosis“ gegeben, dann können bei dafür empfindlichen Personen Arzneisymptome auftreten.

Und so kann es sein (§157)

So gewiß es aber auch ist, daß ein homöopathisch gewähltes Heilmittel, seiner Angemessenheit und der Kleinheit der Gabe wegen, ohne Lautwerdung seiner übrigen, unhomöopathischen Symptome, … die ihm analoge, acute Krankheit ruhig aufhebt und vernichtet, so pflegt es doch (aber ebenfalls nur bei nicht gehörig verkleinerter Gabe) gleich nach der Einnahme - in der ersten, oder den ersten Stunden - eine Art kleiner Verschlimmerung zu bewirken (bei etwas zu großen Gaben aber eine mehre Stunden dauernde), welche so viel Aehnlichkeit mit der ursprünglicben Krankheit hat, daß sie dem Kranken eine Verschlimmerung seines eignen Uebels zu sein scheint. Sie ist aber in der That nichts anderes, als eine, das ursprüngliche Uebel etwas an Stärke übersteigende, höchst ähnliche Arzneikrankheit.

§158 … Diese kleine homöopathische Verschlimmerung, in den ersten Stunden - eine sehr gute Vorbedeutung, daß die acute Krankheit meist von der ersten Gabe beendigt sein wird


Nochmal: Es sind hier akute Krankheiten gemeint.

Wie ist es mit Erstverschlimmerungen bei chronischen Krankheiten? Da sollen sie NICHT sein (§161): - Fett – Unterstreichung Hervorhebung von mir-

Wenn ich die sogenannte homöopathische Verschlimmerung, oder vielmehr die, die Symptome der ursprünglichen Krankheit in etwas zu erhöhen scheinende Erstwirkung der homöopathischen Arznei, hier auf die erste oder auf die ersten Stunden setze, so ist dieß allerdings bei den mehr acuten, seit Kurzem entstandenen Uebeln der Fall; wo aber Arzneien von langer Wirkungsdauer ein altes oder sehr aItes Siechthum zu bekämpfen haben, da dürfen keine dergleichen, anscheinende Erhöhungen der ursprünglichen Krankheit, während des Laufes der Cur sich zeigen …;dergleichen Erhöhungen der ursprünglichen Symptome der chronischen Krankheit, können dann nur zu Ende solcher Curen zum Vorscheine kommen, wenn die Heilung fast oder gänzlich vollendet ist.

Bei den chronischen Krankheiten ist es notwendig, möglichst alle (viele) der Arzneisymptome mit den Krankheitssymptomen zur Deckung zu bringen. Nicht nur einige, wie im § 153. Je vollständiger das Arzneibild zum Krankheitsbild passt, um so wahrscheinlicher ist, dass eine Heilung erreicht werden könnte. Nur wenn, trotz guter Fallaufnahme nur wenige Symptome erhoben werden können und/oder wenn nur wenige davon in den bekannten Arzneiprüfbildern bei einer Arznei zu finden sind, muss ein Kompromiss gemacht werden.

Dann (§164) kann dennoch ein Erfolg erwartet werden:

Die geringe Zahl der, in der bestgewählten Arznei anzutreffenden, homöopathischen Symptome, thut der Heilung jedoch in dem Falle keinen Eintrag, wenn diese wenigen Arznei-Symptome größtentheils nur von ungemeinerdie Krankheit besonders auszeichnender Art (charakteristisch) waren; die Heilung erfolgt dann doch ohne sonderliche Beschwerde.

Aber wenn auch solche kaum unter den wenigen Symptomen zu finden sind, ist eine (vollständige) Heilung kaum zu erwarten.

Muss man sich mit einem Mittel zufrieden geben, was nur wenig passt, kann dennoch ein Therapieversuch begonnen werden. Vielleicht zeigen sich in dem Zusammenhang doch noch mehr brauchbare Symptome und eine neue Fallaufnahme mit neuer Auswertung bringt das besser passende Mittel zu Tage.

Wenn man zwischen zwei Mitteln, die scheinbar gleiche gut passen könnten auswählen muss, dann wird immer nur eines gewählt. Hat das im Laufe der Zeit sich ausgewirkt, sind einige der Symptome verschwunden, dann kann man nicht mehr auf das andere Mittel einfach so zurückgreifen, man muss den (verbliebenen ) Fall neu aufnehmen. Denn die Arzneigabe hat viele Veränderungen im Kranken bewirkt.

§ 169 … zwei Arzneien um den Vorzug ihrer Paßlichkeit streiten, deren eine mehr für den einen, die andere mehr für den andern Theil der Zeichen der Krankheit homöopathisch paßt, so läßt sich nicht anrathen, nach Gebrauch der vorzüglichern unter den beiden Arzneien, unbesehens die andre in Gebrauch zu ziehen 1),
1) Und noch weit weniger, beide zusammen einzugeben (m. s. §. 273. Anm.).
weil die sich als zweit-beste kundgegebne Arznei, bei indeß veränderten Umständen, nicht mehr für den Rest der dann noch übrig gebliebenen Symptome passen würde

Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum Hahnemann es ablehnt, mehrere homöopathische Arzneien gleichzeitig zu geben.

§ 273
In keinem Falle von Heilung ist es nöthig und deßhalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzigeeinfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wie es nur dem mindesten Zweifel unterworfen sein könne, ob es naturgemäßer und vernünftiger sei, nur einen einzelneneinfachen … wohl gekannten Arzneistoff auf einmal in einer Krankheit zu verordnen, oder ein Gemisch von mehreren, verschiednen. In der einzig wahren und einfachen, der einzig naturgemäßen Heilkunst, in der Homöopathie, ist es durchaus unerlaubt, dem Kranken zwei verschiedne Arzneisubstanzen auf einmal einzugeben.
   
Zum Einen eben kann die passende Arznei nur einen sein, die mit der größten Passgenauigkeit. Zum Anderen verändert eine Arznei die Befindlichkeit des Patienten auf ihre Weise und die andere auf deren Weise. Worauf soll nun der Patient reagieren? In welcher Weise? Wenn die eine Arznei wirkt, verändert sie den Patienten zum Einen so, dass er nicht zur anderen Arznei passen könnte. Zum Anderen können Arzneien untereinander Wirkungen haben, die nicht vorhersehbar sind, damit ist (aus der Kombination) ein anderes Arzneibild entstanden.

In der schulmedizinischen Pharmakologie kennt man das auch: Selbst wenn die Wirkung einer Substanz bekannt ist und die Wirkung einer anderen, so ist die Mischung niemals mit der Summe der Wirkungen einfach gleich zu setzen. Es ist eine neue Arznei entstanden, die erst ihren Wirknachweis erbringen muss.


Wie schnell sind Wirkungen zu erwarten? Bei den akuten, erst kürzlich entstandenen Krankheiten in Stunden, zumindest kurzer Zeit. Bei den chronischen Krankheiten kann es längere Zeit dauern.

§148 Wird, wie gesagt, die passend ausgewählte, homöopathische Arznei gehörig angewendet, so vergeht die zu überstimmende, acute, natürliche Krankheit, wenn sie kurz vorher entstanden war, unvermerkt, nicht selten in einigen Stunden, die etwas ältere, natürliche Krankheit aber (nach Anwendung noch einiger Gaben derselben, höher potenzirten Arznei, oder, nach sorgfältiger Wahl ...einer oder der andern, noch ähnlichern, homöopathischen Arznei) etwas später, 


§149 Die alten (und besonders die complicirten) Siechthume, erfordern zur Heilung verhältnismäßig mehr Zeit.

Und es kann im Laufe dieser Zeit durchaus sein, insbesondere bei Erkrankungen vom psorischen Typ,


dass man – nach neuer Fallaufnahme betreffend den bereits erreichten Therapiestand – ein neues Mittel benötigt.

§171 In den unvenerischen, folglich am gewöhnlichsten, aus Psora entstandenen, chronischen Krankheiten, bedarf man zur Heilung oft mehrer, nach einander anzuwendender, antipsorischer Heilmittel, doch so, daß jedes folgende dem Befunde der, nach vollendeter Wirkung des vorgängigen Mittels übrig gebliebenen Symptomen-Gruppe gemäß, homöopathisch gewählt werde.
   
Es dauert also bei chronischen Krankheiten. Dennoch kann bei langwierigen Leiden im Verhältnis die „Therapiezeit“ recht schnell sein. Bei Jahren an Krankheit genügen vielleicht nur Monate Therapie.

Das widerspricht nicht seinem Wunsche im § 2:

Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.

Doch ein von manchen behauptetes „homöopathisches Sekundenphänomen“ kann es nicht geben. Regelkreise brauchen Zeit, um das „normale“ Funktionieren wieder herzustellen. Schon weil, vor allem bei chronischen Krankheiten, sich auch veränderte Strukturen wieder rückbilden müssen. So z.B. Leberzellen Fetteinlagerungen abbauen müssen.

Vielmehr ist, wenn scheinbare „blitzartige“ Heilung behauptet wird, zu denken an §56:

Mit dieser palliativen (antipathischen, enantiopathischen) Methode, seit 17 Jahrhunderten, nach Galen's Lehre: contraria contrariis eingeführt, konnten die bisherigen Aerzte das Vertrauen des Kanken noch am gewissesten zu gewinnen hoffen, indem sie ihn mit fast augenblicklicher Besserung täuschten. …

Es erscheint so, alsob die Symptomenbildung einfach nur unterdrückt wird. Hahnemann warnt im
§58 da wird jeder aufmerksame Beobachter übereinstimmen, daß auf eine solche antipathische, kurze Erleichterung jederzeit und ohne Ausnahme Verschlimmerung erfolgt

Ein scheinbar umgehendes Verschwinden von Symptomen muss den Verdacht nahe legen, dass eben nicht homöopathisch behandelt wurde.

Die homöopathische Heilung der chronische Krankheiten ist ein Prozess, ein Verlauf, der auch vom Heilkundigen beobachtet und verfolgt werden muss. Schon um zu erkennen, ob das Mittel das richtige ist, in der richtigen Dosierung und Gabenhäufigkeit, sowie zu erkennen, wann ggf. ein Folgemittel gegeben werden muss.

Schon dieses Wesen der homöopathischen Arzneibehandlung der individuell verlaufenden Krankheiten lässt es nicht zu, die Wirkung homöopathischer Arzneien so zu prüfen, wie bei chemischen Pharmaka üblich: Mittels Gruppen von (nach statistischen Kriterien gewählten) Probanden von denen eine die Arznei bekommt, die andere eine wirkstofffreie „Leerarznei“ (Placebo).

Die Wahl der homöopathischen Arznei erfolgt individuell, nicht nach einem Symptom, dass alle haben sollten. Sie erfolgt nach individualisierender Untersuchung (Fallaufnahme) und bei scheinbar den gleichen „Hauptsymptomen“ mit unterschiedlichen Arzneien.

Will man prüfen, ob die Homöopathie wirkt, dann prüft man im Grunde nur, ob der Heilkundler in der Lage war, den Patienten richtig „zu erkennen“, den richtigen Heilweg (vielleicht nur Lebensumstellung nötig) zu finden und wenn nötig, die individuell passende Arznei auszuwählen. Selbstverständlich hat schon diese Art, den Patienten ernst zu nehmen und ihn als etwas eigenes zu betrachten für Patienten eine – gegenüber dem, was sie sonst erleben – eigene „heilende Wirkung“.

Doch alle Arzneiprüfungen zeigen, dass eine Reihe von Menschen Besserung spüren (schon wegen der Erwartungshaltung) ohne dass eine Arzneiwirkung da war. Wenn 80 % der Probanden mit Arznei Besserung spüren und 40 % auch ohne, wie vielen hat die Arznei tatsächlich geholfen? Man gönne es doch der Homöopathie, dass auch sie Placeboeffekte haben kann. Trotz und neben der Arbeitsleistung des Heilkundigen und der Wirkung der Homöopathika. So wie man das auch anderen Heilweisen erlaubt.




Wird fortgesetzt


Copyright K.-U.Pagel 04.2015