Sonntag, 10. Mai 2015

Homöopathie nach Hahnemann - Der Potenzierer wirkt auf Arznei ein?

Homöopathie nach Hahnemann – Einwirkungen auf Arzneien/Wirkveränderungen durch Schütteln


Betreffend Hahnemanns späte Lebensjahre schrieb ich im vorangegangenen Teil, mit Blick auf die sehr viel jüngere (den greisen Berühmten dominierende) Ehefrau: Dazu übernahm sie viele Aufgaben in der Aufzeichnung der Fälle und wirkte auch an den Änderungen in der 6. Auflage des Organon mit (fertig 1943, Todesjahr von Hahnemann). In der dann der Bruch mit der bisher logisch- wissenschaftlich- physiologischen Medizinidee in Form der LM (Q) Potenzen aufgenommen wurden. Die Auflage 5, fertig 1833, kannte diese noch nicht. Die 6. Auflage erschien wegen des Widerstandes klassischer Homöopathen, die eben solche Veränderungen sahen, die sie Hahnemann nicht zuordnen konnten, erst 1921.

Da hatte ich den Focus unter anderem auf seine „Spätentwicklung“ Q- oder LM-Potenzen gerichtet und auf seine „aus seiner logischen Bahn geratenen“ Erklärungsversuche zur „Dynamisierung“ von Arzneien. Hier ein Blick auf seine Ideen (waren es wirklich seine und auf Grund welcher tatsächlichen Erfahrungen entwickelt), wie vor jeder neuen Gabe die Arznei „verändert“ werden müsse.

In der 5. Auflage (1833) taucht so etwas nicht auf. Dort heißt es in den Paragraphen

246
Langsam hingegen fortschreitende Besserung auf eine Gabe von treffend homöopathischer Wahl vollendet zwar auch, wenn sie recht fein ist, zuweilen in ihrer ohne Anstoss fortgehenden Wirkungsdauer die Hülfe, die dieses Mittel überhaupt in diesem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in Zeiträumen von 40, 50, 100 Tagen. Aber theils ist diess selten der Fall, theils muss dem Arzte, so wie dem  Kranken viel daran liegen, dass, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt, und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte. Und diess lässt sich auch, wie neuere, vielfach wiederholte Erfahrungen gelehrt haben, recht glücklich ausführen unter drei Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war – zweitens, wenn sie in der feinsten, die Lebenskraft am wenigsten empörenden und sie dennoch gehörig umstimmenden Gabe gereicht, und, drittens, wenn eine solche feinste, kräftige Gabe der best gewählten Arznei in angemessenen Zeiträume wiederholt127] wird, die von der Erfahrung als die schicklichsten ausgesprochen werden zur möglichsten Beschleunigung der Cur, doch ohne dass die zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebenskraft zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne.

247
Unter diesen Bedingungen können die feinsten Gaben der best gewählten homöopathischen Arznei mit dem besten, oft unglaublichen Erfolge in Zeiträumen von 14, 12, 10, 8, 7 Tagen wiederholt werden, und, wo Eile nöthig ist, in chronischen, den acutensich nähernden Krankheits-Fällen, in noch kürzern Zeiträumen, bei acuten Krankheiten aber in noch weit kürzerer Zeit, – nach 24, 12, 8, 4 Stunden, in den acutesten, sogar nach 1 Stunde, bis zu jeder fünften Minute – alles, nach Massgabe des mehr oder weniger schnellen Verlaufs der Krankheit und des angewendeten Arzneimittels, wie in der Anmerkung bestimmter erklärt wird.


und 248
Die Gabe derselben Arznei wird einige Mal, nach den Umständen, doch nur so lange wiederholt, bis entweder Genesung erfolgt, oder bis dasselbe Mittel aufhört, Besserung zu bringen und der Rest der Krankheit, in einer abgeänderten Symptomen-Gruppe, eine andre homöopathische Arznei erheischt.

Die Arznei wird also einfach so fortgegeben, ohne erneut darauf einwirken zu müssen. Das war das Resultat vieler Jahre Arbeit damit. Nun, in seiner Pariser Zeit, als „alter Mann einer jungen Frau, die es genoss, im Rufe ihres Mannes zu agieren, schreibt er (alles selbst?) in der 6. Auflage des Organon:

 § 246 Jede, in einer Cur merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein Zustand der, so lange er anhält, jede Wiederholung irgend eines Arznei-Gebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die genommene Arznei auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt. … Eine Gabe treffend gewählter, homöopathischer Arznei die Hülfe, die dieses Mittel in solchem Falle seiner Natur nach auszurichten im Stande ist, in einem Zeitraume von 40, 50, 60, 100 Tagen. Aber theils ist dies sehr selten der Fall, theils muß dem Arzte, so wie dem Kranken viel daran liegen, daß, wäre es möglich, dieser Zeitraum bis zur Hälfte, zum Viertel, ja noch mehr abgekürzt und so weit schnellere Heilung erlangt werden könnte.
Und dieß läßt sich auch, wie neueste, vielfach wiederholte Erfahrungen mich gelehrt haben, recht glücklich ausführen, unter folgenden Bedingungen: erstens, wenn die Arznei mit aller Umsicht recht treffend homöopathisch gewählt war - zweitens, wenn sie hoch potenzirt, in Wasser aufgelöst und in gehörig kleiner Gabe in, von der Erfahrung als die schicklichsten, ausgesprochenen Zeiträumen zur möglichsten Beschleunigung der Cur gereicht wird, doch mit der Vorsicht, daß der Potenz-Grad jeder Gabe von dem der vorgängigen und nachgängigen Gaben um Etwas abweiche, damit das, zur ähnlichen Arzneikrankheit umzustimmende Lebensprincip, nie zu widrigen Gegenwirkungen sich aufgeregt und empört fühlen könne, wie bei unmodificirt erneuerten Gaben, vorzüglich schnell nach einander wiederholt, stets geschieht *).
Die wesentliche Abweichung habe ich unterstrichen.
 § 247 Ganz dieselbe, unabgeänderte  Gabe Arznei, selbst nur einmal, geschweige viele Male nach einander (und, wenn die Cur nicht verzögert werden soll, in kurzen Zeiträumen) zu wiederholen, bleibt ein unausführbares Vorhaben. Das Lebensprincip nimmt solche ganz gleiche Gaben nicht ohne Widerstreben an, das ist, nicht ohne andere Symptome der Arznei laut werden zu lassen als die, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, weil die vorige Gabe schon die von ihr zu erwartende Umstimmung des Lebensprinzips vollführt hatte, eine zweite, an Dynamisation ganz gleiche, unveränderte Gabe derselben Arznei daher ganz dasselbe auf das Lebensprinzip nicht mehr auszuführen vorfindet. Nun kann der Kranke durch eine solche unabgeänderte Gabe nur noch anders krank, im Grunde nur kränker werden als er schon war, indem jetzt nur diejenigen Symptome derselben Arznei zur Wirkung übrig bleiben, welche für die ursprüngliche Krankheit nicht homöopathisch sind, also kann auch kein Schritt vorwärts zur Heilung, sondern nur wahre Verschlimmerung des Kranken erfolgen. Sobald man aber die folgende Gabe jedesmal in ihrer Potenz um etwas abändert, das ist, etwas höher dynamisirt, (§. 269., 270.) so läßt das Kranke Lebensprinzip sich unbeschwert ferner durch dieselbe Arznei umstimmen (sein Gefühl von der natürlichen Krankheit ferner vermindern) und so der Heilung näher bringen.

Nun macht er was ganz anderes daraus. Er verlangt, dass jedesmal vor Gabenwiederholung die Arznei in der Potenz etwas „verändert“ wird. Eine Arznei, die unverändert wiederholt wird, soll danach sogar dem Patient „ nicht wieder wohl getan“ haben.

Im § 248 führt er dann aus:

Zu dieser Absicht wird die Arznei-Auflösung 1)vor jedem Male Einnehmen (mit etwa 8, 10, 12 Schüttel-Schlägen der Flasche) von Neuem potenzirt, wovon man den Kranken Einen, oder (steigend) mehrere Kaffee- oder Thee-Löffelchen einnehmen läßt, in langwierigen Krankheiten täglich, oder jeden zweiten Tag, in acuten aber, alle 6, 4, 3, 2 Stunden, in den dringendsten Fällen, alle Stunden und öfter. So kann in chronischen Krankheiten, jede richtig homöopathisch gewählte Arznei, selbst die, an sich von langer Wirkungs-Dauer, in täglicher Wiederholung Monate lang eingenommen werden, mit steigendem Erfolge. Ist aber die Auflösung (in 7, 8, oder in 14, 15 Tagen) verbraucht, so muß zu der folgenden Auflösung derselben Arznei - wenn ihr Gebrauch noch angezeigt ist - ein, oder (obwohl selten) mehre Kügelchen von einem andern (höhern) Potenz-Grade genommen werden, womit man so lange fortfährt, als der Kranke noch immer mehr Besserung davon spürt, ohne eine oder die andre, nie im Leben gehabte bedeutende Beschwerde davon zu erleiden. …

Glaubt man seinen Ideen, dann würde eine Arznei (hier in flüssiger Form, Auflösung) neue Wirkungen zeigen. Das Schütteln der Flasche würde einen neue Potenzierung bedeuten. Das widerspricht seiner bisherigen Logik. Potenzieren ist nicht schütteln allein. Zumindest was das angebliche Auslösen von Erstreaktionen, Erstverschlimmerungen der unveränderten Arzneiwiederholung betrifft, würde man dieses vermeiden können Hat er das die ganzen Jahre vorher tatsächlich so beobachtet? Welche Patienten konnte ein Arzt damals wirklich über viele Wochen beobachten?

Ich habe so etwas in den über 30 Jahren homöopathischer Arbeit nicht beobachten können: Später auftretende Erstverschlimmerungen wegen nicht jedesmal neu verschüttelter Arznei. Wäre auch nicht praktisch verwertbar. Sofern jedesmal, wenn Arzneien unter „Stöße“ geraten, sich darinnen etwas an Wirkstärke ändern würde, wäre es ja unmöglich, eine reproduzierbare oder vorhersehbare Arzneiwirkung zu haben. Schon wenn man die Wege vom Hersteller zur Patientenwohnung betrachte mit all den Transport bedingten Vibrationen und mechanischen Einwirkungen (Fahren über holprige Straße z.B.). Mit Verwunderung musste ich mal in einem „Fachbeitrag“ lesen, dass eine mit homöopatischen Arzneien Therapierende einer Patientin, die angeblich erhebliche Verschlimmerungen während der Therapie erlitt, erklärt haben solle, dass das daran läge, dass sie die Arzneien auf einer Wanderung in ihrem Rucksack getragen und dort Schüttelschlägen ausgesetzt habe. Und das sollte dem Leser beweisen, wie Homöopathika wirken.

Spielt hier der für die Homöopathie immer wieder angeführte Placeboeffekt auch bei Verordnern eine Rolle?


Kann die Stimmung dessen, der die Substanzen potenziert gar eine Rolle spielen für die Heilwirkung? Wenn er lustlos schüttelt haben dann die gleichen Arzneien einen andere Wirkung, als wenn er fröhlich dabei singt. Können die durch einen Lügner und Betrüger potenzierten Arzneien vielleicht den Patienten schädigen? Kann der Potenzierende selbst spüren, welche Wirkungen von der Arznei ausgehen können und ist das – unabhängig von den Arzneiprüfungen am Gesunden – ein vernünftiger Maßstab für die Verabreichung an Patienten?

Wenn die Person des Potenzierenden einen Rolle spielt, wenn dessen Empfindungen beim Potenzieren eine Aussage zur Wirkung machen kann, dann wären homöopathische Arzneien hoch gefährlich. Der Potenzierende könnte ja persönlich auf den Patienten einwirken, quasi bösen Fluch auf den übertragen, fast wie beim Voodoo. Solche Ideen lagen Hahnemann bei seiner Heilweise völlig fern. Er hätte sonst immer wieder ganz deutlich darauf hingewiesen. Auch seine Erklärungen zum Mesmerismus – eine ganz andere Heilweise -, in der der wohlmeinende Behandler eine Rolle spielt, sind nicht auf seine Lehre übertragbar. Auch damals galt der Mesmerismus bereits als eine Art hypnotisches, suggestives Verfahren, welches viel durch den Mesmerisierer bewirkte.


Wird fortgesetzt.

Copyright K.-U.Pagel

Sonntag, 3. Mai 2015

Was ist die Lebenskraft nach Hahnemann?

Homöopathie nach Hahnemann: Materiell und Immateriell untrennbar



Schon zu Hahnemanns Zeiten begann es, dass seine ursprüngliche Medizinlehre, die Therapie von „echten chronischen Krankheiten“ mittels potenzierten Arzneien ist davon nur ein kleiner Teil, mit anderen Ideen durchmischt zu werden drohte/durchmischt wurde.

Mit fast 80 Jahren 1835 heiratete er eine relativ junge französische Adelige, Melanie d'Hervilly (geb. 1800).
Er zog mit ihr nach Paris und praktizierte dort als Arzt. Sie hatte ihren Einfluss, ihre Beziehungen in der Pariser Gesellschaft für seine Zulassung dort spielen lassen. Ihre Verbindungen halfen, dass die Praxis dort rasch florierte. Tatsächlich übernahm sie selbst einen großen Teil der Behandlungstätigkeit und Hausbesuche. Dazu übernahm sie viele Aufgaben in der Aufzeichnung der Fälle und wirkte auch an den Änderungen in der 6. Auflage des Organon mit (fertig 1943, Todesjahr von Hahnemann). In der dann der Bruch mit der bisher logisch- wissenschaftlich- physiologischen Medizinidee in Form der LM (Q) Potenzen aufgenommen wurden. Die Auflage 5, fertig 1833, kannte diese noch nicht. Die 6. Auflage erschien wegen des Widerstandes klassischer Homöopathen, die eben solche Veränderungen sahen, die sie Hahnemann nicht zuordnen konnten, erst 1921.

Man kann davon ausgehen, dass einige der angeblich dazu (Änderungen/Ergänzung in 6. Auflage) führenden „Erfahrungen“ des Greises aus dem Kopfe seiner für ihn tätigen Frau stammten. Sie war keine Ärztin und keine Naturwissenschaftlerin sondern Künstlerin. Entsprechend wenig heilkundlich konnten ihre Beobachtungen und Einschätzungen sein. Erkrankungen kannte sie – im Gegensatz zu ihrem Mann – im Grunde nur von Hören-Sagen und aus Laiensicht. Hier kam Homöopathie aus der Medizin in Laienhand. Entsprechend stand Sie auch (nach Hahnemanns Tode) vor Gericht wegen unerlaubter Heilkundetätigkeit und wurde verurteilt. Sie hatte angeblich 1840 bei John Helfrich, dem Begründer der ersten Homöopathie-Schule in den USA, ihr Diplom als Homöopathin gemacht. Allerdings wurde es erst viel später übersandt. Warum so ein Weg gewählt wurde, ist unklar. Es hatte wohl mit dem Gerichtsverfahren zu tun,Ob und wann sie in den USA war – 1840? zu Lebzeiten des greisen Hahnemann - und warum sie nicht bei ihm eine „Ausbildung“ absolviert hatte, mag verwundern.

Weiter gingen solche Veränderungen mit Schüssler, der sich materiell nur „biochemisch“ mit den „Grundsalzen des Lebens“ beschäftigte. Mit August Weihe, der versuchte empfindliche Druckpunkte am Körper mit homöopathischen Arzneien in Verbindung zu bringen. Sein Großvater hatte bei Hahnemann Homöopathie gelernt. Weiter mit der Verbindung zwischen Akupunktur und Homöopathie (Roger de la Fuye). Dann Einfließen und entsprechende „Uminterpretationen“ in die anthroposophische Lehre von R. Steiner. Bis hin zu Ideen von A. Pepler in ihrer „Kreativen Homöopathie“: Alles, was wir je erlebt haben, ist in unserem Körper gespeichert - auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Durch Beschwerden und Krankheiten sendet uns der Körper eine Botschaft. Er wiederholt sie so lange, bis wir den Sinn verstanden haben. …Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, verfolgte den genialen Ansatz, die Persönlichkeit nochmals mit dem Thema dieses Ungleichgewichtes - der Entwurzelung - zu konfrontieren..“ Woher sie das bei Hahnemann ableiten konnte, bleibt unklar.


Und zu den eigenartigen Resonanzideen der C4 Homöopathie (Ehrler und Becker). Witold Ehrler wird zugemessen: „Die Verreibung der Arznei führte dazu, dass er in Zustände geriet, bei denen er körperliche, emotionale Erfahrungen machte, die auch von imaginativen Bildern begleitet wurden. Auf jeder Stufe der Verreibung lässt sich etwas anderes spüren, als ob die Themen in eine andere Sphäre hinüberwechselten.

Um nur einen Teil zu benennen. Man muss klar feststellen, dass das alles mit der Medizinlehre Hahnemanns nichts zu tun hat.


Aus dem Organon, 6. Ausgabe:

§ 10 Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig;( Er ist todt und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Bestandtheile aufgelöst.)nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprincip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.

§ 11 Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organism überall anwesende, selbstthätige Lebenskraft (Lebensprincip) durch den, dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluß eines krankmachenden Agens verstimmt; nur das zu einer solchen Innormalität verstimmte Lebensprincip, kann dem Organism die widrigen Empfindungen verleihen und ihn so zu regelwidrigen Thätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen, denn dieses, an sich unsichtbare und bloß an seinen Wirkungen im Organism erkennbare Kraftwesen, giebt seine krankhafte Verstimmung nur durch Aeußerung von Krankheit in Gefühlen und Thätigkeiten, (die einzige, den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrte Seite des Organisms), das ist, durch Krankheits-Symptomen zu erkennen und kann sie nicht anders zu erkennen geben.


Ich fasse anhand dieser Zitate noch einmal zusammen: Der Organismus besteht aus seinen materiellen Teilen: Organe, Zellen, Zellorganellen, Enzymsysteme usw. Diese arbeiten nach festen Regeln miteinander und lassen den Organismus leben. Sie erhalten seine innere Ordnung aufrecht. In der Physik sind die Phänomene, die wirken, wenn etwas irgendwie abläuft, sich verändert, Kräfte.


Also muss es eine Kraft geben, die den Organismus funktionieren lässt, ihn sich anpassen lässt an alle vorhandenen und sich verändernden Bedingungen, ihn sich selbst erhalten lässt. Kräfte wirken entsprechend Gesetzen, Regeln, Prinzipien. So gibt es für jedes Lebewesen die dafür typischen Lebensprinzipien, die machen, dass es z.B. eine Rose ist und wie eine Rose duftet usw.


Das hat nicht mit höheren „geistigen Sphären“ zu tun, mit irgendwelchen „Aufträgen“ die Menschen während ihres Lebens zu erfüllen hätten – aus einem Vorleben mitgenommen haben oder ins nächste Leben übertragen müssen.


Die Lebenskraft ist schlicht das, was als Ablaufprinzipien in Genen geschrieben ist und biochemische Funktionskreise ablaufen lässt. Es ist verstandslos und instinkthaft dieses Lebensprinzip. Wenn etwas ist, wie es ist, so läuft es ab, wie es ablaufen soll. Es sei denn, es treten Störungen auf/dazu. Programmtexte sind falsch oder ändern sich, Umstände wirken auf den Organismus ein und zwingen den zu anhaltenden Funktionen, die in dieser Form und Dauer nicht vorgesehen sind.


Hahnemann ist physikalisch logisch. Auf Kräfte wirken (die passenden) Kräfte. Auf elektrische Kräfte wirken keine Gewichtskräfte. Wurde die Lebenskraft „verstimmt“, dann durch krankmachende Kräfte, die darauf wirken können, ebenso dann Arzneien, die auch Kräfte haben müssen, die auf die Lebenskraft wirken. Doch ohne dass es den Organismus mit seinen materiellen Teilen gibt, kann es keine Kraft geben, die auf ihn wirkt. Denn, das lehrt die Physik, die Kraft sieht man nur durch ihre Wirkung auf etwas. Darum sieht man die Lebenkraft durch die gesunden und kranken Symptome als Lebensäußerungen des Organismus. Gibt es keinen Organismus, gibt es nichts, von dem die Kräfte ausgehen können und auf die sie wirken können. Die Lebenskraft ist untrennbar mit der Existenz „lebensfähiger“ Materie verbunden, erst durch diese kann sie wirken. Und erst durch dieses Wirken lebt der Organismus.


Dazu der § 15 der 6. Auflage des Organon (in der Vorauflage fast wörtlich ebenso enthalten)


§ 15 Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, unsern Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsichtbaren Innern und der Inbegriff der von ihr im Organism veranstalteten, äußerlich wahrnehmbaren, das vorhandene Uebel darstellenden Symptome, bilden nämlich ein Ganzes, sind Eins und Dasselbe. Wohl ist der Organism materielles Werkzeug zum Leben, aber ohne Belebung von der instinktartig fühlenden und ordnenden Dynamis so wenig denkbar, als Lebenskraft ohne Organism; folglich machen beide eine Einheit aus, obgleich wir in Gedanken diese Einheit, der leichtern Begreiflichkeit wegen in zwei Begriffe spalten.


Woher kommt das Leben? Irgendwann einmal begannen sich chemische Abläufe in ähnlicher Weise zu wiederholen und – überzufällig oft – zu den gleichen Ergebnissen zu führen, die ihrerseits wieder diese Abläufe anregten. Das „Quantenchaos“ wandelte sich irgendwann in geregelte, reproduzierbare Abläufe. Dabei entstanden aus rein zufälligen „Quantenereignissen“ langzeit- persitierende Kosmen. Mit aber immer darin enthaltenen Veränderungen nach physikalischen Gesetzen. Aus Mikrokosmen werden Makrokosmen. Wie im Kleinen, so im Großen. Nur durch Ordnung wird im Kleinen aus dem Chaosteilchen ein Atom, das seinerseits mit anderen „korrespondiert“ und daraus schließlich im Großen Organismen und Gestirne werden lässt.
Das dahinter stehende Prinzip ist ganz einfach: Werde und sammle Dich mit anderen zu einem immer größeren Ganzen mit inneren festen Ablaufregeln oder zerfalle einfach wieder und sei nicht.


Wann das einmal und durch wen auch immer in Gang gesetzt wurde, werden Menschen wohl nie begreifen. Aber sie wissen. Leben entsteht aus Leben, das sich fortsetzt, ohne dass der Tod diese Kette unterbricht. Die Eizelle, die befruchtet wird, lebt, auch wenn sie ruhte. Wenn die Bakterie sich teilt und zwei neue Bakterien entstehen, ein Lebewesen mehr, dann nur aus laufenden Lebensabläufen, in denen das jeweilige Lebensprinzip wirkt.


Hahnemann fragt weder nach dem Sinn des Lebens noch danach, was höhere „geistige“ Aufgaben des Lebens sein könnten. Es mag diese geben, aber sie sind in seinem Verständnis der Lebenskraft, dem Lebensprinzip, das an den Organismus gekoppelt ist, nicht enthalten.


Und so sollte man auch seine Homöopathie sehen. Wer etwas anderes darin sehen möchte und ein eigenes „Lehrmodell“ damit aufgebaut hat, mag das endlich einmal hinreichend klar von der Medizin nach Hahnemann abgrenzen und auch das Wort „Homöopathie“ nicht verwenden, da ja im Regelfall gar kein „Simileprinzip“ dahinter steht.


Es mag seinem hohen Alter zuzumessen sein, vielleicht den „Verwirrungen“, die seine junge Frau, die ja für ihn wirkte, mit sich brachte, dass er in einem Zusatz zum § 269 schrieb:
Was Wunder also, wenn die jetzigen Naturkündiger und Aerzte (hiemit noch unbekannt) bisher an die zauberische Heilkraft der, nach homöopathischer Lehre bereiteten (dynamisirten) und in so kleiner Gabe angewendete Arzneimittel, bisher nicht glaubten!


Er meint sicher keinerlei Zauberwirkung, keinerlei Magie, die in den potenzierten Arzneien steckt. Er hat wohl nicht daran gedacht, dass seine bildhafte Sprache, die sich auch darin zeigt, dass er die Wirkung der Lebenskraft, der Arzneikraft als „geistartig“ beschrieb, so sehr missdeutet werden könnte, wie das bei den „veresoterisierten“ neu erfundenen Homöopathieformen geschah und geschieht.


Und er wird gerne missverstanden, so mit dem
§ 148Die natürliche Krankheit ist nie als eine irgendwo, im Innern oder Aeußern des Menschen sitzende, schädliche Materie anzusehen (§. 11., § 13.), sondern als von einer geistartigen, feindlichen Potenz erzeugt, die, wie durch eine Art von Ansteckung (Anm. zu §. 11), das im ganzen Organism herrschende, geistartige Lebensprincip in seinem instinktartigen Walten stört, als ein böser Geist quält und es zwingt, gewisse Leiden und Unordnungen im Gange des Lebens zu erzeugen, die man (Symptome) Krankheiten nennt.


So nehmen manche Homöopathieumdeuter es wörtlich und meinen, dass ein böser Geist aus der Geisterwelt kommend, den Organismus krank macht.


Als alter Mann hat er in einem Zusatz zum § 11 (in der 6. Auflage) des Organon noch mal (unbeholfen) zu erklären versucht, dass er schlicht nur ausdrücken will: Kräfte selbst sieht man nicht, sie sind wie man sich in der Phantasie Geister vorstellt, unsichtbar, es erscheint wie Zauberei, was man sieht, doch ist es real – und materiell.

* Was ist dynamischer Einfluß, dynamische Kraft?
Wir nehmen wahr, daß unsere Erde durch eine heimliche, unsichtbare Kraft ihren Mond in 28 Tagen und etlichen Stunden um sich herumführt und wie dagegen der Mond unsere nördlichen Meere abwechselnd in festgesetzten Stunden zur Fluth erhebet und in gleichen Stunden wieder zur Ebbe sinken läßt (einige Verschiedenheit beim Voll- und Neumonde abgerechnet). Wir sehen dieß und erstaunen, weil unsere Sinne nicht wahrnehmen, auf welche Weise dieß geschieht. Offenbar geschieht es nicht durch materielle Werkzeuge, nicht durch mechanische Veranstaltungen, wie menschliche Werke.
Er will nicht aussagen, dass „Geister“ den Mond bewegen. Er will schlicht sagen, man sieht die Wirkung, nicht die wirkende Kraft. Aber sie ist keine Zauberei.
Und so sehen wir noch viele andere Ereignisse um uns her, als Erfolge von der Wirkung der einen Substanz auf die andere, ohne daß ein sinnlich wahrnehmbarer Zusammenhang zwischen Ursache und Erfolg zu erkennen wäre.
Diese Aussage macht es wohl noch deutlicher: Materie, Substanz wirkt untereinander. Ohne diese keine Wirkung. Man sieht die Wirkung, aber keine Hand dabei, die etwas macht. Er
kämpft darum, mit den Worten und Vorstellungen, die er (in seinem Alter) hat, auszudrücken, was er unter „geistartig“ versteht:
... als es die Kraft eines Magnetstabes ist, wenn er ein, in seiner Nähe liegendes Stück Eisen oder Stahl mit Gewalt an sich zieht. Man sieht, daß das Stück Eisen von einem Ende (Pole) des Magnetstabes angezogen wird; aber wie es geschieht, sieht man nicht. Diese unsichtbare Kraft des Magnets bedarf, um das Eisen an sich zu ziehen, keines mechanischen (materiellen) Hülfsmittels, keines Hakens oder Hebels; sie zieht es an sich und wirkt so auf das Stück Eisen, oder auf eine Nadel von Stahl mittels einer reinen immaleriellen, unsichtbaren, geistartigen, eignen Kraft, das ist dynamisch, theilt auch der Stahl-Nadel die magnetische Kraft eben so unsichtbar (dynamisch) mit ...
Er hat noch nicht das Wissen der heutigen Zeit, wenn er mühevoll zu erklären versucht (damit er eben nicht weiter missverstanden wird!):

so wie ein Kind mit Menschen-Pocken oder Masern behaftet,dem nahen, von ihm nicht berührten, gesunden Kinde, auf unsichtbare Weise (dynamisch) die Menschen-Pocken oder die Masern mittheilt, das ist, es in der Entfernung ansteckt, ohne daß etwas Materielles von dem ansteckenden Kinde in das anzusteckende gekommen war, oder gekommen sein konnte, so wenig als aus dem Pole des Magnetstabes etwas Materielles in die nahe Stahl-Nadel. Eine bloß spezifische, geistartige Einwirkung theilte dem nahen Kinde dieselbe Pocken- oder Masern-Krankheit mit, wie der Magnetstab der ihm nahen Nadel, die magnetische Eigenschaft.
Er kannte weder Viren noch Bakterien als Krankheits“ursachen“. Tatsächlich werden auch ohne direkte Berührung die für das Auge unsichtbaren Krankheitserreger übertragen. Doch hat er recht: Diese wirken im Organismus mittels ihres „Lebensprinzips“ und verlangen einen Antwort der Lebenskraft, des Selbsterhaltungsprinzips. Bakterien vermehren sich z.B. in den Zellspalten und gefährden die Fortexistenz der Organismuszellen dort. Dadurch werden Signale gesetzt, die die Gegenwehr anregen, ein gesundes Prinzip, Eindringlinge zu bekämpfen und zu vernichten. Damit der Organismus wieder, auch an dieser Stelle, ungestört seine Funktionen wahrnehmen kann.

Viren dringen in Zellen ein und zwingen diesen das Programm des Virus auf. Das eigene Zellprogramm, die Lebenskraft dieser Zelle, wird gestört. Ein Programm sorgt dafür, dass Abwehrzellen zu Hilfe kommen können und zumindest verhindern, dass weitere Zellen „entarten“.

Selbst, wenn wir mit modernem Wissen Krankheitskeime identifizieren, diese tragen in ihrem „so sein, wie sie sind“ die „Information mit sich, die der Lebenskraft Anstoß ist, zu reagieren. Wenn diese nicht reagieren kann, weil ihr dazu Programme fehlen, diese falsch sind oder anderes hindert, sich gegen Keime zu wehren, dann liegt Krankheit vor. Eine chronische, die durch den Heilkundefachmann zu erkennen und zu behandeln wäre.

Es sind nicht die körperlichen Atome dieser hoch dynamisirten Arzneien noch ihre physische oder mathematische Oberfläche (womit man die höhern Kräfte der dynamisirten Arzneien, immer noch materiell genug, aber vergeblich deuteln will), vielmehr liegt unsichtbarer Weise in dem so befeuchteten Kügelchen oder in seiner Auflösung eine aus der Arznei-Substanz möglichst enthüllte und freigewordene, spezifische Arzneikraft, welche schon durch Berührung der lebenden Thierfaser auf den ganzen Organism dynamisch einwirkt (ohne ihm jedoch irgend eine, auch noch so fein gedachte Materie mitzutheilen) und zwar desto stärker, je freier und immaterieller sie durch die Dynamisation (§. 270) geworden war.
So versucht er nochmal verwirrend zu entwirren: Es ist eben nicht das Atom persönlich, was tätig wird, es sind die „im Atom gespeicherten Kräfte“, die das bewirken, was man sieht. Nicht das Atom selbst tut etwas. Aber von ihm, von seiner materiellen Existenz geht das aus, was man als Kraftwirkung erkennen kann. Man kann es nicht immateriell irgendwo haben. Und wenn man dann den Träger, die Arznei egal welcher Beschaffenheit ist ein Träger! - mit einem Organismus „in Berührung“ bringt, nahe genug heran, dass die Kraft, die vom Existierenden ausgeht, noch auf z.B. einen Nerven einwirken kann, so bewirkt das etwas am „Ziel“. Lässt dort Materielles „wie von Geisterhand bewegt“ sich ändern.

Er bemüht dann den Vergleich:
Wenn Du etwas Ekelhaftes ansiehst und es hebt sich in Dir zum Erbrechen, war da etwa ein materielles Brechmittel in Deinen Magen gekommen, was ihn zu dieser antiperistaltischen Bewegung zwang? War es nicht einzig die dynamische Wirkung des ekeln Anblicks auf Deine Einbildungskraft allein? Und, wenn Du Deinen Arm aufhebst, geschieht es etwa durch ein materielles, sichtbares Werkzeug? einen Hebel? Ist es nicht einzig die geistartige, dynamische Kraft Deines Willens, die ihn hebt?
Wir wissen, das war materiell: Man sieht was, das Gehirn bewertete das als „ekelhaft“. Es schaltetet dann den Körper so ein, als ob man das Eklige aus dem Magen entfernen müsse. Dass das alles so abläuft, ist im „Arbeitsprogramm“, der Lebenskraft, des Gehirns so gespeichert. Und es muss sich dabei sowohl der greifbaren Nervenzellen wie der Magenmuskulatur bedienen. Doch ohne das greifbar Ekelhafte, was man ansieht und ohne greifbaren Magen kein Erbrechen. Es ist die Wirkung des einen Materiellen, was das andere Materielle reagieren lässt.
Dass im Grunde an Materie gebundene „Kraftwirkung“ (auch eine Form der Information) auf den Organismus durch die Arzneien einwirken soll, zeigt sich daran, wie die Arzneien zum Einsatz kommen sollen:

§ 284
 Außer der Zunge, dem Munde und dem Magen, die am gewöhnlichsten beim Einnehmen von der Arznei afficiert werden, sind vorzüglich die Nase und die Athmungs-Organe für die Einwirkung der Arzneien in flüssiger Gestalt empfänglich, durch Riechen und Einathmen durch den Mund. Doch ist auch die ganze, übrige, mit ihrem Oberhäutchen umkleidete Haut unseres Körpers, für die Einwirkung der Arznei-Auflösungen geschickt, vorzüglich wenn die Einreibung mit der gleichzeitigen Einnahme verbunden wird.
Eben durch Materie auf Materie.Die Materie Arznei wirkt mit ihrer Kraft auf die Materie Hautnerven, Riechnerven usw. und erzeugt dort Materie verändernde Wirkungen, welche zu „Anpassungsreaktionen“ des „Selbsterhaltungsprinzips“ Lebenskraft führen. Unsichtbar, aber keine Zauberei, keine Wirkung höherer Mächte.



Wird fortgesetzt.



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